gisbert zu knyphausen14.03.2008 - 30.03.2008
14.03.08 - Hamburg, Hasenschaukel
Liebes Tagebuch,
gestern gings also los. Es hat gestürmt und geregnet in Hamburg was ja auch irgendwie zu meiner Stimmung gepasst hat. Wie du weisst war ich ja erkältet und hab davon einen hübschen Raucherhusten überbehalten.
Nachdem ich am Dienstag und Mittwoch nachmittag meine ersten Interviews mit Radio und Zeitung hinter mich gebracht habe (jep, sowas muss ich jetzt auch machen, liebes Tagebuch), bin ich durch den Regen in die Hasenschaukel gestiefelt.
Das Interviewgeben war, sagen wir mal amüsant. Ich bin ja nicht gerade berühmt für meine Schlagfertigkeit, das dauert alles schön lange, die Gedankengänge müssen erst freigeschaufelt und gefegt und gewischt werden, bis da mal ein vernünftiger Satz durchrutschen kann. Bis dahin ist die halbe Stunde Interviewzeit dann leider schon vorbei. Nach 2-3 Interviews komme allerdings auch ich in ungekannten Laber-Sphären zurecht. Man labert sich warm und am Ende flutscht alles nur noch so heraus, man muss nur ab und zu mal die Pausentaste drücken. Egal, zurück zum Auftritt: Anja war schon da und hat die Küche vorbereitet. Anja ist die Seele dieses Hauses und ist hier unter anderem für die Küche zuständig. In der Hasenschaukel gibt es definitiv das beste Catering Deutschlands, gar keine Frage, um das zu wissen, muss ich nicht mal in allen Clubs deutschlands gespielt haben. Gegessen hab ich aber erst später. Soundcheck ging schleppend und klang wie Griessbrei, was mich nichts gutes für den Abend erwarten liess, worin ich mich aber, liebes Tagebuch, einmal mehr sehr getäuscht hab. Auftritte sind sowas unvorhersehbares, wenn man denkt es wird nichts, wirds unvergesslich und oft genug ist es auch umgekehrt. Etwas mehr als 100 Leute haben sich trotz beschissenstem Wetter auf den Weg in die Schaukel gemacht, was bei der grösse des Ladens so gut wie ausverkauft ist. Noch mehr Menschen und die Schaukel platzt auf.
In leider nur einmal geprobter Dreierbesetzung mit Jens an der E-Gitarre, Gunnar an Akustikgitarre, Glockenspiel, Melodica, Mundharmonika, Stimme und was weiss ich nicht, was der sonst noch so alles spielt und mir an Gitarre und Gesang haben wir uns durchs Set geschaufelt und geschrammelt so gut es ging. Und gut gings, liebes Tagebuch. Drei Gitarren können einen schönen Rabatz machen.
Nachdem ich mir vor dem Auftritt den Frosch im Hals mittels heisser Milch und Honig und Rum aus der Kehle geputzt hab, ging das singen dann auch so einigermassen, auch wenn ich ab und zu das Gefühl hatte ich müsste mitten im Song auf der Bühne ersticken. Vielleicht nicht der eleganteste Abgang, oder was meinst du? Vielleicht sollte ich heute einfach ein paar Textzeilen streichen, dann hab ich auch luft zum atmen zwischendurch.
Naja der stimmliche einsatz gestern wurde jedenfalls belohnt. Heute habe ich ein Sprechstimme wie Johnny Cash, das kommt auch gut. "Hello, my name is Sue. How do you do?"
Langsam werd ich nervös. Erst eine Stunde Zugfahrt auf der Strecke Hamburg-Stuttgart hinter mir und ich kriege Lust zu rauchen. Das, Liebes Tagebuch, ist mein Zugeständnis ans Rockstar-sein. Jeder gute Rockstar braucht seine Sucht. Meine ist das Tabakrauchen, es gibt schlimmeres und vielleicht auch glamouröseres (schreibt man das so?), aber mir reicht das rauchen.
Mittlerweile sitze ich im Backstageraum vom Merlin in Stuttgart. Der Soundcheck von Daantje and the golden Handwerk war schonmal fantastisch. Ich bin gespannt aufs Konzert.
Im Merlin gibts das zweitbeste Catering Deutschlands, dafür brauch ich die anderen Clubs gar nicht erst bereisen um das rauszufinden. Schwäbische Maultaschen...mmmhmmm.
Mir ist nach schlafen, wenn ich ehrlich bin, nur das flaue Gefühl im Magen, macht mir bewusst, dass es nachher noch auf die Bühne geht. Wir sprechen uns morgen wieder.
Dein Gisbert.
