videoclub18.11.2009 - 28.11.2009
18.11.2009 - MÜNSTER (AMP)
Nach einer langen Woche mit wenig Schlaf, mittelmäßigen Frisuren und viel Handarbeit kommen wir endlich zu einem schicken Punkt auf unserer Checkliste: Ein Konzert spielen. Das Amp kennen wir und man kennt uns hier. Heute Abend dürfen wir uns als Hauptband zünftig austoben, viel zu lange Soundchecken und unseren neuen Begleiter, das eigens für diese Tour zurechtgewerkelte, in stroboskopischer Hektik flackernde VIDEOCLUB-Dreieck auf der Bühne ausprobieren. Zwei Stunden später ist der Laden voll mit Konzertbesuchern und Nebel aus der Dose, wir dafür mit schlechter Pizza aus der Billardhalle nebenan. Licht aus, Dreieck an. Ivo, Amp-DJ deines Vertrauens, so: „Bereit zu spielen?“ Club so: „Jo.“ Ivo so: „Rauf.“ Das Set fällt angenehm chaotisch aus und im Publikum wird verhalten über die mehrfache Erwähnung eines englischen Kraftausdrucks geschmunzelt, der zu gleichen Teilen aus der Bezeichnung für den weiblichen Elternteil und die im Volksmund gebräuchliche Paraphrase des Kopulierers komponiert ist. Felich, der erst seit etwa fünf Wochen Clubmitglied ist, fügt sich großartig ein und lässt die Tolle rhythmisch wackeln. When the hurlyburly’s done, when the battle’s lost and won: Tom, Snare, Bongos und Gitarren übereinander wie die bunten Bälle im McDonald’s-Kinderparadies.
(ROBO∂ & POPOV STOLICHNAYA)
19.11.2009 // DORTMUND (FZW W/FRISKA VILJOR & PHOENIX)
Wir treffen im neuen FZW (FeuerwehrZeugWartungsamt) ein. Den Ausstand des alten, etwa nur ein drittel so großen Gebäudes, hatten wir im März mit Muff Potter und Ghost of Tom Joad gespielt und gefeiert. Phoenix und Friska Viljor spielen heute Abend für uns und zumindest erstere scheinen schon vor Ewigkeiten Soundcheck gehabt zu haben. Die Köttbullarkapelle ist noch mitten im Aufbau und wird uns später nur zehn Minuten Zeit lassen, selbst alles einzupegeln. Gott sei Dank wissen wir das jetzt noch nicht. Friedel, der fröhliche Fiedler, trifft ein. Er wird heute zusammen mit TAFGUN aus unserem Hallklumpen einen sexy Bandsound zaubern. Als wir endlich aufbauen dürfen, sorgen sowohl die fleißigen Hände vor Ort als auch unser dynamisches Mischpultduo für entspannte Stimmung. Kurzum: alles läuft tight und wir verziehen uns in unseren Fünf Sterne-Backstageraum (direkt neben dem Esszimmer samt Buffet liegt der). Das Konzert macht einen Mordsspaß und die Lichtshow lässt die Bühne stimmig in verschiedenen Farben und Stroboeffekten auffratzen. Der Thomas Gottschalk Dortmunds gibt noch einen vom besten und schätzt den überwältigenden Besucherstrom trotz Schweinegrippe (oder gerade deswegen) auf 10.000 Passanten ein. Teilweise soll man sogar Kölner Autokennzeichen gesichtet haben. Kackescheiße, wär Udo Jürgens krass neidisch gewesen. 35 Minuten gehen im Nu vorbei und ein Bühnentechniker beendet mit heftigen Winkbewegungen und einem strengen Gesicht die Vereinsversammlung. Helau, Alaaf: allet is vorbei.
