sternbuschweg28.03.2008 - 03.04.2008
28.03.08 - Leipzig, Nochbesserleben
Sternbuschweg sind gerade auf dem Weg ans Meer. Ja, ihr habt richtig gelesen. Wir haben heute schon, am 4. Tag unserer Debutalbum-Release-Neverending-Welttournee die Faxen dicke. Ausverkaufte Clubs, astronomische Gagen, wilde Konzerte, alle legalen und illegalen Drogen, ganz zu schweigen von dem unvermeidlichen Weg in die Promiskuität. Das alles hat einen einzigen Effekt: Sternbuschweg sind reif für Urlaub.
SO ist es natürlich NICHT. Eher ganz im Gegenteil. Wir sind auf dem Weg nach Kiel (Urlaub ist das alles übrigens trotzdem, habt ihr eine Ahnung, wie unser Alltag aussieht) und endlich ein bisschen Zeit, um das Tourtagebuch zu starten.
Es fing ruhig an, im Nochbesserleben in Leipzig darf man nicht besonders laut spielen, ansonsten bemerkt der Mieter über der Club-Wohnung, dass da eine Veranstaltung stattfindet und er kommt runter und will Freibier für sich und seine Freunde. Das treibt auf Dauer auch den erfolgreichsten Club in den Ruin. Also wir hübsch die Verstärker runter gedreht und ein entspanntes Zuhörset gespielt. Es gibt wesentlich schlechtere Arten, in eine Welttournee zu starten. Nicht ganz so entspannt wie wir waren allerdings die Zuschauer, die doch zahlreich erschienen waren und so angestrengt der Musik lauschten, dass sie sich krampfhaft an den Sitztischchen festhielten und weder durch Vodoo noch durch intensivstes Vortanzen von Seiten der Band dazu zu bewegen waren, sich zu erheben, die Tische umzuwerfen und verbotene Dinge zu tun. Das tat aber unserer Freude über den Tourstart und ja, den Release unseres Albums keinen Abbruch. Amazoncharts Platz 981!!!
Direkt nach dem Konzert verschwand Benjamin mit seinem Bruder, die beiden jedenfalls wissen, wie man verbotene Dinge tut (Biertrinken, essen und dabei Playstation spielen, verboten deswegen, weil macht dick; jedenfalls alle Menschen außer Benjamin und seinen Bruder). Wir anderen waren noch mit Cornelia und Wolfgang-2 eine Feierabendbier in der Schaubühne trinken. Danach hatten wir alle das Glück, in dem neuen Dachgeschosspalast von unserem Mischer Kniedel einzukehren, dessen Dachterrasse so groß ist, wie die Wohnungen von 4-köpfigen Familien in Köln, Hamburg oder München zusammen. So lässt es sich leben, so kann es weitergehen.
Ah, eine Sache noch: liebe Band, bitte das Schnarchen einstellen!
29.03.08 - Dresden, Groove Station
Ein paar der besten Fans der Welt kennen wir aus Dresden (ja, ihr seid gemeint, ihr wisst schon!), doch unsere Dresdener Popconnection ist nicht mehr in Dresden, sie hat sich auf den Weg gemacht, die Weltherrschaft anzutreten. Das klingt doch auch toll: die globale Popconncetion. So erreichen einen am Tag des Dresdenkonzertes ganz allerliebste SMS aus den Metropolen, die schon in unserer Hand sind: Oslo, Berlin, Jakarta, Peking, New York und Buenos Aires. Weitere folgen. Nur das Konzert spielen müssen wir ohne sie. Beim nächsten mal, wenn es das Tourbudget hergibt, werden wir sie alle einfliegen.
