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mikrofisch24.04.2008 - 04.05.2008

24.04.08 - London, LTN

Silvi: Meine Tour beginnt ja bereits am Donnerstag, als ich vor der Entscheidung stehe, lieber Merchandise mitnehmen oder coole Bühnenoutfits. Ich entscheide mich für beides und juckele mit zwei viel zu schweren Taschen nach Luton Airport, um von dort nach Hamburg zu fliegen. Ich bin seltsamerweise gespannt auf Luton Airport, der einzige Londoner Flughafen, den ich noch nicht kenne. Ich habe allerdings schon viel darüber im Fernsehen gesehen, denn da läuft eigentlich immer, wenn man den Fernseher anschaltet, eine Serie über Luton. Als grosser Flughafenfreund schaue ich mir dann auch immer wieder an, wie Woche um Woche dumme Engländer ihren Pass vergessen und das Bodenpersonal von Easyjet anschreien. Und andere witzige Gechichtchen rund um den Flughafen, wie z.B. verlorengegangenes Gepäck doch wieder gefunden wird, wie Easyjet jungen Stewardessen (äh, Flugbegleiterinnen heisst das ja) das korrekte Schminken beibringt und wie die Rave-orange Uniform angelegt werden muss etc. Die sollten mal eine Folge darüber bringen, wie Easyjet es geschafft hat ein 5-Markstück-großes Loch in meinen Basskoffer zu machen letztes Jahr und wie ich auch vor Wut fast orange angelaufen wäre. Anyway....

Endlich in Hamburg angekommen, riecht die Luft frisch und Hamburg ist ja immer recht charmant. Mein Handy gibt sofort seinen Geist auf, seltsamerweise funktioniert es nur noch auf der Insel. In Hamburg muss man sofort wieder Schnaps trinken und dann beginnt für mich der Rock-Urlaub. Pacult ist auch schon da. Er hat sich tollerweise bereit erklärt, mitzufahren und -spielen, so dass wir volles Trio-Feeling haben auf dieser Tour. Abwechslung ist immer gut.


25.04.08 - Hamburg, Bahrenfeld

Silvi: Heute müssen wir den ganzen Tag proben. Wie Abba. Ich habe irgendwo mal gelesen, dass Abba immer von 8 bis 17 Uhr Musik gemacht haben jeden Tag und sich auch strikt an diese Zeiten gehalten haben. Sie hatten zwei Bungalows im selben Dorf oder so, und in jedem Bungalow hat ein Pärchen gewohnt, und dann wurde sich jeden Tag um 8 Uhr zum hits schreiben getroffen. Wie das wohl ist in einer Doppelpärchenband? Das gibt es auch selten, mir fällt gerade keine ein. Pärchenbands schon, aber keine Doppelpärchenband. Im Gegensatz zu Abba proben wir nur einen einzigen Tag im Jahr.

Mawe: Die Band The Soda Stream hat uns freundlicherweise ihren Proberaum zur Verfügung gestellt. Wir sind eine Band ohne Proberaum, eine Nomadenband. Vor Jahren haben wir einen unserer Songs im Proberaum der Sportfreunde Stiller geschrieben. Es hat aber nichts genützt.


26.04.08 - Haarlem, Patronaat

Mawe: Wir laden den grünen Corsa voll und sind fast erstaunt, dass wir trotzdem noch mit reinpassen. Pacult fährt die ganze Strecke alleine, obwohl er gestern noch feiern war. Er hat wohl von seinen anderen Bands Spruce und A Hundred Times Beloved schon viel Tourerfahrung, außerdem ist er ja noch so jung. In Haarlem bleiben wir fast zwischen den vielen Grachten stecken, bevor wir endlich auf die riesige Glasfront des Patronaat und unsere Tourfreunde Thijs und Marieke, The USA, stoßen.

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Meine Gitarre ist noch über und über mit Fleisch- und Wurstaufklebern vollgeklebt. Auch auf meinem Laptop klebt ein Kotelett, durch das ein apfelförmiges Licht leuchtet. Pacult, der Vegetarier ist, findet das so eklig, dass er sich zum Ausgleich einen "Go vegan!"-Aufkleber auf das Keyboard kleben darf. Wir sehen das nicht so eng.

