ascona05.03.2008 - 14.03.2008
05.03.08 - Stuttgart, Zwölfzehn
Erster Tourtag, aber kein lupenreiner: Die Taschen sind noch nicht gepackt, da wir es nach Stuttgart nicht so weit haben. Schon im Vorfeld wird uns klar, dass der heutige Abend nicht so ganz relaxt angehen wird. Durch eine Doppelbuchung seitens des Clubs warten auf die geneigten Besucher nicht zwei, sondern vier Bands. Wir bringen Crashing Dreams mit, denn Flavio, Fabse und Tepe sind uns eh schon ans Herz gewachsen. Die andere gebuchte Hauptband, Everblame, hat eine regionale Newcomerband namens Dive In Paradise dabei. Angesichts der Umstände gibt es keine Soundchecks für die Bands, auch die Backline wird geteilt. Alle Bands benutzen das Kit vom Drummer von Everblame, der noch die Beteiligten darauf hinweist, würden die Toms des Schlagzeugs abgenommen, könnten sie eventuell "euch die Eier wegfetzen". Derart froh, den Rest der Tour doch noch klötenbestückt durchführen zu können und mit einem angenehmen Zeitpolster ausgestattet, machen sich Flo und Fabse auf, gegenüber im Plattenladen Ratzer (Stuttgarter Institution) ein wenig durch die Regale zu stöbern. Nach einer Weile ist es auch schon wieder Zeit, sich ins Zwölfzehn zu begeben. Dive in Paradise machen den Anfang und haben einige Leute mitgebracht, unter der Woche keine Selbstverständlichkeit. Crashing Dreams folgen und verwöhnen die Zuhörer mit ihrem sphärischen Instrumental-Rock, der nicht nur schwelgt und forscht, sondern auch auf den Punkt rockt. Nach dem nostalgischen Alternative-Ausflug von Everblame können wir zum ersten Mal unser Set, wenn auch in ausgedünnter Form, darbieten. Trotz fortgeschrittener Stunde und einer Menge Bewegungsfreiheit im Zuhörerraum ist noch keiner eingeschlafen. Es wird sogar an der einen oder anderen Ecke noch das gediegene Tanzbein geschwungen, was uns als amtliche Partycombo deluxe noch mehr anspornt. Nach 45 Minuten der derben Styles und heftigen Kicks verabschieden wir uns in die Nacht und nach Hause.
06.03.08 - München, Glockenbachwerkstatt
Da heute ein etwas längerer Ritt auf unserem schwarzen Wolfsburger Ross ansteht, machen wir uns ein bisschen mehr mit unserer Umgebung der folgenden 10 Tage vertraut. Unser Tourbus wird auf unsere individuellen Bedürfnisse abgestimmt. Wir taufen unsere sympathische Navi-Stimme auf den Namen Michelle und helfen uns aus der Misere heraus, dass der Bus zwar CD-ROMS liest, auf Audio-CDs aber leider gar nicht reagiert. Via FM-Transmitter schallen die Ascona-Favourites direkt vom iPod oder Laptop in die so oft geschundenen Musikerohren.
Auf dem Weg nach München werden wir um einige Erkenntnisse reicher: Man überlebt auch abenteuerliche Wechsel zwischen Scorpions (sic!), Mansun und Spiritualized ohne bleibende Schäden, der Gitarrist der Münchner Freiheit kommt aus derselben Stadt wie Philipp und Laptops mit dem weißen Apfel drauf halten so einiges an Temperaturschwankungen aus.
Gegen Ende der Fahrt haben wir uns unterhaltungsmusikalisch wieder gefangen (dEUS und Talk Talk: Philipp gewinnt zudem den Mark-Hollis-Stimmenvergleich) und kommen zwar mit Verspätung, aber mit bester Laune in die Glockenbachwerkstatt, denn heute können wir nicht nur unsere Live-Ehe mit Crashing Dreams fortsetzen, sondern haben auch noch Yesterday Shop aus Reutlingen dabei. Nicht unerwähnt bleiben soll die Tatsache, dass auch Crashing Dreams aus dem Schwabenland entstammen. Somit formen wir - mit einer kleinen Ausnahme: Flo kommt aus NRW - ein schwäbisches Rock-Dreigestirn, das sich anschickt, mal ordentlich loszubimmeln, wenn man schon im Glockenbachviertel ist. Der Club ist nicht sonderlich gut besucht, vielleicht liegt's daran, dass der FC Bayern an diesem Abend ein UEFA-Cup-Spiel bestreitet. Das kann man sich immerhin einreden.