Dresden war immer ein gutes Pflaster, so auch diesmal. Schöner Club (die Groove Station), allerfeinste Veranstalter (die Jungs von Pop-8), toller Sound. Auch hier gibt es allerdings ein Lautstärkproblem: der Hausmischer lief die ganze Zeit mit einem Dezibelmessgerät durch den Club, bei über 105 Dezibel wurde er ein bisschen nervös, bei mehr als 110 Dezibel fing das Gerät an zu vibrieren, bei mehr als 115 Dezibel blinkte der Alarm und ab 120 ging die Sprenkleranlage los. Da Kniedel mit Manowar aufgewachsen ist, machte er uns einen lockeren 140er Mix, die Selbstzerstörung setzte ein, wir hatten gerade noch genug Zeit, uns auf den Boden zu werfen. Dann passierte eine Weile nichts, irgendwann ging mal jemand nachsehen und es wurde festgestellt, dass sich die Selbstzerstörungsanlage selbst zerstört hatte. Da hat doch mal jemand mitgedacht. So haben wir also auch diesen Soundcheck überlebt.
Das Konzert lief ganz hervorragend, ein durchaus tanzinteressiertes Publikum (hallo Leipzig!), welches dankbar unser flottes Northern Soul Set annahm und die Füße in die Luft warf. Nach dem Konzert allerdings dauerte es ein bisschen, bis die fröhliche Indie-Kundschaft wieder auf die Tanzbahn zurückfand. Ganz reizend: während dieser Flaute kam der Clubchef zu unserem Merchandise-Stand und wies uns an, unser kleines Lämpchen, das die Verkaufsartikel in ein schummriges Licht hüllt auszumachen, weil wir damit die Tanzfläche in ein gleißendes Licht hüllen und die potentiellen Tänzer vertreiben würden. Also taten wir wie befohlen, schalteten unser 30Watt Stadionlicht aus und siehe da: der Clubchef hatte Recht gehabt! Eine Stunde später fingen tatsächlich die ersten mutigen Männlein und Weiblein an zu tanzen. Wieder was dazugelernt!
In der Nacht ging es wieder nach Berlin zurück, da Dennis und Kniedel ihre alte Wohnung fertig renovieren mussten. Ihr Männer und Frauen aus Dresden, die wir zurückgewiesen haben: wir kommen wieder!
31.03.08 - Berlin, Bang Bang Club
Dann hatten wir es also bis hierher geschafft: der Record Release in Berlin. Die Stadt war plakatiert worden mit Sternbuschweg-Filmpostern, die gesammelte Medienmacht von Print, Internet und Radio hatten wir gleichgeschaltet und sie sendeten die ganze Zeit Sternbuschweg, Sternbuschweg, Sternbuschweg. Täglich wurden Ländereien von der Größe Belgiens unserem Imperium angeschlossen. Falls mal wieder jemand eine hübsche Diktatur installieren will: fragt mich. Ich weiß wie das geht. (Angesichts immer schneller schmelzender Gletscher und Polkappen ist es ja tatsächlich bald Zeit für eine Ökolokratie, auf die Bezeichnung habe ich übrigens das Copyright.) Bis dahin jedoch lassen wir uns die Laune nicht verderben.
Kristin, die gute Seele der Bandfamilie, war in der Nacht zuvor in ein paar Luxus-Gewächshausanlagen eingebrochen und hatte eine Wagenladung Lilien an Land gezogen. Die verteilte sie später im Club und bereitete so unseren lieben Gästen einen schönen Empfang. Sie war außerdem dafür verantwortlich, dass überhaupt Gäste kommen, dazu hatte sie extra noch mal den strengen Frau Groll-Blick perfektioniert, der die Leute in den Club treiben sollte, zur Sicherheit jedoch war sie zusätzlich mit Pfefferspray und einer 45er Magnum ausgestattet. Wie gut das alles funktioniert hat, konnte man dann gegen 22.30Uhr sehen: der Club war voll, Rufus Wainwright sang uns sein Intro und Marcus brüllte wie immer dazwischen. Er war aber diesmal nicht der einzige, die halbe Menge schloss sich ihm an. So macht es das beste Publikum der Welt.