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Silvi: Der Abend ist irgendwie ereignisarm. Wir spielen unseren ersten Gig seit über einem Jahr und sind und fühlen uns ok. Also ich zumindest. Es sind mäßig viele Menschen da, weil gerade Kirmes ist und das anscheinend bessere Saturday-Abendgestaltung ist für Menschen in Haarlem als in Kneipen rumzuhängen. Der Abend ist aber trotzdem schön, weil die Veranstalter und Staff so nett sind zu uns. Dann macht es trotzdem Spaß.


27.04.08 - Utrecht, db's

Silvi: Heute Indiefestival am Nachmittag in Utrecht. Das Festival findet in einem riesigen Proberaum-Komplex statt, wo es ca. 38 Proberäume gibt und ein Cafe und zwei Konzerträume. Dort geht es zu wie im Bienenstock. Alles ist voll mit Rock-Jungs in Combat Trousers. Ständig werden Gitarrentaschen reingetragen und andere tragen welche raus. Mawe meint, sie sind Rockbienen, die an einem einzigen grossen Riff bauen. Und dass so Rockjungs ja immer nur proben und nie Konzerte spielen. Das ist auch meine Erfahrung aus dem Proberaum/Baracken-Komplex in Köln, wo wir früher mit Luc Tonnerre probten.

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Es gibt so viele von diesen Rockbands, die alle wie Queens of the Stone Age oder Pearl Jam oder was weiß ich was gerade bei den Kids angesagt ist klingen wollen und immer jedes Wochenende proben und proben und proben. Neben uns probte damals auch so eine Band, die immer in ihrem Raum so richtig ausgerockt haben, so dass wir unsere schönen Liebesballaden nie hören konnten.

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So seltsam die Location auch ist, so angenehm ist dann das Festival. Als Headliner spielen die Cuties aus Rotterdam ein perfektes Set. Ich bin fasziniert. Alle ausser der Schlagzeugerin singen, und das im tollsten Harmoniegesang. Die Schlagzeugerin spielt auch bei The USA mit. Wir tauschen Demos bzw. Singles mit den Cuties. Uebernachtet wird wie schon in der Nacht zuvor im Elternhaus von Thijs und Marieke in Ammerzoden, einem Dorf zwischen Utrecht und Eindhoven, wo wir luxuriös im Gästehaus im Garten schlafen dürfen.


28.04.08 - autobahn

Silvi: Fahrn fahrn fahrn auf der Autobahn.


29.04.08 - Berlin, Antje Oeklesund

Mawe: Nachdem wir unseren Offday größtenteils bei Dauerregen im Auto verbracht haben, nutzen Silvi und ich heute die Zeit, unsere bisher verdiente Gage in Klamotten zu investieren. Bereits abends würde ja die nächste fürstliche Finanzspritze kommen, Money for Nothing, mit welchem wir die Drogen für den nächsten Tag bezahlen könnten. Stattdessen müssen wir abends allerdings erst mal zwar nicht Kühlschränke und Farbfernseher, jedoch immerhin weiße Holzquader schlichten, mit denen sich die Bands im Antje Oeklesund individuell ihre Bühnenform zurechtbauen können. Wir beweisen aber wenig Artyness und bauen uns nur die konservative Rockbühne Modell "Ideal Standard".

Da die Betreiber des Ladens nicht an Eintritt glauben, bleibt später auch der erhoffte Geldregen aus. (Dummerweise reagieren Tankwarte immer ziemlich unbeeindruckt, wenn man ihnen zu verstehen gibt, dass man nicht an den Benzinpreis glaubt.) Dafür wird der Abend ein sehr schöner, es sind viele Leute da, darunter viele Bekannte, wir spielen sogar eine Zugabe, verkaufen Silvis Setlist ohne ihr Wissen für 1 euro, und man trinkt danach noch das ein oder andere Kaltgetränk zusammen.

