friedemann weise18.12.07 - 15.03.08
15.03.08 - Hofheim am Taunus, Café Memento
Ilsebill salzte nach. Der weiße Kies knirschte unter der Masse der dunkelblauen Limousine, die kurz vor der Freitreppe zum stehen kam. Der Morgen lag vor der Contessa. Friedemann Weise gab seinem Reitlehrer einen Kuss auf die Wange und verabschiedete sich fast freundschaftlich. Sechs Tage in den farbenfrohesten Graustufen zwischen Askese und Ekstase lagen vor ihm und seinem treuen Begleiter Chris.
Mehrere Stundenkilometer später: Eine Kleinstadt im Taunus. Einige Halbstarke haben mit Liebe und Holz einen alten Stall in der Dorfmitte in eine kleine Bühne verwandelt. Dem Freiherr bleibt die Ehre, diesen Veranstaltungsort einzuweihen. Um sich aber davon zu überzeugen, dass die Stromversorgung sicher ist, lässt er zunächst Mataharian, eine aufstrebende örtliche Musikgruppe, aufspielen. Die macht das ganz ordentlich und zur Freude aller. Die unverheirateten Mädchen des Dorfes haben ihre schönsten Trachten an. Es sind geschnürte Leinenschuhe und enge Beinkleider aus amerikanischer Baumwolle. Dann spielt der Baron in seinem Lacoste-Pullunder, der ihm ab heute Glück bringen soll. Die Dorfjugend will am Ende Autogramme auf schnödes Papier, da der Tagelohn in diesem Landstrich nach eigenen Angaben nicht für die feilgebotenen Tonträger ausreicht. Nach getaner Arbeit fährt der fürstliche Tross ins unweit gelegene Darmstadt zum Quartals-Treffen einer Geheimloge.
16.03.08 - Nürnberg, Mata Hari Bar
Der Kommissar steht mittags in Darmstadt an seiner Lieblingsbratwurstbude. Er muss später noch nach Nürnberg. Sein Kollege soll fahren. Als die beiden in der Mata Hari Bar (Die Namensähnlichkeit zur Vorgruppe des Vortages ist Zufall, aber beachtlich) vom freundlichen Chef willkommen geheissen werden, wundern sie sich nur kurz über die imposante Enge das Ladens. Der Kommissar kommentiert statt bzw. als Soundcheck das 1:4 des FCN gegen Leverkusen, welches die frühen Gäste auf der Leinwand verfolgen. Erschöpft legt er sich danach eine geschlagene Stunde im kleinen Hotel an der Stadtmauer auf sein Ohr. Dann geht er zurück in den Laden, der mittlerweile aus allen Nähten platzt.
Das Programm, das sein Kollege und er auch schon in 45 Minuten runtergespielt haben, wird heute fast zwei Stunden zelebriert. Die Gäste wollen immer mehr. Sie singen mit und stecken dem Kommissar Scheine zu. Manchmal liebt er seinen Job immer noch. Nach all den Jahren. Hierhin kommt er auf jeden Fall mal wieder. Auf dem Weg zurück ins Hotel gibt er seinem Kollegen einen beherzten Tritt in den Arsch. "Alter!" - "Junge!" Manchmal reichen zwei Wörter um alles zu sagen.
17.03.08 - Münster, Picknick Park
Wir frühstücken, während die Einheimischen schon ihren ersten (?) Wein bestellen. Entweder ist es schon spät oder die Franken sind ein paar lebensfrohe Schlawiner. Beides Grund genug, sich nach nach Münster aufzumachen. Der Picknick Park sieht schön aus. Der Termin war leider sehr kurzfristig anberaumt worden, weshalb nur eine überschaubare Anzahl Gäste kommt. Bei meinen Ansagen werde ich einige Male von einer Böe gemischter Laune erfasst. Manche fanden das sehr lustig. Andere nicht. Am Ende war dann natürlich alles wieder gut (Der Westfälische Friede!) und Ellen, die geheimnisvolle Wächterin dieses subkulturellen Leuchtturms Westfalens, vermacht uns ihr Bett für eine Nacht. Ach ja: Vor uns spielte netterweise der Sunday Chocolate Club, eine der sympathischsten Indiebands des Landes.