Yesterday Shop legen episch los. Auch bei den Klangfarben wird nicht gegeizt. Die drei haben einen Rechner und `nen Moog-Synthesizer auf der Bühne und wir legen unsere Ohren auf den vor uns ausgebreiteten, sämigen Klangteppich, der uns sanft umhüllt und Wärme spendet. Eine Sahnetorte in music.
Nach `ner halben Stunde ist Schluss und Crashing Dreams setzen im Vergleich zum Vortag noch einen drauf. Mehr Druck, mehr Schweiß, mehr wohlige Schauer. Da die drei auch noch unschlagbare Charme-Bolzen sind, ist auch der neue Codename abgemachte Sache: "Die drei Süßen aus Süßen". Wir, die vier karamellisiserten Ü-Eier des Rocks, haben mal wieder ein paar derbe Gimmicks in der Wundertüte, die wir auf ahnungslose Bajuvaren loslassen wollen.
Auch wenn nicht so zahlreich anwesend, sind die Leute voll dabei und wir schaffen es, ein Live-Biest mit dem Publikum zu werden. Heute Abend können wir unser komplettes Set spielen und wir sind mit der Abfolge, die wir getroffen haben, ganz zufrieden. Nach dem Abbau geht es noch ins Nightlife der näheren Umgebung. Das Viertel hat es wirklich drauf, mit dem Schickimicki-Image und der Volksfestbierseligkeit Münchens aufzuräumen. Wer hier erwartet, er träfe auf Beckham-Iros in Lederhosen, hochgestellte Hemdskrägen oder arschbeweihte Steiße, die ihr Bergfest schon hinter sich haben, wird zum Glück enttäuscht. Es ist alles gemütlich, entspannt und musikalisch recht ansprechend. Nachdem wir noch zu viert die letzte Runde in `nem Laden, dessen Namen nicht mehr rekonstruiert werden kann, geordert haben, begeben wir uns in unser Nachtlager.
07.03.08 - Tübingen, Epplehaus
Der Tag startet logischerweise in München. Philipp zog es vor, die Nacht im Tourbus zu verbringen. Die anderen drei wecken ihn morgens und beginnen erstmal damit, die Eiszapfen aus seinem Gesicht zu pflücken. Wenigstens kann man sich damit die Hände waschen. Nach einer verkaterten Fahrt, bei der Flo das Auto fast zum Opfer des Münchener Innenstadtverkehrs macht, kommen wir wieder in der Heimat an. Man verabredet sich für den Abend im Epplehaus. Wir schaffen es fast pünktlich zum Soundcheck, der optimal verläuft. Heimspiele sind oft schlimm, weil man einfach zu viele Leute im Publikum kennt und es dann extra gut machen will. Beim bis dato bestbesuchten Konzert auf der Tour haben wir glücklicherweise eine super Sound und auch angenehm viel Bewegung im Zuschauerraum. Als besonderes Schmankerl (endlich findet dieses Wort Verwendung!) kommt Till, unser ehemaliger Gitarrist, bei "Millionaire" auf die Bühne und fetzt mit seinen Gitarrenskills die dünnsten und schwächsten Körper im Raum fast kaputt. Gegen Ende des Sets wünscht sich ein junger Gast nochmals "The Good Life", weil er anfangs gefehlt hat. Wir bleiben schweren Herzens unseren Prinzipien treu und machen wie geplant weiter, obwohl er die Akkordfolge des Songs akkurat und selbstständig aufsagen kann. Ein Drahtseilakt der Sympathien. An anderer Stelle möchte eine junge Dame nach dem Gig Buttons erstehen. Das liegt schon eher im Bereich des Möglichen. DIE bekommt sie! Was gibt's noch zu berichten? Man kann zu unserer Musik auch pogen. Man lernt nie aus!