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Langsam kommen wir in Schwung. Thijs versucht mich noch zum Besuch einer nahegelegen Hard Rock Karaoke Bar zu überreden, aber ich muss heute fahren und bleibe hart, obwohl ich gerne noch mit ihm Guns'n'Roses-Songs zum besten geben würde.


30.04.08 - Frankfurt, Silbergold

Mawe: Als wir gerade Berlin verlassen, ruft Klaus Cornfield an. Wir haben ihn per Email gefragt, ob er bei "Little Red Go-Kart" mitsingen mag, einem Song seiner alten Band "Throw that beat in the garbagecan", den wir auf unserem ersten Album gecovert hatten. Leider hat er die Mail zu spät gelesen. Schade. In Frankfurt freuen wir uns, Ansgrrr mal wieder zu sehen. Wir haben ihn bei unserem dritten Konzert überhaupt kennen gelernt, später hat er uns eingeladen, auf dem Hausboot Venus zu spielen. Mittlerweile hat er seine eigenen Club, in dem wir heute zu Gast sind. Es sieht sehr stylish aus, mit schwarz spiegelnden Monolithen, die zwar nicht voller Sterne, aber später immerhin voll mit unseren Kabeln sind. Silvis Bruder ist da und ihre Freundin Sam, die extra aus London eingeflogen ist. Die restlichen Besucher kommen spät, so dass wir sehr spät spielen. Während unseres Sets wird sogar getanzt, und wir spielen als Zugabe wieder "Slipknot" von Half Man Half Biscuit, das wir tags zuvor im Auto eingeübt haben. Leider nicht die Gitarre. Als wir fertig sind, ist es so voll, dass wir unseren Kram im Dunkeln zwischen dem in den Mai tanzenden Partyvolk aufräumen müssen. Die Musik ist super und wir verschmelzen noch für ein Stündchen mit der Crowd, bevor wir müde, betrunken und zufrieden in die Hotelbetten fallen.

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Silvi: Die Menschen wollen tanzen und sie sollen tanzen. Endlich ohne lästige Instrumente gilt das auch für mich auf der Bühne.


01.05.08 - Prag, Skutecnost

Mawe: Da wir gestern abend fast unser ganzes Equipment in das Auto von Marieke und Thijs gepackt haben (es wäre zu umständlich, zu erklären, warum), fährt heute ihr Roboter Emilio bei uns mit. Er ist sehr freundlich, aber als wir an einem Parkplatz kurz vor der tschechischen Grenze halten, versucht er heimlich, ein anderes Auto anzuhalten. Wahrscheinlich ist ihm unser Auto zu langsam, oder unsere Italo-Disco-Musik gefällt ihm nicht. Letzteres kann ich mir aber kaum vorstellen.

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In Prag nach einer kleinen unabsichtlichen Stadtrundfahrt am Club angekommen, verlieren wir keine Minute und bauen sofort zum Soundcheck auf. Wir spielen in einem Gewölbe mit vielen kleinen Räumen, in denen Kunstwerke und alte Sofas stehen. The USA haben in ihren Set eine Coverversion von Jonathan Richman, in dem das Publikum immer aufgefordert wird, auf die Zeile "In this lonely financial zone" "where?" zu schreien, worauf Thijs mit "by the sea" antwortet. Dieses mal fragen sie "kde?", denn The USA sind eine international erfahrene Band.

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Silvi: Nach dem Konzert, was man durchaus als 'cosy' bezeichnen könnte, ist Ondrej, einer der Clubbetreiber, so freundlich, uns bei ihm zu Hause einzuquartieren. Marieke schmeißt noch eine Runde Zuckerherzen, die geben uns gerade genug Energie um uns auf die Suche nach Essen zu machen und den von Thijs angestimmten Fast Food Song als Deutsch-Holländische Supergroup auf den Strassen Prags darzubieten.


02.05.08 - Halle, Klub Drushba

Mawe: Nachdem wir unsere Merchandise-Kronen in Gulasch und Böhmische Knödel umgesetzt haben, ruft wieder die Straße. Heute haben wir das kürzeste Stück zu fahren, nur knapp 4 Stunden. In der Gegend nördlich von Prag gibt es lauter lustige kegelförmige, grüne Hügel. Vielleicht ist es aber auch die Pilzsoße.

