Lichter & Gisbert zu Knyphausen18.02.2009 - 24.02.2009
18.02.09 - Bielefeld (Falkendom)
Um es schon am Anfang vorweg zu nehmen: diese Tour sollte für alle Beteiligten (7 an der Zahl, namentlich: Judith Hess, Claus Schulte, Philipp Gosch, Mathias Mauersberger - kurz: Lichter -, Gisbert zu Knyphausen, sowie unser Mischer Christoph Schneider und -Booker Jan Lafazanoglu) eine grandiose, ja geradezu herzergreifende Erfahrung werden. Und wo nahmen die großen Gefühle ihren Anfang? Im beschaulichen Bielefeld. Noch sind wir ausgeruht und starten erwartungsvoll unser einwöchiges Unterfangen . Ein wenig nervös sind die Lichter schon, da es heute eine Premiere sein wird: Judith ist neu dabei, es ist ihr erstes Konzert mit der Band. Die Nervosität aller Beteiligten steigert sich noch, als die Hütte abends voll ist: rund 250 Menschen sind gekommen, die Zuschauer sind andächtig-konzentriert. Etwas zitterig betreten Lichter die Bühne, und auch wenn nicht alle der Besucher die Band zu kennen scheinen, so ist das Publikum doch mit viel Freude dabei. Gisbert verzaubert anschliessend den Saal, nicht wenige singen seine Lieder mit. Als krönender Abschluss stimmen Lichter und Gisbert zusammen Gisberts Stück "Herzlichen Glückwunsch" an und schieben noch eine Coverversion von "Leerer Raum" von Lichter nach. Big feelings! Noch bis spät in die Nacht betrinken wir unseren Einstand und tänzeln lustig durch die Gegend.
19.02.09 - Dornbirn (Spielboden)
Der zweite Tag on the road macht es klar: diese Tour wird nicht nur die Tour der Herzen, sondern auch der Fahrten. Sprich, unter 400 km Fahrt pro Tag ist nicht drin. Dementsprechend zerknittert verlassen wir früh morgens unsere Kojen in Bielefeld und eiern in unserem Bus Richtung Dornbirn, Österreich. Unsere anfängliche Müdigkeit bekämpfen wir mit der neuen Platte von Whitest Boy Alive, perfekter Autofahrmusik. In Dornbirn angelangt, punkten unsere österreichischen Nachbarn prompt mit großer Gastlichkeit - ein cozy Backstagebereich lockt, und wir schwingen unsere müden Leiber erstmal an die Käseplatte. Kurze Aufregung entsteht, denn Gisberts Gitarre scheint kaputt zu sein - ist aber beim Konzert doch wieder fit. Der Abend wird zumindest für die Lichter eher ein routiniertes Aufwärmspiel. Die crowd ist wohlwollend, aber nicht übermäßig herzlich, bis auf zwei wilde Tänzerinnen am linken Bühnenrand, die jeden Ton in das Spiel ihrer Körper integrieren. Nach dem Gig lassen wir uns langsam mit Gin vollaufen.
20.02.09 - St.Peter (Beim Höller)
Gottseidank hat unser Bus einen DVD-Player. So beginnen wir den Tag mit mehreren Staffeln der fantastischen englischen Serie "Extras". Sie thematisiert die vergeblichen Versuche zweier hauptberuflicher Nebendarsteller beim Film, im Filmbusiness Kontakte und Anschluss zu finden. Rabenschwarz und unheimlich bissig! Während wir auf den Bildschirm starren, bemerken wir kaum wie draussen alles immer weisser wird. St. Peter ist ein kleines Dorf irgendwo im Hinterland und der Weg dahin scheinbar endlos. Schliesslich erreichen wir den Gasthof und werden sogleich von einer ausgesprochen herzlichen Gastgeberin begrüßt. Der Club "Beim Höller" wird von einem jungen Ehepaar betrieben, die gute Konzerte in der Region veranstalten wollen. Im leeren Laden angelangt, holt Christoph erstmal ein Paar Hits auf die PA und wir dancen entfesselt zu Stevie Wonder und Phoenix. Der Abend dann wird skuril: es wimmelt von schwer alkoholisierten 15-jährigen, die wohl lieber eine Moshcore-Kapelle gesehen hätten. Unser Vorprogramm (ein junger Linzer namens "Der Otsch", der sich sehr souverän ein Einmann-Programm mit lustigen Songs abzieht) lassen sie gelten, uns danach nicht mehr. Sowohl Gisbert als auch Lichter werden mit Verachtung gestraft, die Kids wollen saufen und keine schwemütige Liedkultur. Nur der Otsch hat sie im Griff: “Und jetzt spiel i noch mein festivalmedley – in voller länge!" - rufts und ballert die hits runter.