08.03.08 - Ludwigsburg, Maxstraße 1
Heute nehmen wir unsere gepackten Koffer endgültig mit. Lang wird die Reise trotzdem nicht. Ludwigsburg liegt nur etwa eine Autostunde entfernt. Wir finden den Club sofort, der mitten in einem Wohngebiet liegt. Die Tür ist verschlossen. Wir gehen in die gegenüber liegende Fußballkneipe, die innen vor allem dadurch besticht, dass im abgetrennten Nichtraucherbereich ca. 80 verschiedene Spielzeug-LKWs unterschiedlicher Marken an der Wand hängen. And er Plexiglastür prangt zudem eine vergrößerte Kopie eines 1000-Mark-Scheins. In Ludwigsburg lebt man wohl auf großem Fuß. Es werden die noch übrigen Leberwurstbrote verspeist, die auf den Tischen ausliegen und ob ihrer Farbgebung nur von der Hälfte von uns kritisch beäugt werden. Da ist der Hunger größer als die Vorsicht.
Die Maxstraße ist mittlerweile geöffnet. Nach dem Aufbau wird uns erstmal der beste Sound der Welt versprochen. Wir sind zunächst skeptisch, da wir auf das Minimum an Lautstärke runterfahren müssen. Nach dem Soundcheck sind wir überhaupt nicht zufrieden. Wir glauben nicht, dass wir das Ding ohne den nötigen Druck über die Bühne bekommen.
Das Konzert ist aufs Sitzen ausgerichtet. Nur hinten an der Bar wird gestanden. Vom Alter her könnten die heutigen Gäste die Eltern derer sein, die gestern in Tübingen waren. Ein paar Ausnahmen gibt es trotzdem: Freunde aus Stuttgart sind da wie die von uns mal wieder gern gesehenen Zwillinge Chris und Flo. Ein Mitarbeiter der Maxstraße, Joker, macht die Ansage. Wir vier Skeptiker legen los und merken nach den ersten Songs, dass das Experiment voll aufgeht. Auch leise (wobei das alles andere als unplugged ist) zieht die Nummer, die wir abspielen. Nach 6 Songs ist erstmal Pause angesagt. Danach drehen wir heimlich lauter und keiner beschwert sich. Auch unsere Ansagen, heute leicht auf das Alter der Anwesenden anspielend (von Rotwein bis Thrombosegefahr ist alles dabei), treffen voll ins Schwarze, uns muss man Contenance ja auch nicht vorbuchstabieren.
Das Konzert läuft perfekt ab, obwohl wir vorher nicht zu knapp dachten, dass uns der Kahn abschifft. Stattdessen haben wir den Trollinger mit Lemberger zum Glühwein hochgekocht. Derart euphorisiert holen wir noch `nen zweiten Hasen aus dem Hut, um ihn auf dem musikalischen Weihnachtsmarkt der Gefühle feilzubieten. Wir bieten unser Album via Pay-what-you-want an. Das Ergebnis: Nur eine Person bezahlt unter dem regulären Preis, zwei sogar mehr. Eat this, Radiohead! Wir klatschen uns ab und hauen uns noch den einen oder anderen Schuppen Wein hinter die Binde, der Pressetext setzt dem Ganzen die Krone auf: [...] Mit gefühl- und substanzvollen Indie-Pop/Rock-Songs überzeugt sie [die Band; Anm.d.Verf.] und zeigt, dass sie sicher auch ganz vorne mitspielen können. Sie erschaffen eine emotionale und tiefgründige Atmosphäre, zu der man tanzen, lachen oder traurig sein kann. Musik, die richtig Spaß macht, mit Herz fürs Herz.
Eat this, Musikjournaille!
09.03.08 - Anbach, 13eins
Der Tag beginnt mit einem Brunch im selben Veranstaltungsraum. Es sind junge Familien da, die unser Aussehen und Geruch (es gibt keine Dusche in der Location) zum Glück nicht stört. Wir sind keine Familie, haben aber immerhin ein altes Ehepaar dabei: Flo und Roni. Flo beweist absolute Kenntnis des Partners: Im Quark sind Bananen drin, aber die magst du ja! Roni hingegen ist noch nicht so frisch und haut seinem Liebsten tatsächlich Milch in den Kaffee. Der Eklat kann gerade noch vom anwesenden Monarchen Philipp der I., Stütze die II. mit harter Hand unterbunden werden.