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In Halle erwartet uns eine halb- oder illegale Tanzveranstaltung, getarnt im Keller eines Theaters. Wir spielen wieder spät und das Publikum ist sehr jung. Darf es überhaupt so lange ausgehen? Egal: die Kids wissen, wie man ein Tanzbein schwingt, da kann sich unsereins mal eine Scheibe abschneiden (was wir danach auch noch tun werden). Manch einer singt sogar unsere Texte mit, und es werden Wünsche nach Songs von uns laut, die wir leider nicht erfüllen können. Gekonnt lenken wir zu unserer bewährten "Slipknot"-Zugabe ab und verschwinden danach ganz profimäßig hinter dem Bühnenvorhang. Später muss Silvi auf dem Arm eines Fans unterschreiben und Thijs spielt ausgiebig Luftgitarre und tauscht mehrmals sein T-Shirt mit anderen Menschen.


03.05.08 - Kiel, Schaubude

Mawe: Wenn man auf Tour ist und keine besonderen Zwischenfälle passieren, reduzieren sich alle großen und kleinen Alltagsprobleme auf einige wenige, relativ greifbare Fragen:

Da sich die meisten dieser Fragen zudem im Laufe des Tagens von selbst beantworten, gibt es nicht wirklich viel zu tun für das Gehirn. Kein Wunder also, dass Bands auf Tour schon nach kurzer Zeit einer Debilität verfallen, die von Außenstehenden nur noch schwer nachvollziehbar ist und lediglich durch eimerweise Running Gags und Kalauer kompensiert werden kann. Umso härter trifft uns am Morgen die Nachricht, dass der Laptop von The USA nachts aus dem Backstageraum geklaut worden ist. Da sich darauf all ihre Playback-Videos befinden, inkl. ihrer beim Spielen gefilmten Schlagzeugerin, die sie immer per Videobeamer zuschalten, sind sie so frustriert, dass sie schon fast nach Hause fahren wollen. Sie lassen sich dann aber doch noch überreden und arrangieren telefonisch den Upload ihrer Videos.

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Als wir aus der Polizeiwache herauskommen, ist Pacult mitsamt dem Auto weg. Zwei Minuten später kommt er grinsend um die Ecke gebraust: auf dem Armaturenbrett liegt noch eingeschweißt die neue Notwist-CD. In Kiel laden wir in einem Café mit kostenlosen Internetzugang 500MB Videoplayback auf meinen Rechner.

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Zum Konzert sind Freunde aus Hamburg da. Als Zugabe spielen wir gemeinsam mit Thijs und Marieke "Devil Town" von Daniel Johnston, das wir nach dem Essen in der Backstage-Wohnküche geprobt haben. Dieses Lied haben sie schon mit ihrer alten Band John Wayne Shot Me gecovert, auf einer gemeinsamen Tour auch zusammen mit Green Apple Sea, mit deren Sänger ich das Stück als Satan Is My Motor auch schon gespielt habe. So schließt sich also der Kreis, der satanische. Danach sind wir traurig, dass die Tour vorbei ist, und gleichen das mit noch mehr kindischen Albereien aus. Schließlich gehen wir mit Hatto, dem Clubbesitzer, zu dessen Wohnung, in der wir übernachten. Hatto ist eine echte norddeutsche Nummer. Kein Freund der vielen Worte. Anfangs dachten wir, er hasst uns, doch dann trinken wir noch bis 5 Uhr Bier mit ihm im Wohnzimmer.


04.05.08 - Eckernförde

Mawe: Nachdem wir uns von Marieke und Thijs verabschiedet haben, fahren wir noch an die Ostsee und legen uns an den Strand. Ein besseres Ende kann es für eine Tour gar nicht geben. Wir fühlen uns wie am Ende eines Roadmovies. Wir haben in 8 Tagen 3400 km zurückgelegt - das entspricht in etwa der Strecke Barcelona - Sankt Petersburg. Wir waren in 7 Städten und 3 Ländern. Wir sind zugleich traurig und glücklich. Und unheimlich müde.

 
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