Mit dieser Begrüßung könnte nichts mehr schief gehen, wir flogen leicht und sicher durch das Set, zwischendurch besuchte uns die elfenhafte Susan auf der Bühne, sang das Duett mit Wolfgang und den Mary Alice Rettungsplan, verzückte die Crowd und begab sich wieder hinauf in die Sphären, welche ihre Heimat sind und die wir durch unsere Anwesenheit nur verschmutzen würden. Apropos Schmutz: ich trat nach dem Hauptset, als wir das erste Mal die Bühne verließen, in einen Kaugummi, aus diesem Grund blieb ich sämtliche Songs der Zugaben über immer mit dem linken Fuß auf dem Teppich kleben. Das war großer Mist! Lieber Kaugummiausspucker, möge dein Bier für die nächsten 2 Wochen schon beim öffnen schal sein und deine frischen Brötchen zum fensterscheibeneinwerfen hart. Auf dass du mich und mein Leiden nicht vergisst.
Nach geschätzten 20 Zugaben ließen uns die besten Fans der Welt Feierabend machen, nicht ohne klarzustellen, dass sie eigentlich mehr hatten hören wollen. Wir konnten jedoch nicht mehr, fielen von der Bühne, man trug uns backstage und die Sauerstoffmasken dort gaben uns frische Kräfte zurück. Anschließend plauderten wir die ganze Nacht über mit den Liebsten, am Morgen gingen wir zum Frühstücksbäcker, setzten uns in den Bus und ab nach Kiel.
01.04.08 - Kiel, Schaubude
Sternbuschweg waren auf dem Weg ans Meer, ihr erinnert euch. Endlich Urlaub, Zeit für das Tourtagebuch, den großen Entwurf, die endlosen Straßen, die Einsamkeit, Cowboy und Indianer, das Schwimmen im offenen Meer, Schlaf. Nun, nicht alle Wünsche können in Erfüllung gehen. Wir sind bereits reich, berühmt und gut aussehend, was wollen wir eigentlich noch? Na z.B. das, was man uns in Kiel mit freundlichster und elegantester Beiläufigkeit zum Geschenk machte: einen hübschen kleinen Club mit schöner Bühne und einen Chef, der so ist, wie wir uns den hintergründigen und etwas unterkühlten norddeutschen Charakter vorstellen: man kommt an, weiß erstmal nicht ganz, woran man ist, dann tastet man sich mit zwei oder drei Sprüchen ab, merkt, dass die Chemie stimmt und von da an schnurrt der Motor der freundschaftlichen Konversation wie ein sahniger 12-Zylinder. Alles bestens also.
Der Soundcheck dauerte ungefähr ein Zehntel der Zeit, die wir am Tag zuvor im Bang Bang Club gebraucht hatten. Das weiß ja keiner außer uns: wir haben dort so lange Soundcheck gemacht, dass man sagen kann, nein, muss: wir haben 3 Release-Konzerte nacheinander gespielt. Das macht sich auch gut als Werbung: Sternbuschweg sind so beliebt, dass sie am Release-Abend 3x nacheinander auftreten mussten. Liebe nationale und internationale Presse: Bitte so zitieren! Danach gab es vegetarische Pasta (endlich mal jemand, der an mich denkt) und anschließend harrten wir der Dinge. Der FC Schalke 04 war dabei, vor heimischem Publikum zu verlieren, Dennis hätte sich auf dem Weg zur Toilette fast das Genick gebrochen und wir sahen im Fernsehen dem weißen Hai beim Verspeisen armer kleiner Robben zu (die aber auch doof genug waren, ausgerechnet an der schmalsten Stelle durchs Meer zu schwimmen; das ist ungefähr so, als würden die Bienen den Honig direkt in unser heimisches Honigglas befördern.)
Viele Leute kamen nicht, aber diejenigen, welche da sind, können ja bekanntlich nie was dafür, dass sie da sind und die anderen nicht; man kann die feine Kieler Crowd auch ohne Abstriche auf eine Stufe stellen mit unserem Publikum in Berlin. Wir hatten sehr viel Spaß auf der Bühne, das merkten auch unsere Leute vor der Bühne und taten es uns gleich: sie hatten ebenfalls Spaß. Und die Hälfte von ihnen kaufte später doch tatsächlich ein Album. Das ist aller Ehren wert. Wenn das auf jedem Konzert so wäre, dann hätten wir in der Tat schon ausgesorgt und würden mit Privatjets durchs Land düsen. Jeder in seinem eigenen versteht sich.