14.03.08 - Stuttgart, Merlin
Es ist 13.00 Uhr, liebes Tagebuch und ich sitze an meinem zweiten Kaffee. Lang schlafen ist was sehr feines. Das Konzert hat mir sehr, sehr viel Spass gemacht und erstickt bin ich nicht, was ein Glück, wär auch peinlich gewesen, vor allen Leuten. Ärgerlich nur, dass ich noch keine meiner CDs verkaufen kann, so sind eben die Mechanismen, auf die ich mich jetzt eingelassen hab. Bis zum 25.April ists noch lang hin.
Einer der Veranstalter sagte mir, dass der Kunststudentenanteil im Publikum heute aussergewöhnlich hoch war, er könne das immer gut sehen, wenn die Leute ihre Studentenausweise zücken um Ermäßigung zu kriegen. Müsse wohl an Kleon liegen, das goldene Handwerk von Daantje, der studiert nämlich auch Kunst (und macht auch ganz wundervolle eigene Songs, ich hatte dir die schonmal vorgespielt, liebes Tagebuch, "Any" nennt er das Musikprojekt dann, erinnerst du dich?). Der Anteil an Geisteswissenschaftlern habe aber überwogen, sagte der Veranstalter und sogar zwei Architekten wären dabei gewesen. Er legte mir nahe mal ein Lied über Architektur zu schreiben, vielleicht würden dann beim nächsten konzert auch aus diesem Bereich ein paar mehr Leute kommen. hm. Über Architektur zu singen wird wohl eine ähnliche Herausforderung wie zu Architektur tanzen. Über Musik reden dahingegen, geht ganz einfach und dieser Leidenschaft sind Daantje und ich dann auch sehr konzentriert nachgegangen, später bei ihm in der Küche, bei Bier und unzähligen Zigarretten.
Das Konzert von Daantje and the golden Handwerk war ganz hervorragend, das beste Daantje Konzert, das ich bisher gesehen habe und ich hoffe, dass ich heute in Tübingen mehr Ruhe finde um ihnen zuzuhören, denn die Aufregung vor meinen Auftritten macht mich immer ganz wuschelig um die Synapsen. In 2-3 Stunden gehts los, nach Tübingen, ich bin gespannt, das ist ja einer der Vorteile am Konzerte spielen, man kommt in Ecken dieses Landes, die man - wärs nicht wegen Konzerten - sonst nicht so schnell besuchen würde. Es sei denn man hat dort Verwandte oder so. In zwei Jahren hab ich die Deutschlandkarte vielleicht abgeackert. Mal sehen.
Gehab dich wohl,
dein Gisbert.
15.03.08 - tübingen, Zimmertheater
3 tage unterwegs und mein Kopf ist neblig wie lange nicht mehr. Die Zeit mit Daantje and the golden Handwerk war viel zu kurz, auch gestern hab ich wieder fast nix mitbekommen von deren Auftritt, aber es war, abgesehen von kleinen Soundproblemen natürlich wunderbar, was denn sonst.
Das Zimmertheater in Tübingen eignet sich ganz hervorragend für akustische Konzerte, wenn man ganz still ist, kann man fast 500 Jahre Geschichte (eventuell übertreibe ich, liebes Tagebuch) mitschwingen hören, wenn die Musik von den Decken widerschallt. Es gibt auch eine ganz wundervolle alte Treppe, die glücklicherweise allen modernen Sicherheitsvorkehrungen widerspricht und über die man sehr stilvoll von der Bühne ab hinauf ins Erdgeschoss gehen und etwaige Zugaberufe abwarten kann um dann schwungvoll oder erhaben, je nachdem wie man das möchte, wieder hinabsteigen kann um selbige zu spielen. Hab ich natürlich gleich ausgenutzt liebes Tagebuch, weisst ja wie das ist. Ein Foto hab ich dir beigelegt, damit du einen Eindruck bekommst. Meist wird dort unten Theater gespielt und einmal im Monat öffnen sich die Pforten dieses Kellers für ausgesuchte Konzerte. Ich kann dir das Zimmertheater nur empfehlen, wenn du auch irgendwann mal einen Auftrittsort suchst, liebes Tagebuch.
Eine Anlage ist fast schon überflüssig bei der Akustik, aber du weisst ja wie gern ich Mikrofone habe, kommt irgendwie besser, finde ich. Ab und zu kam ich mir vor wie bekifft, hab mich sooft verspielt wie lange nicht mehr und das dann in kurzen, für die Zuschauer unverständlichen Sätzen, entschuldigt. War aber trotzdem toll, manchmal kann man sich so doof anstellen wie man will, die Leute mögen einen trotzdem. Im Gegensatz zu den Stuttgartern sind die Zuschauer in Tübingen nach dem Konzert fast ausnahmslos dort geblieben um zu feiern und zu quatschen. Fast wie auf einer Premierenfeier, sind ja auch viele Theaterleute dagewesen, die machen das wohl so. War auch sehr nett, ich hab ein paar Biere getrunken und gequatscht und dann mit Daantje zum Abschied eines der ekelhaftesten Getränke der Welt getrunken, Fernet Branca heisst das, hast du das auch schonmal getrunken, Tagebüchlein? Ach komm, gibs zu.... Wirklich widerwärtig das Zeug, aber Abschiedsgetränk ist Abschiedsgetränk und deshalb nix wie runter damit.