18.03.08 - Kiel, Prinz Willy
Weiter Nordnordost. Der Kaptitän hatte lange nicht mehr gegessen. Er wollte endlich zum Hafen. Aber da war nichts mehr wie früher. Wo weiland ein schiefer Fischbrötchenstand achtern dem Fördewind trotzte, waren jetzt back- und steuerbord nur Malls und Walls aus Beton. Um so einladender ist Prinz Willy! Ein liebevoll gestalteter Laden mit Sofas, Sesseln und kleiner Bühne. Als uns der gleichnamige Macher des Lokals in seiner hanseatischen Ehrlichkeit mitteilt, dass bei einem der letzten Konzerte genau zwei Gäste da waren, bekam ich fürchterliche Angst. Wollte mich das Leben denn ein weiteres mal vorführen? "Womit habe ich das verdient?" schrie ich der baltischen Nachmittagssonne entgegen. Doch dann kam alles anders. Und so viel besser: Der Laden war voll besetzt! Das Publikum und die Lokalpresse waren sehr gut gelaunt und gewissenhaft vorbereitet. Sie kannten schon einige Songs und pikante Details aus meinem Leben. Das Netz ist schon eine alte Tratschtante; v.a. meine eigene Seite friedemannweise.de Aber wenn so ein Abend der Dank dafür ist, dann Bitte sehr!
19.03.08 - Hamburg, Hasenschaukel
Mittags waren wir dann doch noch am richtigen Meer. Wie schön! Die Sonne schien voll und wir waren die erste Frau am Strand. Wir wollten uns nochmal eine geregelte Brise um die Ohren blasen lassen, um beim großen Finale in Hamburg ordentlich frisch auszusehen.
Doch vor die Hasenschaukel hat der Gott der christlichen Seefahrt das BalconyTV gesetzt. Johanna und Lars waren wieder so nett wie beim letzten mal, aber ich nicht so voll. Ich stellte fest, dass ich ohne Getränke mehr Textprobleme habe als mit. Aber egal, wichtiger war jetzt der vor uns liegende Abend auf der vielleicht schönsten Songwriterbühne Hamburgs. Nach dem guten LF Singer setzten wir zur Krönung unserer kleinen Tour an. Es war unser zweiter Hasenschaukel-Gig und es war ziemlich voll. Wir hatten Spaß, manche standen vor uns und hingen an meinen Lippen, andere standen woanders und unterhielten sich, aber alle applaudierten derbe freundlich. Und das ist genau das Brot, von dem ich so gerne eine Scheibe mit ins Bett nehme! Wir liefen später durch die Nacht, tranken zu Ende und fielen am Schluss auf das schwarze Sofa von Louis "Volker" Vuitton. Gute Nacht.
20.03.08 - Köln, zu Hause
Mit leichtem Dröhnen im Schädel und einem entspannten Lächeln auf dem Gesicht fuhren wir zurück Richtung Köln. Den Besuch im hanseatischen Deflorationsmuseum hatten wir zuvor auf unbestimmte Zeit verschoben. Das (oder der?) Tachometer zeigte schon über 2.000 Kilometer an. Den Chris-Martin-Award für klimaneutrales Touren können wir uns wohl abschminken. Dabei hatten wir bei der Planung einfach vergessen, die Deutschlandkarte ganz aufzufalten. Da lag dann Nürnberg genau neben Hamburg und Münster neben Kiel. Immerhin trage ich auf der Bühne keinen Pelz. Jeder tut eben was er am besten kann!
Vielen Dank an Lacoste und rote raupe, an Dennis von Burning Eagle Booking, an André für Pressearbeit, an die Veranstalter, die so nett zu uns waren, an die drei local Supports und vor allem an das hochverehrte Publikum!
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tourtagebuch friedemann weise - 120 stunden ohne schlaf
Friedemann Weise ist, wie man in England sagen würde "A legend", nicht weil er so alt oder so bekannt, sondern weil er ein Charakter ist. Seine Lieder sind mal nachdenklich, dann lustig oder sonderbar. Nicht immer ist ein wirklicher Sinn erkennbar, aber das macht nichts, weil Friedemann Weise die Musik so überzeugend darstellt, dass man ihm jedes Wort glauben möchte.