Nach dem Konzert führten wir noch eine Menge feiner aber kurzer Gespräche, denn leider mussten die meisten Mitglieder unserer neuen Kieler Popconnection direkt ins Bett und 5 Uhr morgens aufstehen, um zu arbeiten. Das wär ja was für mich. Also nach Kiel ziehe ich schon mal nicht.
Wir bewegten uns auch fast protestantisch früh gegen 10 Uhr aus der Matratzengruft hinaus in die Morgensonne. Irgendwo musste sie doch sein. Der Bäcker drehte uns zwei Dinkelbrötchen an, die so schwer gebacken waren, dass sie uns die zulässige Höchstladung unseres Luxusnightliners überschreiten ließen. Wir fahren aber sowieso viel zu schnell, überholen in den halsbrecherischsten Kurven, strecken jedem Polizisten die Zunge raus. Zulässiges Höchstgewicht? So What?
02.04.08 - Bonn, Mausefalle
"Es ist mir unverständlich, warum jedermann, der für intelligent gehalten werden möchte, sich bemüht, diesen Pflichthaß auf Bonn auszudrücken. Bonn hat immer gewisse Reize gehabt, schläfrige Reize, so wie es Frauen gibt, von denen ich mir hier vorstellen kann, daß ihre Schläfrigkeit Reize hat. Bonn verträgt natürlich keine Übertreibung, und man hat diese Stadt übertrieben. Eine Stadt, die keine Übertreibung verträgt, kann man nicht darstellen: immerhin eine seltene Eigenschaft. {...} Wenn eine Frau, deren Reiz ihre Schläfrigkeit ist, anfinge, plötzlich wie eine Wilde Can-Can zu tanzen, so könnte man nur annehmen, daß sie gedopt wäre – aber eine ganze Stadt zu dopen, das gelingt ihnen nicht." (Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns)
Die beste Band der Welt auf der besten Tour der Welt gab mir nun endlich Gelegenheit, Heinrich Bölls Thesen zu überprüfen. Lange hatte ich darauf gewartet, mir die Trümmer der ehemaligen Bundeshauptstadt anzuschauen: des Großteils ihrer Ministerialbeamten beraubt (ein schwerer Schlag für die Kneipen – und Prostituiertenszene), fern aller weltpolitischen und staatsgästlichen Bedeutung (das Hotelgewerbe in Agonie), der Kanzlerbungalow verwaist, von irgendwoher ein lang gezogenes Knarren der zufallenden Holztüren. Der Atem der Geschichte ist gnadenlos, er bläst alles hinfort.
Hübsch ist es aber tatsächlich in Bonn, es erinnerte uns stellenweise an die Tage unserer Kindheit und Jugend in Rock´n´Roll Dessau-Nord. (Wir können es ja jetzt zugeben: in Dessau-Nord aufgewachsen zu sein war doch nicht GANZ so wie in der Bronx jeden Tag um sein Leben laufen zu müssen.) Hübsche 2-stöckige Stuckaltbauten, ein bisschen grün dazwischen und die besondere Attraktion: eine Bahnstrecke, die mitten durch das Wohnviertel führt und bei der alle paar Minuten tatsächlich die Schranken runtergehen. Seltsam: alle bleiben brav stehen, keiner benutzt die Unterführung. Wahrscheinlich wohnen in dieser Unterführung die Ausgestoßenen der Stadt, die Leprakranken der Jetztzeit: erfolglose Musiker. Wir machten einen extra weitern Bogen um die Unterführung. Man weiß ja nie, vielleicht ist es ansteckend.