21.02.09 - Innsbruck (Weekender)
Am nächsten morgen steckt unser Bus im Schnee fest. Erst mit einem Traktor und versammelten Kräften (Anschieben) kommen wir wieder in Fahrt. Nach magischen 6 Stunden im Bus (und gefühlten 5 Stunden "Extras") sind wir im Weekender Club in Innsbruck angelangt, einem ehrlichen Rockladen mit sehr schöner Bühne und tollem Sound. Schnell noch in ein benachbartes Lokal (Riesen-Schnitzel-Essen), dann ab auf die Bühne! Auch wenn der Raum mit knapp 60 Gästen abends nicht voll ist, wird es ein magischer Abend. Das Innsbrucker Publikum ist sehr begeisterungsfähig, die Zugabe mit Lichter und Gisbert ("Neues Jahr", "So seltsam durch die Nacht", "Herzlichen Glückwunsch", Lichter begleiten Gisbert dabei) wird spontan um ein schönes Countrystück mit voller Besetzung erweitert. Sogar Jan können wir für die zweite Stimme gewinnen, und so stellt sich ein schönes, familiäres Gefühl ein. Anschliessend tanzen wir noch vergnügt auf der Tanzfläche, Judith wird zwischendrin von kleinen Innsbrucker boys angetanzt (die einen eigentümlichen Zwergentanz aufführen). Schlussendlich landet ein Teil der Band noch mitten im Tiroler Karneval: in einer Kneipe namens "Plateau" tanzen mehr Leute auf der Theke, als daheim in Köln.
23.02.09 - Wien (B72)
Ab nach Wien, off-day! Nach zauberhaften 6 Stunden Fahrt erreichen wir die Stadt der mürrischen Kellner. Die Fahrt war für einige zum psychedelischen Abenteuer geworden: Aufgrund akuten Schlafmangels meint Mathias beispielsweise im Halbdunkel des Busses seltsame Fratzen zu erkennen. Den Abend nutzen wir zum Ausspannen und Wiener-Spezialitäten-Essen.
Am nächsten Tag sind Gisbert und Mathias zum Interview bei Radio FM4 geladen, der Rest der Bande vertreibt sich die Zeit in diversen Kaffeehäusern. Das B72 ist ein schlauchartiger Club in einem Eisenbahnbogen mit legendär kleinem Backstageraum. Die Stimmung ist heute irgendwie labil. Tourkoller? Jedenfalls streiten Jan und Mathias sich nach dem Interviewtermin über geschäftliche Interna. Auch der Ober in dem Restaurant in dem wir vor dem Konzert essen, scheint uns zu verachten. O-Ton: "Ich habe keinen Respekt vor unsicheren Menschen". Vielleicht kommt deshalb das Konzert von Lichter nicht so richtig ins Rollen. Erst die gemeimsame Zugabe mit Gisbert tütet die Sache souverän ein. Es gibt standing ovations. Überhaupt: Ein Wahnsinn, wie ein Mann mit Gitarre den Raum so beherrschen kann. Nach dem Konzert ist bei den Lichtern leichtes Durchhängen angesagt: Grundsatzdiskussionen im viel zu kleinen Backstage. Oh Nein. Diese Anspannung entläd sich dann erst später in der Wohnung unserer Gastgeberin beim Dreh frei improvisierter Handyvideos - von Peppino dem lustigen Kinderclown, freestyle battles vor laufender Kamera, bis zu unkontrollierbaren Lachsalven beim (versuchten und sehr späten) Einschlafen.
24.02.09 - Frankfurt (Das Bett)
Nach gefühlten drei Stunden Schlaf robben wir auf unseren Augenringen in den blauen Bus. Oh, wie schön das Frankfurt nur knapp sieben Stunden entfernt ist! Im "Das Bett" angekommen, ist die Freude trotzdem groß: wir freuen uns jedes Mal aufs neue, hier zu spielen. Frank, der Veranstalter ist ein netter Mann, den wir mittlerweile alle schon öfters treffen durften. UND: Das Konzert ist ausverkauft. Bis an den Bühnenrand stehen die Leute dichtgedrängt, und- vielleicht liegt es an der eigenen Müdigkeit nach langen Fahrten und wenig Schlaf- der ganze Abend hat etwas unwirkliches. Selbst Gisberts Brüder sind da, ist es doch für ihn als geborenen Wiesbadener fast ein Heimspiel. Die Leute wollen uns nach den gemeinsamen Zugaben kaum von der Bühne lassen. Nach dem Konzert stehen wir noch länger im leeren Zuschauerraum rum und grinsen uns leicht debil an. Kurze Zeit später liegen wir dann zwei Stockwerke über der Bühne in der "Künstlerwohnung" und schlafen froh wie kleine Babies.
25.02.09 - Bonn (Kult41)
Aufstehen und ein selig-melancholisches Frühstück einnehmen. Christoph hat das "alte Tier" (den Blues, so wie es der Kölner sagt), und auch der Rest der Travelparty will kuscheln und ein kleines Tränchen verdrücken, denn es ist der letzte Tag einer wunderschönen Tour. Bevor wir aufbrechen, besuchen wir auch noch Gisberts Heimat, ein idyllisches Anwesen im Rheingau. Wir trauen unseren Augen nicht. Fantastic!
Heimspiel Nummer zwei: Für drei Viertel der Lichter ist Bonn Heimat und das Kult41 der Mutterboden, an dem die musikalische Sozialisation genährt wurde. Desto größer ist die Nervosität. Der Club ist restlos ausverkauft, es werden sogar Zuspätkommer nachhause geschickt. Wir erleben einen unglaublichen Abend mit andächtiger Stimmung, beim abschliessenden "Herzlichen Glückwunsch" mit allen Musikern stehen uns die Tränen in den Augen. Groß ist das, groß!
Wir feiern noch lange im kleinen Kreis zu Musik aus Christophs iPod, Gisbert muss am nächsten morgen früh nach Berlin zum Interview. Und so verstreut sich diese Gruppe am nächsten Tag wieder in alle Winde, mit vielen Erinnerungen an eine gute, gute Zeit.




