13.12.07 - Stuttgart, Werkstatthaus
Chris fährt in einem dunkelblauen BMW vor. Kennzeichen DA-DA-1999. Ich frage besser nichts, steige ein und blicke in den Spiegel: Wenn jetzt nicht alles schief geht, müsste mein zerbrechliches Charisma für mindestens drei Tage reichen. Fahren, tanken und rasten. Als unsere Wegbeschreibung zu Ende ist, werden wir im Werkstatthaus von zwei hübschen Zivis und Daantje, unserem local Support, begrüßt. Aufbauen, soundchecken, essen und warten. 14 zahlende Gäste! Das entspricht gefühlten 26. Mit Theke 30. Super gespielt. Aufs Sofa gesprungen. Viele Zugaben. Neue Songs ausprobiert. Alte MySpace-Freunde kennengelernt. Nach ein paar Aftershow-Bieren und komplizierten Verabschiedungsszenen gehen wir zu Daantje, bei dem wir schlafen dürfen. Eine alte, finnnische Tourregel besagt: Der erste Abend ist ein scheues Reh. Deshalb nach kurzer Diskussion über Verkaufszahlen von deutschsprachigen Indiepoptonträgern im Wandel der Zeit und mehr Bier ungefickt aufs Bett, respektive Sofa.
14.12.07 - Ludwigsburg, Maxstrasse1
Ich tue so als ob ich noch schlafe und warte bis Daantje Kaffee gekocht hat und Chris Brötchen holen war. Lecker. Weil Ludwigsburg nur ne halbe Stunde weg ist haben wir erstmal frei. Chris braucht Bewegung und fährt mit dem BMW ins Frauenfitness-Studio. Dort trifft er Frau Oettinger, die ihm den Weg zum Männerstudio zeigt. Zeitgleich lasse ich mir von Daantje Suttgart zeigen. Die Stadt besteht aus Autohäusern, Waldorfschulen, einem Kiosk und einer Reihe alter Häuser, z.T. von imposanter Statur. Stuttgart wurde einst in einem unbenutzen Vulkan gebaut, weshalb es oft bergab geht. Bergauf fährt ein Bus. Wir aber fahren nach Ludwigsburg in die Maxstraße1. Herzliche Begrüßung durch den Vorstand. Jens und Johanna sind super. Der Club hat unsrere Lieblingsgröße und es gibt Becks und Suppe. Die Frau hinterm Tresen ist eine Mischung aus der alten Uschi Obermeier und der jungen Iris Berben. Wir spielen so ähnlich wie junge Götter. Tosender Beifall. Zugaben bis sich das Baden-Württembergische Rauchverbot in Luft auflöst. Aftershowparty im Nebenzimmer. Gitarre und "Gesang". Sehr besoffen und spät ins Pornobett im Atelier nach oben.
15.12.07 - Baden (Schweiz), herbert.
"Aua! Aspirin!" - "Wie heisst das Zauberwort?" - "Schnell!" Jensen holt uns um elf ab und fährt uns nach Ludwigsburg-Downtown. Frühstück im örtlichen Szenecafé. Wir werden auf der Straße erkannt. Von Johanna, die isst auch da. Ach ja, meine Gitarre, die ist gestern doch kaputt gegangen, oder? Mal sehen. Erstmal los. Daantje in Stuggi abliefern und auf die Bahn Richtung Schweiz. Zwischendurch irgendwo in der Lidl-Bäckerei meine Gitarre mit Brotmesser und Gaffa repariert. Die Einheimischen reagieren verwirrt aber zuvorkommend. Da ist die Schweiz. Je ne Vignette rien. In Baden sind die Leute sehr reich, wunderschön und urcool. Sie behandeln uns wie rohes Gold und ich beginne den Auftritt im ausverkauften Herbert (ca. 35 Plätze) mit einem Konterbier. Yeah! Es geht wieder. Die Crowd wird verrückt. Ich auch. Chris bleibt natürlich cool. Wieder zwei Verlängerungen. Man kauft uns viele CDs ab und redet in fremden Zungen mit uns. Ich bekomme ein "Sackmesser" (Schweizer Offiziersmesser) geschenkt.