Der Tross macht sich auf nach Ansbach, das wie sich später herausstellen sollte, die ehemalige Hauptstadt Mittelfrankens ist. Ronald bekommt auf dem Weg dorthin ein Taubertalflashback. Henning Wehlands Maurerdekollete versperrte ihm den Weg zum Essen und Bela B. ist auch nur ein Mensch mit ner Wodkaflasche. Wir saugen den Gossip förmlich auf. Wir sind ausnahmsweise mal viel zu früh am Venue und gehen die Straße runter ins Zentrum. Im Cafe verhandeln wir zäh mit der Bedienung unsere Bestellungen. Zudem soll angemerkt werden, dass Ansbach eine Stadt ist, die vor allem durch ihre Hässlichkeit auffällt und damit den Vergleich zu Reutlingen absolut nicht zu scheuen braucht. Warum jetzt dieser Vergleich? In Bielefeld und Kaiserslautern sind wir einfach noch nicht gewesen. Großes Foreshadowing an der Flussbrücke: Ein Stück Berliner Mauer steht einsam rum. Aus Langeweile diskutieren wir, ob die Graffitis vorher oder nachher draufgesprüht worden sind. Wir merken, dass wir langsam mal wieder was zu tun bekommen sollten und treffen nach dem Verzehr einer Tellersülze - die es besonders Roni angetan hat - und zweier Flammkuchen im Wirtshaus nebenan am 13eins auf offene Türen. Es gibt einen kurzen Soundcheck, weil noch zwei andere Acts auftreten. Schön ist das "abartige" Wiedersehen mit Dave, deshalb abartig, weil das unser gemeinsames abartiges Lieblingswort ist, ihr abartigen Styler, ihr! Uäääh!
Die erste Tourpanne macht sich bemerkbar: Wir haben Bennis Effektekoffer in Ludwigsburg vergessen. Wir leihen uns einen Ersatz zusammen. Das Konzert ist etwas hölzern unsererseits, die Leute auch merklich ausgepowert vom Wochenende und die Stimmung bei der Band von Joe vorher sehr andächtig, dass wir leider nur solide spielen. Schade, aber es muss auch solche Konzerte geben. Die WG, in der wir übernachten, ist riesig. Man braucht ungefähr eine Stunde, um sie abzulaufen. Wir verstreuen uns in die zahlreichen Winkel.
10.03.08 - (Off-Day, Fahrt nach Berlin)
Nach einem tollen Frühstück schwuppen wir zu Karre und machen uns auf nach Berlin. Auf dem Weg setzen wir noch Steffi, Bennis Freundin, die uns Seit Ludwigsburg begleitet, in Leipzig ab. Nach einer Weile breiten sich schon die Fangarme der Hauptstadt aus. Trotz des drohenden Feierabendverkehrs programmieren wir Michelle so, dass sie uns durch Mitte führt. Folglich gibt es einen Sightseeing-Flash, der uns vom Regierungsviertel über UdL am Büro von 2fortheroad-Booking, wo wir Peter, einen Freund Ronis, aufgabeln über die Prenzlauer Allee bis nach Prenzlauer Berg führt, wo Dennis, unser Booker, wohnt. Dort wird erstmal aufgetankt, was man gerne mehrdeutig interpretieren kann. Wir ziehen los durch Prenzlauer Berg und besuchen zuerst Dr. Pong, einen Laden, in dem man zum Saufen auch noch Tischtennis spielen kann. Die Ascona2fortheroadBurningEagle-Riege schafft es mehrmals in die Final- und Halbfinalspiele, was Anlass zum weiteren Feiern bietet. Im Wohnzimmer wollen wir die andächtige Stimmung nicht stören und laufe rüber zum Intersub, wo Dennis regelmäßig veranstaltet. Sein bestellter Mai Thai zeigt Charakter und lässt ihn den Spaß am Abend am nächsten Morgen nicht bezahlen.