Dann sind Daantje und seine Frau und Kleon abgedüst nach Stuttgart, während ich noch ein Bier mit den Zimmertheaterleuten getrunken hab und dann ab ins Bett und gehofft, dass ich heute pünktlich aufwache oder von der Veranstalterin Annie geweckt werde mit Kaffe und Brötchen. Du musst wissen, ich hab nämlich mein Handyladegerät vergessen und kein passendes auftreiben können und auf einmal war ich ganz verloren ohne die Aussicht auf einen Anruf oder wenigstens eine klitzekleine SmS. Was macht der Mensch nur, dachte ich, wenn er keine Nachrichten mehr empfangen kann. Nix ist er, ein Niemand er ist nicht erreichbar und also quasi gestorben, in Luft aufgelöst für diejenigen die ihn eventuell erreichen wollen. Unser Gedächtnis ist mittlerweile eh so kurz, dass ich nach 4-5 Tagen eh vergessen worden bin und keiner mehr anrufen will. Oder sehe ich das jetzt zu düster, Tagebüchlein? Sag doch mal was!
Naja, jedenfalls bin ich durch die Fussgängerzone geeiert auf der Suche nach nem Netzteil und du wirst es kaum glauben, aber Tübingen hat wohl die höchste Handyladendichte die ich jemals gesehen hab. 6 Läden im Umkreis von 500 metern und jedes Geschäft ist natürlich nur für eine bestimmte Marke zuständig und keines hat so ein verficktes Netzteil wie ich es brauche für mein 30 euro Prepaid handy aus der Türkei oder Usbekistan oder sonstwoher. müsche mer beschtelle, hiess es dann bloss. Nein danke, morgen bin ich raus hier, dachte ich dann.
Naja, morgens dann wurde ich pünktlich geweckt vom kirchlichen Weckdienst namens Kirchenglocke, neunmal hats geläutet und das gleich viermal hintereinander in verschiedenen Glockentönen, oder hab ich mir das nur eingebildet im Halbschlaf? Wie auch immer, rausgefallen bin ich aus dem Bettchen unter die Dusche gewankt und danach etwas orientierungslos durchs leere Gebäude gegeistert und meine Sachen gepackt bis der erste Kaffee kam. mmmh. Was besseres gibts kaum an einem trübnebligen Morgen.
16.03.08 - münchen, südstadt
In München dann war`s schon fast Frühling. Dick eingemummelt bin ich Richtung ZooZie´s gestapft um so ein Interviewdingens zu machen und hab geschwitzt wie ein Depp. Unterwegs hab ich noch ein paar ähnlich dick eingemummelte Menschen getroffen, die hattens aber auch auf die Spitze getrieben, liebes Tagebuch, die hatten sogar Skibrillen an und Skieer oder Snowboarde geschultert. Die Berge können nicht weit sein, oder warum stapft man bei strahlendem Sonnenschein mit geschulterten Skieern durch die Stadt? Vielleicht ist das auch einfach ein weiteres Statussymbol, von denen gibts ja viele in München.
Später im "Südstadt" dann, hab ich meine Sachen endlich ablegen können und hab meinen Bruder angerufen, bei dem ich übernachten sollte. Der aber saß im Englischen Garten bei Weissbier, worauf ich nach gestern überhaupt keine Lust hatte, sodass ich an der Isar lang spaziert bin, um ein bisschen auf die Zeit einzuschlagen, die ich noch hatte bis zu meinem Auftritt. Gewehrt hat sie sich nicht, aber tot ging sie auch nicht. Hast du schonmal geschafft die Zeit totzukriegen, liebes Tagebuch? So richtig tot, Zackbumpeng?
Der Auftritt später war irgendwie nicht so toll, was hauptsächlich an meinem müden Hirn lag, liebes Tagebuch. Das Publikum war ziemlich laut, was in Verbindung mit meinem wirren Kopf nicht gerade zur Konzentrationsfähigkeit beigetragen hat. Man ist ja auch so schnell verwöhnt, nach drei fantastischen Auftritten mit tollem Publikum, bildet man sich schon ein, das müsste immer so sein. Geht ruckzuck sowas, das Ego wird poliert und gestreichelt und gehätschelt und irgendwann wirds ganz schön zickig, liebes Tagebuch, und will immer so verwöhnt werden.