Bier, Gin Tonic, Campari-O. Freds. Und das gleiche bitte nochmal. Mehr! Nebenan ist eine hübsche Wohnung. Die Tür ist auf. Es gibt Matratzen. Danke Schweiz, du Kanada der alten Welt!
16.12.07 - Reutlingen, Galerie Maas
Ausschlafen auf dem Wasserbett aus Holz. Runter ins Herbert. Frühstück wie bei Sarkozys auf der Veranda. Wir wollen bleiben, müssen los und verabreden uns für die EM im nächsten Sommer. Stop in Zürich. Eine eindrucksvolle Siedlung mit See. Sonntagsspaziergang mit heißen Maronen. James Bond-mäßig. Nur anders. Blick ins Tourbook: We are late. Schnell weiter Richtung Reutlingen. Weiter als gedacht. Hier: Die Galerie Maas. Was ist das denn? Hier passen ja 500 Leute rein. Die blutjungen Indieboys von Yesterday Shop haben schon aufgebaut und fangen an, als die gesamte örtliche Oberstufe versammelt ist. Der Sportlehrer repräsentiert die Generation über 20.
Wir entscheiden uns eine Minute vor dem Gig, nicht auf der gekonnt beleuchteten Bühne zu spielen, sondern da, wo die Zuschauer sitzen. Wir positionieren uns genau vor dem Sofa, wo die guten Mädchen sitzen. So entsteht ein energetisches Konstrukt, das den Rest des Ladens auch in den Bann zu ziehen vermag. Irgendwie mag ich Teenie-Publikum. Trotzdem rede ich während der Show am meisten mit dem Sportlehrer. Nach Zugaben und endlich den ersten Autogrammen der Tour gehen wir Kässpätzle essen und Bier trinken. Ein paar neue Fans kommen mit und erzählen uns von den Hells Angels, die das Nachtleben von Reutlingen unter ihre Fittiche gebracht haben. Wir müssen zu Flo, den wir noch nie gesehen haben, bei dem wir aber angeblich schlafen können. Bei ihm ist gerade die WG-Weihnachtsparty soweit zu Ende, dass wir um die letzten Campari- und Gin-Pfützen betteln müssen. In Reutlingen kann man um die Zeit nichts mehr kaufen. Große Matratze und Taschenlampe im eigenen Durchgangszimmer. Danke, Flo und WG, und gute Nacht!
17.12.07 - Freiburg, Jos fritz Cafe
Ich schlafe länger. Chris ist bestimmt Brötchen kaufen. Da ist er. Komm, lass uns fahren. Zum dritten mal auf die A81, die uns schon gelassen zuzwinkert. Immer tiefer in den Schwarzwald. Immer höher und immer mehr Schnee. Wir haben nur Proviant für zwei Tage an Bord. Doch da: Menschen! Auf Skiern! Sowas wollen wir auch, halten an und stürzen uns in zwei Stunden semi-alpines Vergnügen. Nach kurzer Promoaktion beim Skiverleih fahren wir die letzten Haarnadelkurven runter nach Freiburg, wo uns Im Jos Fritz Café schon ein motiviertes, politisch korrektes Team erwartet. Wir sind sogar Tagestipp in der Monatszeitung. Trotzdem kommen nur 25 Leute, die an der Wand entlang stehen, freundlichen Applaus geben, sich nachher höflich bei uns bedanken und für das Nachtleben ihrer Stadt entschuldigen. Müsst ihr nicht, ihr wart doch da! Matthias gibt uns später ein Ehebett, Bier und Pizza. Die Nachtruhe wurde empfindlich durch spitze Schreie und laute Kotzgeräusche von nebenan gestört. Das ist Rock 'n Roll. Beziehungsweise der Magen-Darm-Infekt von Matthias' zweijähriger Tochter.
18.12.07 - Köln, zu Hause
Los jetzt. Auf der Autobahn werden wir angehalten von Zivilpolizisten. Wir erzählen vom Tourleben, schenken ihnen eine EP ("Darf ich eigentlich nicht annehmen...") und dürfen weiter. Chris fährt mich nur bis Frankfurt. Er muss was erledigen. Ich steige in den Zug nach Köln und wäre so gerne weitergefahren!
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