11.03 - Berlin, Antje Öklesund
Der Tag beginnt mit einem Männerfrühstück: Rührei, Speck, Kaffee, Toast. Nach langwierigem Abwägen ziehen wir zunächst zu viert los, um uns später noch weit vor dem Alexanderplatz zu trennen. Flo und Roni laufen die Prenzlauer Allee bis zum Alex. Von dort aus geht's über UdL in ein Buchgeschäft, wo der Moleskinevorrat aufgestockt wird und die Frage "Clemens Meyer oder Charlotte Roche?" zu Gunsten des erstgenannten beantwortet wird. Ekelschocks haben wir auf Tour ja ohnehin schon genug, da kann die Lektüre der Frau Roche noch getrost warten. Wir haben das besondere Glück, pünktlich zum Streik der BVG in Berlin zu sein. Somit fahren nur die S-Bahnen und Taxis, die sich gerüchteweise dafür einen ganz besonderen Tarif aus dem Hut gezaubert haben. Da müssen halt die Füße ran. An den Hackeschen Höfen treffen wir uns wieder und fahren zurück zu Dennis' Wohnung. Phillip geht noch Schuhe kaufen, Flo kann es nicht lassen und stockt seine heimische LP-Sammlung beim Plattenkauf in Friedrichshain auf. Dort ist auch das Antje Öklesund. Das findet man nicht leicht, denn es ist einfach ein Backsteinhaus in einem Hinterhof. Die Bühne sieht aus wie ein Fernsehbildschirm, man klärt uns aber auf, dass dies ein Schaufenster darstellen soll. Wir müssen, ähnlich wie in Ludwigsburg, wieder runterdrehen. Der Gig kann als OK verbucht werden. Die große Power wohnt heute Abend woanders.
Die Aftershow ist umso besser: Der DJ wechselt zwischen Freestyle und Rock'n'Roll, und zwar wirklich 1:1 abwechselnd. Das geht erstaunlich gut. Wir sind erstaunt. Noch verwunderter schauen wir drein, als eine Schwäbin, total begeistert vom südwestlichen Aufeinandertreffen unserer- und ihrerseits, sich bei den Tanzeinlagen buchstäblich auf den Kopf stellt und in Trance noch den ein oder anderen Gast zärtlich berührt. 75% von Ascona sind mittlerweile bei den Schnapsrunden angelangt während Flo von einer ortsansässigen Lokalikone über die essentiellen Styles der Pop-Karriereplanung aufgeklärt wird. Highlights sind schon längst nicht mehr an zwei Händen abzuzählen, aber ein Schmankerl geht immer: "Ich bin mittlerweile na `nem Punkt, an dem Leute nicht mehr nach mir auftreten wollen, weil die meinen, das mein Zeug zu gut ist."
Längst schon auf einer anderen Bewusstseinsebene - aus unterschiedlichen Gründen - finden wir vier wieder zueinander und atmen auf, da wir Dennis schon vorher überredet haben, uns zu ihm nach Hause zu fahren. Dort macht Roni als Klobrillenmodel für Villeroy&Boch eine noch erstaunlich frische Figur, ja, fast grazil mutet seine elegante Handhabung des sanitären Interieurs an. Für die anderen heißt es: Weißbrot statt Speinot.
Schlafen.
11.03.08 - Krefeld, Kulturrampe
Schweiß der Anstrengung und Tränen des Abschieds spülen uns auf die Straße, punktgenau vor die Türen unseres Wagens. Wir müssen nur noch einsteigen. Nach kurzer Inspektion stellen wir nicht ohne Stolz fest, dass wir es mittlerweile geschafft haben, dass Innere des Autos wie eine Müllhalde aussehen zu lassen. Rock mit großem "R". Chaos mit großem Zeh.
Dickes B oben an der Spree. Komm'n bald wieder her. Ja, lieber Leser, das war nur eine kleine Kostprobe der lyrischen Powerstyles, die wir aus der Hauptstadt mitgenommen haben, bekannt für ihren tollen Hip-Hop und die tollsten Bäcker weit und breit!
