HealthDisco2
VÖ: 25.06.2010 // City Slang

VÖ: 25.06.2010 // City Slang
Die lärmigen Klangverschachtelungen von HEALTH klingen wie die Vertonung einer düsteren Zukunftsvision von einem verdrecktem, in desolatem Zustand befindlichem Weltraum. Das Krachfaszinosum aus Los Angeles bewegt sich damit in (s)einer ästhetischen Zwischenwelt: In Sound, Form und Instrumentarium dem Noiserock eng verbunden, machte es einerseits absolut Sinn das Weirdo-Ensemble in diese Ecke zu schieben. Andererseits aber greift diese Zuordnung auch meilenweit zu kurz, denn sie assoziiert Anderes, als die als offensiv ausgeführte Arschtritte für die zum Standard gewordene Kuscheligkeit im Rock vorgetragenen Rock-Dekonstruktivismen und discoaffinen Psychperimente des Quartetts. Der bizarre Soundkosmos von HEALTH besteht eben nicht nur aus überaus prächtig brachialen Noisefrickeleien, sondern eben auch aus einer subtil eingeflochtenen Vorliebe für Synths und Disco.
Die klingende Bestätigung dessen liefern die immer wieder intendiert gesetzten Schulterschlüsse seitens der Band mit erlesenen Knöpfchendrehern der Tanzbodenfraktion. Wie schon 2007, als das fertige, selbstbetitelte Album anschließend nochmals in die Hände anderer begabter Soundtüftler gegeben wurde und ein Jahr später als „Disco“ quasi-reinkarniert das Licht der Welt erblickte, wurde nun das starke, wiederum stark von den Remixen des eigenen Vorgängers beeinflusste 2009er Machwerk „Get Color“ zur soundtechnischen Umkrempelung freigegeben: eine ausgewählte Créme de la Créme, der u.a. JAVELIN, GOLD PANDA und natürlich auch die alten Kumpel von CRYSTAL CASTLES angehören, durfte nach belieben an den Rohstoffen herum basteln. Diese extern konsultierte Musikalität hat den biestigen Originalen die sperrige Stressigkeit operativ entfernt und statt dessen eine gespenstisch-mystisch wabernde Tanzbarkeit injiziert. Zwar scheint die typisch flirrende Schrägheit der Originale noch immer durch das Klangdickicht (oder findet sich teilweise sogar verstärkt), die bisweilen rhythmische Vertracktheit des Ursprungsmaterials wurde aber zu einer straighten, glatten Dancefloortauglichkeit zurecht gebogen.
Das Ergebnis nennt sich „Disco2“ und ist eher als Compilation denn als wirkliches Album zu sehen. Tracks wie „Before Tigers“, „Die Slow“ und „Nice Girls“ finden sich in jeweils zwei Remix-Varianten auf der Playlist wieder, wohingegen andere Stücke von „Get Color“, wie etwa das prädestiniert für eine solche Art der Behandlung erscheinende „We Are Water“, hier gar nicht (bzw. nur auf der erweiterten Sonderausgabe) vertreten sind. Die Qualität der Bearbeitungen schwankt erwartungsgemäß beträchtlich, was einen recht inkonsistenten Höreindruck hinterlässt. Während z.B. die CRYSTAL CASTELS Version von „Eat Flesh“ sonderbar blass bleibt und damit enttäuscht, wissen andere Soundeditoren wesentlich überzeugenderes abzuliefern: So kitzelt etwa CFCF ein relaxtes Südsee-Feeling aus dem verstörenden „Before Tigers“ und TOBACCO verwandeln das rumpelig-kratzige „Die Slow“ in ein ober-coolen, deepen Club-Smasher. Alles in Allem wirken die Bearbeitungen deutlich zurückhaltender, chilliger, aufgeräumter als die Originale - und zeigen warum eine solche Remix-Orgie eventuell auch Sinn machen kann: Die Fremdannäherung verleiht dem Ausgangsmaterial eine Art dritte Dimension, erlaubt eine perspektivisch verschobene Betrachtung von diesem und macht Nuancen hörbar, auf die sonst wohl niemals die Aufmerksamkeit gerichtet worden wäre.
Und doch stehlen HEALTH all den ihr Werk remixenden Kollegen die Show: mit „USA Boys“ gibt es nämlich gleich zu Beginn des Albums auch einen gänzlich neuen Track der Kalifornier zu hören, der wohl auch Dank der Mitarbeit von Alan Moulder (MY BLOODY VALENTINE, NINE INCH NAILS, DEPECHE MODE) die Perle dieser Scheibe geworden ist. Er fungiert als so etwas wie der Richtungsgeber oder äußere Rahmen für „Disco2“ und klingt so, wie HEALTH klingen würden, wenn sie sich selbst remixten. Das lässt erahnen, welch interessantes Resultat es geben könnte, wenn die Kalifornier von anderen Musikern in der Art Material zum Editieren zur Verfügung gestellt bekämen, wie sie es anderen zugänglich machen.
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