(ROBO∂ & ANIKAR)
21.11.2009 // ILMENAU (BD-CLUB)
Und es begab sich im Jahre des Herrn 11: Wohlan, frohgemut begab sich der liederliche Haufen nach tierischer Belustigung am Vorabend sowie einer verpassten Chance in den ewig nach Jauche riechenden Tourbus. Nach langer, haariger Fahrt erreichten wir nach einer kurzen Stippvisite im Ilmenauschen Freudenhaus „BH“ (Hundeschwein!) den tatsächlichen Ort des abendlichen Unbills. Ein opulentes Festmahl mit Mettbrät, Wild, Truthahn und Preiselbeeren war schnell bereitet, so dass sich die fünf Herren im Frack sogleich auf die Bühne begeben konnten, um mit einem durch technische Missstände hervorgerufenen verlängerten Soundcheck beginnen zu können. [Die entgegen vorheriger Meinung äußerst attraktive Frontsängerin der nicht weiter erwähnenswerten Vorband trug eine schöne gelbe Hose.] Dank der fortgeschrittenen Alkoholisierung des obersten Trunkenboldes (und Halunken(!)) verlief die Darbietung des Materials am heutigen Abend auch eher feucht-fröhlich, was eine Bierzeltatmosphäre hervorrief, die ihresgleichen nur auf dem Oktoberfest zu München zu finden weiß. Alea iacta sun (sic)! Nachdem die Helden nun solchermaßen gerüstet ihr allabendliches, sich ständig wiederholendes Ödnis verarbeitet hatten, wählten die tapferen Gefährten um Mithrandir den weiten Weg in ein von Irren besetztes Palais, in welchem die größte Zelebration in Ilmenau der letzten Jahrzehnte stattfinden sollte. Solchermaßen aufgeschreckt und verstört – das Weibsvolk war nicht anwesend – legte man sich alsbald zur Ruhe und furzte sich in den Schlaf.
(TAFGUN)
REANUELL-PROPHETISCHER TOUREXKURS VON UND MIT POPOV STOLICHNAYA:
Djamala! Am helllichten Tage des in Bart gekleideten transsexuellen Herren(-magazin) wird es sich folgendermaßen zugetragen haben werden: Der Club um Ikone Ravi Ganjar, eingeölt in den ätherischen Ölen des salzlakigen Ölsees und gebadet im Blute der gebenedeiten Woltersjünger, wird sich auf den Weg gemacht haben, den braunschweigschen Schweigschweinen das steile Schreinern durch die Ohren gepustet zu haben. Kurzum: Derber Teig! Orotokosh! Wir möchten dieses futuristische Manifest den Zeitlosen wie zeitlich Versetzten und Verwirrten, sowie der Flüchtigkeit und der relativen Kürze des ästhetischen Augenblicks widmen. Gibt es ein Leben danach?! Post tour, pre judgement? Wird der Mischer sein Gemächt erneut einer breiteren Öffentlichkeit, die sich lechzend unterhalb seiner stark behaarten Lenden wälzt, präsentieren? Wird Ravi Ganjar seiner Berufung als gandalfesker Bauarbeiter Folge zu leisten wissen? Die Suche hat begonnen! Was gesucht wird, muss noch gefunden werden!
23.11.2009 (18.00) // BRAUNSCHWEIG (RIPTIDE)
Um mal wieder etwas Klarheit in die Sache zu bringen: Ankunft am Laden entsprechend den ein wenig limitierten Möglichkeiten in Braunschweig: recht früh. André vom beschaulichen Riptide (Shania sagt: „Die Küche ist sehr sauber und reinlich.“) kredenzt sechs Brokkolisuppen mit Mandelsplittern und Fladenbrot, außerdem: Kaffee mit Whiskey, was Wärme, Glück und Frieden in die Herzen unserer wackeren Halbstarken bringt. Schlagwortkette zum Ambiente: Türkise Wände, bequeme Couch, Holzspielzeug (Shania sagt: „Overall: 8,7.“). Gig auf kleinstem Raum, dafür ordentlich Schweiß. Die Raben fliegen tief diesen Herbst (Shania sagt: „Du bist heute so poetisch unterwegs.“). Danach: Bier zusammen mit Brokkolispezi André, alle sind zufrieden und glücklich, es ist das Jahr 1999. Danke für so viel Spontaneität, André und Chris.
(TAFGUN, POPOV STOLICHNAYA & SHANIA)
23.11.2009 (23.45) // BRAUNSCHWEIG (SPONTANKONZERT IN DER BESETZTEN FACHHOCHSCHULE)
Der Ayers Rock. Monument der Gezeiten. Unglaubliches Naturerbe einer noch jungen Menschheit. Nichts gedeiht; die Fauna schläft. Nur hin und wieder kommen einige Echsen an die Oberfläche, um im warmen Sonnenlicht zu baden. Da plötzlich ein Schrei: Zerlottert, zerfasert, zerschunden und mitunter völlig verschroben blitzen fünf lockige Haarschöpfe im blassen Licht der Neonsonnen auf! Olé: Satan wäre stolz auf euch, meine Liebsten. Sämige Bittsteller robben zu unseren Füßen und begegnen jedem Wunsch unsererseits mit einer Mischung aus Apathie und Schicksalsergebenheit. Da endlich die Flammen! Schwere, ölige Luft. Menschengeschaffenes versagt; und geht in Flammen auf.