Nach dem Auftritt wollte mein Bruder unbedingt noch auf irgendeine Party gehen, aber darauf hatte ich nach der Feierei in Tübingen nun wirklich keine Lust mehr und bin schonmal vor zu ihm nach Hause und hab noch ein bisschen in einem Buch geblättert von irgendeinem durchgeknallten Iren, der 4 Wochen lang mit seinem Kühlschrank durch Irland getrampt ist. Ist auch ne Beschäftigung, dachte ich und bin eingeschlummert.
Am nächsten Morgen am Hauptbahnhof stehe ich mit anderen Aussätzigen vor dem Eingang und rauche. Auf einmal mischt sich ein völlig unscheinbar nach Bahnmitarbeiter oder sonst einem Beamten aussehender Mann zwischen die Alkis, Dealer und mich, geht auf den Mülleimer zu, nimmt zwei leere Bierflaschen raus, steckt sie in seine Umhängetasche und geht wieder weg.
hm. Ich hab ganz schön verwirrt geguckt, liebes Tagebuch, aber richtig gewundert hats mich auch nicht mehr. Pfandflaschen einsammeln ist wohl die lohnenswertere Alternative zu Hartz4 und man muss seine Frau noch nicht mal belügen, wenn man morgens das Haus verlässt und sagt: "Ich geh jetzt zur Arbeit".
Echt? Du siehst das anders, Tagebuch?
Ach, was weiss ich, war ja nur so ein Gedanke.
Ich freu mich auf Hamburg.
Gehab dich wohl,
dein Gisbert.
24.03.08 - Hannover, Musikzentrum
Sehr geehrtes Tagebuch,
diese Anrede klingt doch irgendwie besser, findest du nicht auch? Woher soll ich denn auch wissen ob du ein "liebes Tagebuch" bist, du bist ein Tagebuch, du kannst alles sein, ich weiss überhaupt nicht was du bist, du könntest alkoholabhängig sein oder hinterhältige Mordpläne schmieden, wenn ich dir gerade den Rücken zu drehe, da muss man vorsichtig sein. Aber bild dir bloss nicht ein, dass ich dich ab jetzt siezen werde.
Wie auch immer, es war Ostern und es hat geschneit. Der Winter fängt heutzutage erst im März an, es hat sich alles ein bisserl verschoben musst du wissen.
Ich war mit meinem Vater und meinen Brüdern bei Oma in der Nähe von Hannover und wir haben uns die Bäuche vollgefressen, wie man das so macht an Ostern. Eiersuchen ist ab nem bestimmten Alter passee, dann wird einfach nur reingehauen, was das Zeug hält, ohne vorherige sportliche Betätigung. Tut ja auch gut, denn ab Ostermontag bin ich 17 Tage lang mit Olli Schulz unterwegs und du weisst ja wie das dann so ist: Wenig Essen, viele Zigaretten und Kaffee und so weiter.
Mein Bruder brachte mich zum Musikzentrum und würde später wiederkommen, zusammen mit meiner 90 jährigen Oma, die es sich nicht nehmen lassen wollte, ihren Enkel in Aktion zu sehen. Hab sie dann später von der Bühne aus gesucht und tatsächlich, da saß sie mitten unter 400 Leuten auf einem Barhocker und lauschte. Unglaublich was für ein Leben noch in diesem Menschen steckt, liebes Tagebuch. Jaa, du hast richtig gehört, Tagebüchlein, die Hütte war rammelvoll und ich war nicht mehr so ganz zurechnungsfähig vor Aufregung.
Mann, mann soviele Leute sind dann doch ganz schön einschüchternd, ich hab auf alles geachtet nur nicht auf das, was ich da grad spiele und singe, geht ja gar nicht, man ist viel zu abgelenkt von den hunderten Blicken die einem auf den Fingern und überallanders liegen. Würde dir da eine sinnvolle Ansage einfallen, liebes Tagebuch? Das ist doch der Albtraum aller (ehemaligen) Schüler und Studenten, oder konntest du das früher in der Schule, vor der ganzen Klasse einen vernünftigen Satz raushauen? Dann lieber gleich weitersingen und versuchen sich nix anmerken lassen.
Mein Programm war schnell vorbei, ich hab davon nix mitgekriegt und die meisten Zuschauer wohl auch nicht, aber gut, erster Abend und so, ich muss mich erstmal eingewöhnen und gucken was da so für Leute aufs Schulzsche Konzert kommen. Die nächsten Konzerte werden wir eh nicht im klassischen Vorprogramm/Hauptprogramm Schema spielen, sondern gemeinsam auf der Bühne sitzen mit Sofa und Tischchen und Getränken und so weiter, und abwechselnd unsere Lieder singen. Bin mal gespannt ob die Idee von Olli aufgeht, könnte jedenfalls nett werden, ich halt dich auf dem laufenden. Olli wollte das gestern eigentlich auch schon so machen, aber das ging nicht, wegen meiner Oma, die hätte dann ja 2-3 Stunden durchhalten müssen und das geht dann doch zu weit.