Wir brauchen gefühlte 11 Stunden nach Krefeld und sehen auf unserer längsten Strecke ne Menge Autobahnabfahrten. Mehr gibt es auch nicht zu erwähnen. Wir haben das Navi an und fahren in Krefeld umständlich um unser Ziel herum, da es laut Veranstalter auf diese Weise nicht zu finden ist, ein Hinweis, den wir tollkühn ignorieren. Michelle wird nach einer Weile recht schnippisch, die Kulturrampe finden wir dann doch noch. The Elephants aus Dänemark und der lokale Support Last Confessional sind schon da. Unsere Nachbarn aus dem Norden sind auch Berlin gekommen und sind gerade `ne knappe Stunde da, haben aber ihre Backline schon komplett aufgebaut. Scheu wie ein paar Rehkitze sind sie zwar, die Dänen, aber nett, daher können wir viel sharen, wie man so schön sagt. Den Soundcheck können wir uns logischerweise in die Haare schmieren, es gibt auch kein Diebels als Catering-Bier. Das Essen selbst ist (mittlerweile) lauwarmes Chili. Aus uns werden kurzzeitig Schmerzensmänner.
Das verfliegt ganz schnell wieder auf der Bühne. Uns steckt die lange Fahrt zwar noch in den Knochen, aber völlig verstockt sind wir zum Glück nicht. Es werden ein paar Refrains nach den jeweiligen Songs rezitiert. Wir fassen das als Kompliment auf. Die Meinungen nach dem Gig gehen bei uns intern auseinander, es war schon schlimmer, aber auch besser, obwohl heute endlich ein oder zwei Hooks mal so richtig gezündet haben. Die Elephants spielen danach ihren Indie-Pop, der genau so putzig ist wie vermutet. Aus Begeisterung kaufen wir noch CDs, LPs und Benni ein Shirt, das ihm unglaublich gut steht. Es sieht damit richtig verwegen aus. Wir schweigen neidend. Krefeld hat unter der Woche trotz massiger 250.000 Einwohner nightlifetechnisch nicht so viel zu bieten. Wir steuern sofort unser Nachtlager an. Wir schlafen bei einem Freund vom Chef, Stefan, und der Stefan ist Berufsphotograph. Philipp kriegt sich beim Equipment nicht mehr ein und versteckt seine Erektion, was ihm auch gelingt. Das kann Benni und Flo nicht mehr passieren, denn der Rotwein wirkt recht schnell. Schlafen.
12.03.08 - Day-Off, Krefeld-Eisfeld
Wir fahren von links nach rechts auf der Landkarte. Morgen ist zwar erst der Gig in Coburg, wir übernachten aber zweimal in Eisfeld, das liegt ca. 20 km entfernt. Warum? Weil wir da bei Ronis Schwiegereltern in spe untergebracht sind. Wir sind auch tatsächlich schon zum zweiten Mal da, da wir hier im September in der örtlichen Skatehalle ein Konzert hatten. Karl_Heinz und Elli sind uns somit keine Unbekannten mehr und auch nicht ihre vier Katzen, die mit ihnen das Haus bewohnen. Auf diese kleinen vier Zeitgenossen freuen sich Katzenhaarallergiker Roni und Flo ganz besonders. Nach dem reichlichen Abendessen verziehen wir uns samt Herrn des Hauses in die Kneipe um die Ecke, denn um Mitternacht hat er Geburtstag. Die örtliche Spelunke heißt "Buff", die bei absichtlichen Versprechern, wo man heute Abend hingeht, für unvergessliche Kalauer sorgt. Neben uns sind noch ein paar Mitglieder des örtlichen Fußballvereins SV 03 Eisfeld zugegen. Werder spielt und kommt gegen Glasgow nicht weiter. Als Geburtstagsgeschenk gibt's von uns Hobby-Nostalgikern ein "Westpaket": Nutella, Dosenmandarinen, Kaffee, Mon Cheri (mmmhhh), Bananen und eine Tafel Schokolade mit ganzen Nüssen. Ganz so treffsicher sind wir dann aber doch nicht, denn anstelle des steril verpackten Shampoos hätten wir ein Stück parfümierte Seife reinpacken sollen. Es wird gerade noch verkraftet. Passend zum Geschenk bekommen wir Anekdoten aus der Ostzeit, denn Eisfeld liegt sehr nah an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Nach mehreren Runden torkeln wir nach Hause. In der Nacht bekommen Benni und Flo nicht mit, dass 30 Meter die Straße rauf ein Haus abbrennt. Jane, Roni und Philipp bleiben daher gaffenderweise bis 6 Uhr früh wach. Ob es sich dabei um Brandstiftung oder Versicherungsbetrug handelt, kann unser Außenreporter Philipp leider nicht aus den Beamten rauskitzeln.