(TAFGUN)
24.11.2009 // HANNOVER (CAFÉ GLOCKSEE)
Wir verfahren uns also rein in Hannover, weil wir da im Rocksee spielen. Noch etwas fertig von der Brauschweiger Auftrittsdoppelspitze, freuen wir uns über den schönen Club, das gute Essen und Ralf, der uns heute Nacht beherbergen wird. Der Auftritt läuft gut und ist ebenso besucht. Wären wir alte Rockhasen würden wir sagen: „Business as usual“. Doch dann beginnt eine fremde Macht über uns Kontrolle zu gewinnen. Aus Shanias Ohren steigt roter Rauch auf und durch seine Brille glühen zwei LED-Lämpchen. Popovs Frisur wird zunehmend wilder und unsere Bewegungen sowohl träger, als auch hektischer. Die Kleidung des hier Schreibenden ist bald völlig durchnässt, wird also ausgezogen. Aus einem Meer von tanzenden Körpern und ekstatischen Fratzen spricht eine Stimme zu uns: „Bewegt euch mehr wie Status Quo!“, ruft sie uns zu. Sie gehört dem Gitarristen von Rage. Bevor alles in Schwärze versinkt, beginnt der Raum sich noch geozentrisch um uns zu drehen. Wir spüren die Knochen schwerer werden und die Erde näher kommen.
(ROBO∂)
25.11.2009 // HAMBURG (HAUS III&70)
Irgendjemand hat irgendwann schon mal diese Stadt besungen: Hier ist das Wetter so intensiv. Also schnell ins Warme. In der III&70 bekommen wir Kartoffelsuppe serviert, die nachträglich noch mit einer clubschen Geheimzutat aufgepeppt wird. Der heutige Auftritt ist sehr technikbestimmt. Robo∂s Kabel treten in den Spontanstreik, ebenso Shanias Gitarre und Effektpedale. TAFGUN macht seinem Ruf als sechstes Bandmitglied alle Ehre und übt sich in Ansagen. Das Dreieck kriegen wir heute nur schwer von der Wand, Blasius hat seine Allzweckzange verlegt. Müde und glücklich landen wir schließlich in der Mutter, wo uns Rüdigers Späße und Alex’ Kritik noch glücklicher stimmen. Popov verliert im Armdrücken gegen TAFGUN. Bernd Begemann, im Übrigen eskortiert von Kim Frank, der ganz schön an Bart und Gewicht zugelegt hat, beobachtet das Ganze und kommentiert es mit einem Zitat aus Superman 3, das ich leider vergessen habe.
(POPOV STOLICHNAYA)
26.11.2009 // HAMBURG (URBAN OUTFITTERS)
TAFGUN schneidet mir, umringt von geschätzten 47.600 Watt, die Haare. Das Ergebnis fällt günstig, schnell und recht ansehnlich aus. Ganz wie der Gig. Ach, es gibt zwanzig Prozent auf alles! Ein schöner Abend. Danke an Tobias für das Mischpult.
(POPOV STOLICHNAYA)
28.11.2009 // FRANKFURT AM MAIN (11ER)
Tourabschluss in Mainhattan. Nach einem ungewollten Off Day – der Veranstalter muss leider alle Konzerte in naher Zukunft absagen – dümpeln wir ohne TAFGUN (wegen wichtiger Prüfung entschuldigt) an die Peripherie Frankfurts, wo wir mit Hansa begrüßt werden. Das Konzert ist sehr schlecht besucht, was auch an der klugen Planung liegen mag (wir spielen ohne Support, dafür für acht Euro Eintritt). Thomas, der heute für uns zuständig ist, sagt: „Man muss mit nackten Brüsten werben, damit Leute in Frankfurt kommen.“ Ist notiert. Wir beschließen, uns noch ein wenig Publikum aus der vorgelagerten Bar zu rekrutieren und werben für den Club. Schließlich ist der kleine Raum, in dem wir spielen, angemessen gefüllt und wir liefern die progressivste Fassung unseres letztens Stücks, Gagaganesh, was TAFGUN sicherlich zu orgasmischen Tränen gerührt hätte. Nach der Sause trennen wir uns von Robo∂, der die Stadt noch unsicherer machen will. Erschöpft treten wir die Heimreise an. Tim, unser liebster Tourbegleiter nebst TAFGUN, filmt noch lange die flackernden Lichter der gewaltigen Skyline. Wir sehen uns im Mar de Dirac.
(POPOV STOLICHNAYA)




