25.03.08 - Magdeburg, Projekt 7
"Magdeburg, oh, Magdeburg wie leer und traurig schauen deine Gassen raus in die Welt."
Mich befällt immer eine leise Melancholie wenn ich im Osten Deutschlands unterwegs bin und dann fallen mir so komische Sätze ein. Das machen die Häuser und Strassen glaube ich, die gucken immer so wehmütig. ich weiss es nicht so genau.
Nach einer langen Nacht bin ich in einem tristen Hotelzimmer in Magdeburg aufgewacht und versuchte mich an einen Traum zu erinnern: Ich sass Backstage und musste dauernd irgendwas, aufs Klo, Interviews geben, Wasser trinken, Bier holen, Zigaretten rauchen keine Ahnung, ich war jedenfalls schwer beschäftigt und Olli war schon bei den Zugaben und ich wusste ich muss gleich raus ihn begleiten auf der Gitarre und hatte irgendwie Angst dass ich das verpasse. Langweiliger Traum eigentlich.
Die Realität des Abends war um einiges aufregender als mein seltsamer Traum, ich träume eh immer so einen langweiligen Unsinn, da kommt nie mal irgendwas spannendes drin vor, wie zum Beispiel eine Safari auf Elefantenrücken durchs Marsdelta oder Flugübungen mit meinen neu gekauften Kunststoffflügeln überm Himalaya zusammen mit dem Dalai Lama. Nee, sowas kommt nicht drin vor, immer nur so halbrealistische langweilige Kackängste.
Und was träumst du so, Tagebuch? Was bewegt dich in deinem Unterbewusstsein?
Naja, egal, pass auf, nach dem sehr, sehr schönen Konzert (das mit dem abwechselnd spielen hat sehr gut funktioniert) sind Olli, Femke (die bezaubernde Merchandisingdame) und ich noch in einer hübschen Magdeburger Bar versackt, wir bekamen ne Flasche Sekt spendiert vom schwulen Stammgast Frank, der mich als Gegenleistung dafür gleich mal abschleppen wollte, aber so besoffen war ich zum Glück nicht, bestes Tagebuch, da muss schon was besseres kommen. Zum Beispiel eine Frau. Ach, du hättest dich nicht zweimal bitten lassen, tagebuch? Hm, erspar mir die Details.
Jedenfalls war der Alkoholpegel bei allen Beteiligten weit fortgeschritten und Olli hat sich die einmalige Gelegenheit nicht nehmen lassen, sich mit Gustav von Tokio Hotel im Armdrücken zu messen. Ja, ich weiss, Tagebüchlein, das schreit nach einem Beweisfoto, aber das kriegst du nicht, ich heisse ja nicht Paparazzi mit Nachnamen sondern zu Knyphausen. Olli hat übrigens gewonnen, was keineswegs selbstverständlich ist, denn der Gustav hat breite Schlagzeugerarme und hat mir schon beim Händeschütteln fast die Hand gebrochen. Keine Frage, ich hab mich dann auch gar nicht erst auf so einen Armdrücking-Contest eingelassen, weisst ja was für dünne Ärmchen ich hab.
Während Olli sich dann auch noch mit Gustavs Schlagzeuglehrer Armdrückingmässig gebattled hat kam eine neue Runde Getränke und so ging das dann noch einige Zeit weiter, bis ich dann in einem tristen Magdeburger Hotelzimmer erwacht bin und mich eine grunzende alte Zimmerdame zum sofortigen Verlassen des Hotelzimmers aufgefordert hat, es war schliesslich schon Auscheckzeit und da muss man vorsichtig sein, bestes Tagebuch, da wird man nicht mehr geduldet, wenn man nicht die nächste Nacht gleich mitgebucht hat. Das Hotel heisst ja auch "Sleep and Go", da darf man wirklich nichts andres machen, als Schlafen und Abhauen, hätte ich auch vorher wissen können, ich weiss.
Mein Horoskop für den heutigen Tag sagt, dass rosige Zeiten für mich anbrechen und ich mit einem brillianten Schachzug heute meine Position verbessern werde. Naja, mal schauen, was der Abend heute in Rostock bringt, allzuviel Brillianz traue ich mir heute jedenfalls nicht mehr zu.
Ich hab Hunger. Bis die Tage,
dein Gisbert.
30.03.08 - rest der tour
Hey Tagebuch! Wo warst denn du so lang? Kannst doch nicht einfach weglaufen, ich wollte dir noch ein paar Sachen mitteilen, über die letzten Tage.