Im Club roch es, als hätte man dort einen Berg Turnschuhe verbrannt, vielleicht gibt es in Bonn ganz spezielle Mottoveranstaltungen, vielleicht ist Turnschuhe verbrennen auch ein Initiationsritual auf Ü-30 Partys, wir haben uns nicht getraut zu fragen. Der Clubchef begrüßte uns mit den aufmunternden Worten: "Ach ihr seid die, die auch glauben, Musik machen zu müssen.", er bewies kosmopolitische Eloquenz, indem er feststellte, dass ich mit meinem weißem Hemd und der Krawatte aussähe, als wäre ich in Berlin-Neukölln zu Hause, später erklärte er mir: "Das da ist ein Zigarettenautomat, ihr in Berlin kennt so was ja nicht mehr". Am Ende des Abends kam er zu uns, meinte, dass es ein gutes Konzert war und wir gerne wieder willkommen wären. Das ist also die Bonner Schnoddrigkeit. Dann hab ich das jetzt auch verstanden.
Das Konzert war so, als würden wir im Wembleystadion spielen (das ist, wovon alle immer träumen und eine tolle Sache: mehr Ruhm geht kaum), in unserem speziellen Fall war es aber so, als würden wir in einer kleinen Ecke des voll besetzten Wembleystadions spielen, alle Zuschauer sind jedoch deswegen da, weil parallel zu unserem Konzert auf dem Fußballfeld ein Europapokalfinale stattfindet. Wem die Aufmerksamkeit des Publikums gilt, muss ich wohl nicht extra erwähnen. Was das mit unserem Konzert in der Mausefalle zu tun hat? Parallel zu unserem Konzert lief auf den Clubfernsehern die Champions League.
Irgendwann war Schluss, nach uns die feinen Jungs von den Friday Night Preachers, raus und ab nach Köln in die Arme unserer lieben Freunde von den Locas in Love.
03.04.08 - Köln, Tsunami Club
Den Tsunami Club hatten wir ja noch in guter Erinnerung, spielten wir doch 2006 schon mal dort auf dem ersten kleinen Indoor-Festival der Jungs von ImGrundeKnut. Dass der Berliner Zoo diese Band hat verbieten lassen, ist auch ein Treppenwitz der Musikgeschichte. Eine junge, feine und aufstrebende Band, die eigentlich nur schönen Lärm fabrizieren will und zum Dank nicht mehr braucht als ein bisschen Applaus und hier und da ein romantisches kleines Abenteuer, muss sich plötzlich mit gestelzten Offiziellen auseinandersetzen, denen sie bei einer nächtlichen Begegnung im falschen Stadtbezirk sofort aufs Maul gehauen hätte. Nun, dazu bekommen sie sicher einmal Gelegenheit. Falls ihr Hilfe braucht, sagt Bescheid.
Wenn ich den Tsunami Club imaginiere, dann höre ich auch immer schon meine Gelenke krachen und sehe meine Bandscheiben vorfallen, es geht gefühlte 50m in die Tiefe, bevor man im eigentlichen Club aufschlägt und all der ganze Instrumentenscheiß muss ebenfalls dort runter. Doch dann denke ich an meinen Großvater, der 50 Jahre im Bergbau gearbeitet hat, mache den Rücken gerade und es geht wieder. (Sternbuschweg, diese pseudointellektuellen Hänflinge mit den Mädchenhänden, den verweichlichten Gesichtszügen und ihrem komplett bescheuerten androgynen Gehabe besitzen Arbeiterwurzeln? Tja, könnt ihr mal sehen. Menschenkenntnis 4minus, bitte setzen.) In solchen Augenblicken wünsche ich übrigens, ich wäre die Bum Khun Cha Youth, die nur mit einigen Textblättern und einer gebrannten CD im Club ankommt und sofort "auftrittsbereit" ist. Doch die Last, welche sie auf ihren dünnen Schultern zu tragen haben, ist am Ende des Tages dann doch die viel größere. ("Ich esse vor dem Konzerte immer eine Banane. Willst du auch eine?")