13.03.08 - Coburg, Sonderbar
Der nächste Morgen. Roni und Flo kratzen sich nervös an ihren Köpfen. Allergie! Die Schreckensherrschaft der vier fetten Katzen kennt kein Erbarmen. Um mal das Haus zu verlassen, zeigt uns Jane den Ort. Hier ist sie aufgewachsen. Am Kirchplatz, zum Beispiel, tranken und rauchten früher die Kids. Die anderen Details sind nicht so verwegen. De Ort ist an vielen Stellen ein Beispiel der Osttristesse: Ländlich, strukturschwach, wenig Arbeit, viel Grau. Heute sieht es immerhin so aus, dass die Eisfelder trotz der schlechten Arbeitssituation zwischen sechs verschiedenen Supermärkten auswählen können. Da wir auch noch was brauchen, entscheiden wir uns für den Edeka, dem "Supermarkt der Generationen", wie einem das Schild erklärt. Vorbildliche Jugendliche, die Senioren beim Einpacken helfen, finden wir zwar nicht, aber zumindest die Waren, die wir wollen. Wir schauen uns danach noch nach dem dazu passenden "Supermarkt der Möglichkeiten" um, aber das wäre für Eisfeld ja auch ein bisschen zu viel verlangt.
Abends geht es dann nach Coburg. Die Sonderbar ist direkt im Zentrum, nah an der Haupteinkaufsmeile. Sie ist sehr schön, eine richtige Bar, wobei es untypisch für derartige Lokalitäten eine richtige Bühne im hinteren Teil gibt. Die Atmosphäre ist entspannt, die Mitarbeiter geben sich richtig Mühe. Es ist der erste Tag der Osterferien. Wir stellen uns auf zahlreiches, tanzwütiges junges Publikum ein. Unser Optimismus bleibt ungebrochen, wie man merkt.
Wir sind heute Abend nicht alleine, The Tunes machen den lokalen Support. Und nicht nur das: Sie haben frisch ihre erste CD dabei, schmeißen also ihre Release-Party. Beim Soundcheck offenbaren sich einige technische Mängel, wir wollen uns aber nicht beirren lassen und schaufeln uns danach gleich das geile Catering rein. The Tunes checken ein bisserl länger, wir schauen uns das an. Sehr britisch vom Sound und Look erkennt man das eine oder andere Vorbild.
Schon ab 20 Uhr füllt sich der Laden. Die Tunes-Jungs gehen noch zur Schule und haben nahezu die gesamte Oberstufe der Coburger Gymnasien zusammengetrommelt. Der Eintritt ist frei, es gibt stattdessen einen Getränkeaufschlag.
21 Uhr: The Tunes fangen an und die Mädchen tanzen. Der Bass wummert derbe durch, wir wollen uns das merken, damit es den Leuten bei uns später nicht die Magengrube schlapp massiert. Die Jungs werden auf Händen getragen und massivst abgefeiert. Im Raum sind ungefähr 250 Leute.
22 Uhr: Wir fangen an und spielen den durch die mittlerweile obligatorischen Raucherpausen geleerten Raum wieder halbvoll. Wir lärmen uns gegenseitig zu und es gibt ständiges Feedback. Brrzzt-Fiieep-Flatsch. Dazu kommen gefühlte 80 Stimmpausen, generelle Schlappheit und ein hauchdünner Bass, weil Flo noch immer nicht die Saiten gewechselt hat.
Wir rumpeln so davon und kommen einfach nicht aus dem Quark. Wir haben uns unerklärlicherweise auch dafür entschieden, den Kontakt mit dem Publikum zu meiden. Ist es Angst, weil einige Mädchen böse gucken? Wir hetzen uns ans Ende des Sets, in dem Fall das rettende Ufer.