Hatte ich dich beleidigt? Wenn ja, dann tuts mir leid, nee, echt jetzt, kommt nicht wieder vor liebes Tagebuch, das mit den Mordgedanken und so, das hab ich nicht so gemeint. Was war nicht alles los, die letzten Tage. Auschecken aus dem Magdeburger Hotel, Einchecken ins Rostocker Hotel. Spielen, Spielen, Spielen, Schlafen gehen, auschecken aus dem Rostocker Hotel, Autofahren, einchecken im Flensburger Hotel, Spielen, spielen, spielen, schlafen, auschecken aus dem Flensburger Hotel, Autofahren, einchecken im Apfelbaum Hotel in Gütersloh, spielen, spielen, spielen, schlafen, auschecken aus dem Gütersloher Hotel, einchecken im Osnabrücker Hotel, spielen, feiern, einschlafen, auschecken, Autobahn, einchecken, spielen, schlafen, auschecken, autobahn...........
Wie, das findest du langweilig, Tagebuch? Für so´n Scheiss bist du nicht zurückgekommen zu mir? Undankbares stück sch.... Nein, nein, nein! ich hab das nicht so gemeint, echt jetzt! Komm bleib hier. Bitte...Tagebuch, hey, oooch, utzibutzidutzi, ist doch alles ok, komm ich erzähl dir noch ein paar Geschichten.
Zum Beispiel wie wir in Bochum in der Matrix ankamen und erstmal nicht wussten, ob wir nun tatsächlich in einer Matrix oder noch im realen Leben waren. Ein Irrgarten von einem Bunker ist das Ding und wir brauchten erstmal eine viertelstunde um den richtigen Raum zu finden und überhaupt mal einen Ansprechpartner. Drinnen sah es nach Halloween, Sado-Maso-Keller und Extasy-Techno-Disse gleichzeitig aus. faszinierend. Später beim Ausladen draussen im Regen kam einer der Türsteher für den Abend. Frisch aus der Muckibude und mit einem Schlagstock, der aus seiner Sporttasche lugte. Spätestens dann liebes Tagebuch, war mir klar, dass hier normalerweise andere Veranstaltungen stattfinden.
Oder hatte Olli schonmal schlechte Erfahrungen mit dem Bochumer Publikum gemacht? Unten im riesigen Backstageraum sorgte dann der Veranstalter für die indirekte Auflösung: Normalerweise spielen hier nur Metal-Bands, deshalb gibts auch kein Catering, die Metalbands wollen nie was zu Essen, die nehmen sich ein Bier, rauchen und spielen dann ihr Konzert. hm. Da wir keine Metalband sind, also erstmal rüber zum Dönerladen um was in den Magen zu kriegen. Das ist ja auch das blöde am touren mit Hotelzimmer. Man kommt Abends erst spät ins Bett und frühstück gibts nur bis 10.00 uhr. Wie soll man das denn schaffen? Und wie machen das die ganzen Metalbands? Vielleicht haben die ja einen Nightliner mit eigenem Ernährungsexperten, der ihnen dann auf der Fahrt Steaks grillt oder ihnen einfach Energiekrümel ins Bier kippt, wer weiss.....
Oder wie wir in Düsseldorf gespielt haben und erstmal unser Hotel nicht gefunden haben, weils kein Hotel war sondern eine schnuckelige kleine Bandwohnung in der es auch endlich mal Frühstück für Musiker gab, also erst um 12.00 uhr. Aber das nur am Rande. Der Saal im Zakk war aus irgendeinem Grund komplett bestuhlt. Vielleicht weil der WDR da war um Ollis Ein-Mann-Revue zu filmen? Vielleicht weil Ollis Manager da war und Olli ein bisschen angeben wollte, vor ihm? Nein, nein alles falsch, nach ca. 2 1/2 Stunden spielen hat sich rausgestellt, dass der Saal einzig und allein deshalb bestuhlt war, damit die Leute uns nach unserer gemeinsam gespielten Zugabe Standing Ovations geben konnten. HA!
Fühlt sich nett an so ne Standing Ovation, vielleicht sollte ich meine Konzerte jetzt auch immer bestuhlen. Tja, Tagebuch, der Olli weiss wie der Hase läuft. Weil Olli eigentlich nie jemand für die Gästeliste hat, hab ich das ganze Kontingent in Düsseldorf ausgenutzt und knapp 10 Leute eingeladen, mit denen ich dann später nach dem Konzert noch in einem wunderschönen Aufnahmestudio namens "WildWoodStudio" versackt bin. Mit Büffelgraswodka und anderen Schweinereien. Das Wildwood Studio ist wohl das angenehmste Studio in dem ich je war, das waren noch nicht soviele, aber immerhin. Wenn du mal ne Platte machen willst, Tagebüchlein, dann geh dahin, das kann nur gut werden. "Tagebuch - Die Wildwood-Sessions" kannset das dann nennen. Findest du nicht so toll den Titel? Dann denk halt selbst nach.