Micha Kolepke feierte seinen 25. Geburtstag, er meinte, wir sollen unbedingt um 16 Uhr da sein zum Soundcheck, er käme viertel nach. Wir waren natürlich pünktlich da, immerhin mache ich ja das Tourmanagement, Micha kam dann völlig abgehetzt gegen 18.30 Uhr und strahlte dabei über das ganze Gesicht: "Hab ich’s doch gewusst, ihr seid pünktlich da und kümmert euch um alles, da reicht es ja völlig, dass ich erst jetzt da bin. Stellt euch vor, ich Psychopath wäre auch schon seit 16 Uhr da gewesen und hätte jeden hier verrückt gemacht, dann wäre ja alles schief gegangen. Ich danke mir!"
Er eröffnete den Abend mit seiner feinen Band Lauter Bäumen, ich sage nur: "Verschwitzt die Treppe ich hoch!" Dennis, der eigentlich selbst gerne Texte schreiben würde, aber an den haushohen Egos von Wolfgang und mir nicht vorbeikommt, textete das ganze um in "Ich schwitz die Treppe hoch!" Auch nicht schlecht. Danach der wunderbare Autist Florian von Gnill, dann wir. Gutes Konzert, unsere liebe Kölner Popconnection war fast vollzählig da und sang jeden Song mit, es war dann aber doch der Abend von Dennis: niemand hat sich je zuvor getraut, so laut auf einer Bühne zu rülpsen. Wolfgang war etwas abgelenkt, weil sein Verstärker nicht das machte, was er wollte, nämlich Lärm, ich aber war frisch wie selten, spielte wie ein junger Gott und phantasierte ein ums andere Mal, ich wäre Bernard Butler.
Die Bum Khun Cha Youth hatte danach ihren "Auftritt", sie "sangen" eine Abfolge ihrer besten "Gassenhauer und Radiohits", sie "spielten" sich so souverän durch ihr Set, dass man meinen könnte, es wäre "Playback", doch für diese infame Unterstellung haue ich mir im selben Augenblick links und rechts eine runter. Sie spulten ihre "Performance" mit der Sicherheit von hunderten gespielten "Konzerten" ab, eine Freude. Und jetzt alle singen: "Hände weg vom Au Pair, er kam von soweit her." Warum sind sie keine Popstars? Ach ja, wir sind in Deutschland, honey.
Danach wir schön des Equipment eingepackt und nebenbei fröhlich Bier reinlaufen lassen. Es wurde später und später, Benny, der eigentlich immer zu den letzten gehört, erzählte mir zwei Tage später, dass er vor uns gegangen sei (oh yeah, die Aufkleber mit dem Aufdruck: `Die Band, die NACH Benjamin Walter den Club verlassen hat´ sind schon im Druck") und eben jener Benjamin Walter hatte sich auf den Weg nach Hause verlaufen, er hatte völlig betrunken eine größenwahnsinnige Vision und glaubte, ihm seien Engel erschienen und hätten ihm eine Abkürzung für seinen Weg ins Bett eingeflüstert. Leider hat er auf die Teufelchen zu seiner linken Schulter gehört und sie führten ihn in ein dunkles Labyrinth aus Umwegen, Stolperfallen, Tabledancebars und Drogendealern mit sehr entschlossenen Gesichtern. Wir fielen gegen 5 Uhr ins Bett, das war ungefähr der Zeitpunkt, an dem sich Micha Kolepke sein fünftletztes Bier aufmachte. Wir gönnen es ihm von Herzen.
Ach ja, keiner von uns hat übrigens einen blassen Schimmer, wie es kommen konnte, dass Martin Weber vom Musikexpress am nächsten Morgen nackt und gefesselt, eingehüllt in Sternbuschweg Plakate, den Mund gestopft mit Sternbuschweg-CDs, am Ufer des Rheins aufgefunden wurde. Er selbst hat auch auf hartnäckigste Nachfrage der Polizei keine klaren Aussagen machen könne, er sprach nur wie im Fieberwahn von vier dunklen Furcht einflößenden Gestalten, immer und immer wieder. Vielleicht besuchen wir ihn eines Tages in seiner Gummizelle. Solch ein Schicksal wünschen wir nicht einmal unseren größten Kritikern.




















