LOU BARLOW - GOODNIGHT UNKNOWN

Lou BarlowGoodnight Unknown

vö: 02.10.2009

web: www.loobiecore.com

label: Domino Records

 
 

Lustig eigentlich, 2009 eine CD in die Hand gedrückt zu bekommen, von der behauptet wird, sie sei Lou Barlows zweite Soloplatte. Was natürlich stimmt und mein Plattenregal lacht mich halt aus, weil ich versuchte, das unkommentiert zu lassen. An wen hätte ich denn dann Anfang der Neunziger meine BAföG-Überweisungen weitergeleitet, damit ich von obskuren Import-Händlern noch obskurere Sentridoh-CDs geschickt bekomme? Sentridoh, das war Lou Barlow, damals Ex- und inzwischen wieder Dinosaur jr.-Mitglied und hauptsächlich bei Sebadoh und The Folk Implosion (später: The New Folk Implosion) angestellt. Nebenbei nahm er mal mit den Ostwestfalen-Indie-Heroen Sharon Stoned auf und machte eine Split-EP mit dEUS-Mitglied Rudy Trouvé (und ich hab mir alles gekauft). Hauptsächlich war Lou Barlow aber immer Lou Barlow. Ein hochtalentierter Songschreiber, der sich um aufwendige Produktionen gar nichts scherte, sondern einfach seine großartigen Songs loswerden wollte.

Deshalb nahm Barlow unter dem Namen Sendridoh immer wieder Kassetten-Sampler auf. Alleine. „Recorded at home on whatever“ stand hinten auf dem CD-Rerelease später drauf. Die Songs klangen wirklich, als hätte sie Barlow mit einem schäbigen Kassettenrekorder aufgenommen, während er auf seiner Akustik-Gitarre rumzupfte. Und dabei oft räumlich nicht wirklich in der Nähe des Aufnahmegeräts war. Und mindestens zwei Türen zwischen Mikrofon und Musik waren (man höre sich zum Beispiel mal den Song „Try to get what you want“ an). Lower als LoFi.

Aber die Songs waren Perlen. “Cause for Celebration”, „None of your goddamn Business” und mein bis dato Lou Barlow-Favorit „Beyond the Barbwire“ waren genau deshalb so wundervoll, weil sie roh und ungeschliffen waren. Als durchproduzierte Pop- oder auch Indiehits hätten die vielleicht nie funktioniert. Und Barlow ließ mit Sentridoh kurze Sequenzen und Ideen glänzen. Nahm sie schnell auf. Und genau das war auch der Ansatz, den er mit seinem zweiten offiziellen Solo-Album wieder verfolgen wollte. Dichter und aggressiver sein. Und so ist „Goodnight Unknown“ nach dem eher folkigen „Emoh“ Lou Barlows Versuch, das Rohe in sich selber wieder zu finden.

Der Legende nach kam wohl Andrew „Mudrock“ Murdock, Produzent von Nu Metal-Acts wie Godsmack und Avenged Sevenfold, beim Gassigehen an Lou Barlows Wohnung vorbei und ergatterte sich so den Job bei den Aufnahmen im Studio. Auch Dinosaur jr.-Schlagzeuger Murph kam ab und an vorbei. Doch dessen Aufnahmen wurden nichts (ich glaube eh, dass J.Mascis noch immer sämtliche Dinosaur jr.-Schlagzeug-Parts einspielt und am liebsten auch live spielen möchte – Anm. des Verfassers) und dann holte Lou Barlow eben Dale Crower von den Melvins als Schlagzeuger in Studio. Und Lisa Germano für die weiblichen Gesangsparts und deren Freund für den Kontrabass. Und so wurden aus den kleinen Ideen wieder Songs, die 24-Spuren füllten und nichts mit LoFi-Homerecording zu tun hatten. Und das ist die Crux an „Goodnight Unknown“. Nach einem großartigen aktuellen Dinosaur jr.-Album kommt Lou Barlow mit einer (nur) guten Soloplatte daher. Und bleibt dabei hinter seinen Möglichkeiten zurück, die er ausspielte als er mit Sentridoh, einer Gitarre und einem Kassettenrekorder wirkliche Soloalben aufnahm. Gut, die 43 Songs von zum Beispiel „Losing Losers“ kann man nicht am Stück anhören. Hin und wieder hole ich die CD aber aus dem Regal. Wegen einzelnen Songs. Und ich glaube fast, dass ich das in zehn Jahren noch immer mache. „Goodnight Unknown“ könnte bis dahin hinter einer Staubschicht versteckt sein.


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