Daniel ist irgendwann auf dem Studiosofa eingepennt, alle waren irgendwie breit oder schon nach Hause gefahren, nur ich bin immer fitter geworden, so schien es mir. Max hat mir versucht zu erklären, wie ich am besten zum Hotel finde, aber mich erstmal in die falsche Richtung geschickt und so bin ich noch ein bisschen durch Düsseldorfs Strassen geeiert und hab meine Kamera gezückt. Ich hätte ewig so weiterlaufen können, aber irgendwann war ich auf einmal am Hotel, ging hoch, legte mich ins Bett und schlief einen langen langen Schlaf.
Oder wie Femke (unsere bezaubernde Merchandising Dame, du erinnerst dich, Tagebuch?) -- wie Femke sich während unseres Konzertes in Osnabrück aus Langeweile hinter ihrem einsamen Merchandising-Tisch ordentlich einen hinter die Binde gekippt hatte und später fast eine Schlägerei auf dem Damenklo angezettelt hätte. Fantastisch, schade, dass du nicht dabei warst, liebes Tagebuch. Das war wohl das was am nächsten an Rocknroll rankam auf dieser Tour, meistens gings nach dem Auftritt recht schnell ins Hotel, wo Olli sich schnell noch eine Folge Sopranos reinziehen musste. Wie war das nochmal? Genau: Jeder guter musiker braucht seine Sucht. Olli guckt Sopranos.
Oder das Hotel in Weinheim! Ach, Tagebuch, das hättest du wirklich sehen sollen. Beim Gedanken an den Odenwald hatte ich mich schon auf eine schnuckelige Fachwerkhauspension eingestellt, vielleicht mit Garten und See oder so. Einen See gabs auch tatsächlich liebes Tagebuch und das Ding hiess auch noch Seehotel, aber nebem dem See gabs auch noch ne Autobahn und die Fachwerkhauspension war ein Siebzigerjahre Plattenbau. Schade.
Drinnen sah es so aus, alsob die letzten 30 Jahre nicht stattgefunden hätten, ein paar Spielautomaten in der Empfangslobby schienen die einzigen Zeichen einer etwaigen Modernisierung zu sein. Die waren immerhin schon auf Euro umgestellt. Ein etwa vierzigjähriger Mann und sein osteuropäische Frau betreiben das Hotel und wir waren die einzigen Gäste in diesem mindestens 60 Betten Betonblock und ich hatte ehrlich gesagt ein bisschen Angst in der Nacht Opfer eines Axtmörders zu werden oder ähnliches.
Hast du mal den Film Shining gesehen, liebes Tagebuch? Das Konzert im Cafe Central war sehr nett und zurück im Hotel wies mich Olli in die hohe Kunst des Glückspielautomatenspiels ein. "Immer schön hochdrücken! Zweimal kurz einmal lang." Aha. Es hat nichts geholfen, auch wenn ich auf dem Foto eigentlich ganz glücklich aussehe. Dieses ganze Geblinke und Gedudel hat mich vollends verwirrt und nach 20 minuten und 30 verlorenen Euro hatte ich die Schnauze gründlichst voll. Pass bloss auf, dass du nicht glücksspielabhängig wirst liebes Tagebuch, was meinste wie schnell dein Geld weg ist......
Naja, vielleicht noch schwimmen gehen, vor dem Schlafen? Mittags hatte ich doch gesehen, dass es im Hotelkeller ein Schwimmbad gibt? Also runter mit dem Aufzug durch halbdunkle Flure, immer auf der Hut vor dem Axtmörder und endlich in einem kleinen gekachelten Raum mit Schwimmbecken angekommen, erstmal über einen herumstehenden Eimer gestolpert, zu Tode erschrocken, wieder auferstanden und gemerkt, dass es wirklich ekelhaft müffelte dort unten. Es war das Wasser. Ok, dann vielleicht doch lieber schlafen gehen und wenn der Axtmörder nicht kommt, dann gehts schnell weiter nach Trier.