23 Uhr: Keine Zugabe. Das Pay-what-you-want-System geht zu allem Überfluss dann auch noch seine eigenen Wege: 1 Cent plus Dönergutschein von einer Imbissbude aus dem Ort für die CD. Auch damit muss man rechnen. Das ist aber auch eigentlich scheißegal, wir waren schlecht. Hinter der Bühne werden im Frust die Fehler gesucht und nicht gefunden. Der Tourkoller ist da. Wir stoßen uns mit unüberlegten Äußerungen an den Kopf, die sich bis zu Androhungen körperlicher Gewalt hochschaukeln. Einen Nenner haben wir trotzdem noch: Wir wollen die nötige Professionalität (sic!). Wir plärren uns nur mit so Kram an. Die passiert passenderweise vor den Augen der Tunes, die standesgemäß an ihren Freundinnen rumnuckeln und sich wohl fragen, was eigentlich unser Problem ist.
Wir laden ein, fahren nach Eisfeld und der Rest des Abends ist Schweigen.
14.03.08 - Dresden, Riesa-Efau
Bevor es losgeht, fährt Flo nach Coburg und besorgt sich die längst überfällig gewordenen Saiten. Dazu noch eine CD von Moloko (Frustkauf) und die von Benni zu therapeutischen Zwecken georderte DVD von "This Is Spinal Tap". Wieder in Eisfeld angekommen, schauen wir etwa die Hälfte des Films. Nach dem battle wo couldn't care less und einem zähen Gespräch sind wir letztendlich im Bus und fahren ab.
Da wir bis dato noch nichts von unserer Ex-Bookerin gehört haben, die den Abend veranstaltet, rufen wir beim Club an und fragen, ob sie wissen, dass wir kommen. Die Antwort lautet "Ja!". Auf die Frage, ob wir in die Adlergasse nach DD-Friedrichstadt oder DD-Bühlen sollen, heißt es, es gäbe nur EINE Adlergasse. Auf den Hinweis, dass man dies gerne mit unserer Michelle und vier Augen klären kann, verzichten wir.
Auf der Fahrt ist es relativ ruhig, nur unterbrochen von Ausbrüchen diebischer Häme, denn der FC Bayern verliert bei Tabellenschlusslicht FC Energie Cottbus mit 0:2. Ha!
Dresden-Friedrichstadt. Am Club treffen wir auf Martin, der die Technik macht. Der ist auch richtig cool drauf und hilft uns beim Ausladen. Er macht bei der Riesa-Efau sein FSJ, seinen Wehrersatzdienst, auf den Ausdruck legt er Wert. Es ist halb acht und wir sind schon spät, von The Mint aus Berlin, die mit uns den Abend bestreiten, ist noch nichts zu sehen. Der Veranstaltungsraum ist ein Gewölbekeller. Eigentlich recht nett hier. Wir ziehen neue Saiten auf, auch wieder im Umgangston miteinander (Wow! Big Point für dieses Stilmittel!). Irgendwann kommen The Mint an. Wir haben den Soundcheck schon längst hinter uns gebracht. Es ist schon 21 Uhr, die Jungs kennen keine Eile (Plakat: Beginn 20.30 Uhr. So läuft das halt im Easy-Going-Rockbiz). Man einigt sich darauf, dass wir als erste Band die Bühne betreten werden.
Das Konzert läuft, Ironie des Schicksals, super. Wir sind tight wie die Hosen von The Mint und haben auch zwischenmenschlich das Publikum schnell "bei uns". Gig fetzt, Merch läuft, wir strahlen, Dresden strahlt. Unsere Präsentatoren von kabelblume.de sind zufrieden, wir erleichtert.
The Mint zocken dann noch ihren Rock-Gig, und den ziemlich big. Cooper Temple Clause lugen über die Soundwand, auch Kasabian waren schon mal auf nen Pint vorbeigekommen.
Nach dem Gig überlassen wir The Mint das Nachtlager, das Platz für fünf Personen bietet. Da wir zu zehnt auf Kuschelorgien verzichten wollen, bemühen wir uns um Alternativen. Die gibt es zum Glück. Vorher zieht der ganze Tross durch die Neustadt. Bars, Plattenläden, Boutiquen und Dönerläden. Alles für die boiling funky people vor Ort. Wir essen mannsgroße Döner und trinken aus eichenhohen Kelchen und können uns danach nur noch rollend vorwärts bewegen. Plötzlich wird eines klar: Das war eben der letzte Gig der Tour. Die Stadt mit der großen Oper war sehr nett zu uns. Und die dicke Frau, wir, singt noch.




