Ermordet wurde ich nicht die nacht und wir fuhren weiter nach Trier, aber irgendwie begann sich eine furchtbar schlechte Laune bei mir einzuschleichen. Hier ist das, was ich in mein Notizbüchlein schrieb an dem Tag. Du warst ja nicht da, Tagebuch, brauchst gar nicht so eifersüchtig zu gucken: So langsam hab ich die Schnauze voll von den ewig gleich hässlichen Hotelzimmern. Ich sehne mich nach einer Schlafcouch in irgendeiner verranzten WG-Küche oder sowas. Vielleicht hab ich das, was manche Leute als den Tourkoller bezeichnen liebes Tagebuch, oder irgendwas ähnliches, jedenfalls bin ich mächtig schlecht gelaunt. Die Hotels sind hässlich, die Autobahnen sowieso, die Städte auch. Da hilft mir auch mein Fotoapparat nichts, der aus jedem noch so hässlichen Gegenstand die Schokoladenseite hervorzaubern kann. Liebes Notizbüchlein, ich möchte den ganzen Menschen ja nicht zu nahe treten, aber ehrlich gesagt bin ich grad verdammt froh darüber, dass ich in Hamburg wohne. Hab ich dir noch vor einer Woche geschrieben, dass die Magdeburger Strassen und häuser so wehmütig schauen, so lass dir jetzt geschrieben sein, dass Westdeutsche Städte noch nicht mal wehmütig dreinblicken können. Sie sind stumpf, stumpf und nochmals stumpf, da glotzt dich nur Beton an in seiner Grundfarbe, alles ist grau und grau und nochmals grau. ja,ja, ich weiss Tagebuch, ich bin müde und dünnhäutig, aber guck doch mal richtig hin. in Magdeburg empfindet man wenigstens sanfte Melancholie, im Westen nur noch Wut über lieblos dahingeklatschte Architektur, über ein Überangebot an Shoppingmeilen...bäh....
Und so geht das noch ne Weile weiter, Tagebüchlein, gut dass du nicht dabei warst, ha,ha. Das Konzert in Trier war allerdings sehr nett und als es am nächsten Tag in Richtung Schweiz ging, war ich zwar immer noch schlecht gelaunt, aber immerhin gabs zur Abwechslung mal ein bisschen Natur zu sehen. Rorschach zum Beispiel liegt sehr idyllisch an einem See, das Städtchen wohl nicht viel grösser als mein Heimatdorf, aber es hatten sich trotzdem knapp 150 Menschen aufs Konzert verirrt. Gibt ja auch nicht viel anderes zu tun dort und so hatte sich die Jugend versammelt um mal zu gucken wer da so aufspielte an dem Abend. Die erste halbe Stunde des Konzerts war recht anstrengend, bis endlich auch die letzten Neugierigen geschnallt haben, dass heute kein Schlagzeug mehr dazu kommt und es sich nicht so gut zur Akustikgitarre pogen lässt. Enttäuscht verzogen sie sich in den Kneipenteil der Location um weiter zu saufen und wir konnten unser Programm entspannt runterschraddeln.
Über Sursee ging es dann zwei Tage später weiter nach Zürich, wo wir erstmal unser Dixieklo-Hotelzimmer im Etap bezogen und dann schnell raus in die Stadt sind um schlimmere Seelenzustände zu vermeiden. Die Hafenkneipe, in der wir spielen sollten, war ein netter Punkrockschuppen und schon im vorraus ausverkauft und es sollte eins unserer besten Konzerte folgen, welches damit endete, dass ich irgendwann an der Bar stand, Akustikgitarre umgeschnallt und dem Barkeeper ein - zugegeben in seiner Melancholie nicht ganz passendes - Geburtstagsständchen spielte.
Dann gings Richtung Stuttgart. Im bis zum Bersten vollen Club gings dann ans vorletzte Konzert dieser Tour und mir wurde ein bisschen wehmütig, denn meine schlechte Laune war verflogen und ich kriegte Lust auf mehr. Es war allerdings so heiss da drin, dass das wohl nicht mein bestes Konzert war. Andre, der Schlagzeuger aus Ollis band kam extra runtergefahren um bei den nächsten Konzerten ein bisschen Abwechslung in die Akustikrevue zu bringen. Olli wollte endlich mal wieder Krach machen und das hab ich natürlich gleich ausgenutzt und Andre zum "Sommertag"-Trommeln abgestellt. Nach gefühlten 1078 Konzerten nur mit Akustikgitarre eine echte Wohltat.
Am nächsten Tag in Freiburg hab ich dann gespielt wie der Teufel, liebes Tagebuch, um einen richtig guten Abschluss hinzulegen. Hat ganz gut funktioniert, macht ja auch Spass mit so einer tollen Akustik, wie sie im Gewölbekeller des Jazzhauses herrscht. Zum wehmütigen Abschied ein paar Wodkas getrunken und dann doch beschlossen, am nächsten Tag noch mit nach Giessen zu kommen, von wo aus ich auch einen leichteren Heimweg nach Hamburg hatte. Nach grandiosen zweieinhalb Wochen auf Tour bin ich dann zuhause in einen tiefen, tiefen Schlaf gefallen und erst 3 Tage später pünktlich zum Nils Frevert Konzert im Übel und Gefährlich wieder auferstanden. Das Konzert war fantastisch.
Gehab dich wohl kleines Miststück von einem Tagebuch.




















