Die Kunst des Post-Rock ist es, den Hörer mit detailreichen Klängen in eine spannende Berg- und Tahlfahrt des Kopfkinos zu versetzen. Das Schließen der Augen lässt den Fokus auf die Töne, die Atmosphäre und die Rhytmen zu, die sich langsam aber beständig zu klaren Bildern formen und im besten Fall eine Art Trancezustand hervorrufen. Die vier Jungs aus dem Allgäu von „Dear John Letter“ bieten auf ihrem Debut „Between Leaves | Forestal“ düster-beklemmendes Gefühlskino, für das sich der Hörer Zeit nehmen und auf das er sich einlassen muss.
Die Bilder werden klarer. Eine Lichtung in einem durchwachsenen, urigen Wald zur Winterszeit taucht vor dem geistigen Auge auf. Hoch am Himmel spendet der Vollmond gerade genügend Licht, um die vier Männer mit ihren Instrumenten aus der Dunkelheit hervorzuheben, die die Geister des Waldes zum Tanz auffordern. Das verhaltene Schlagzeug von „Towers | Trees“ weicht vor düsteren Gitarrenakkorden zurück. Sänger Martin Fischer haucht mit seinem beschwörenden Gesang, der nicht selten an Maynard James Keenan erinnert, eine kalte Brise durch die Bäume. Die von Breaks durchsetzten Arrangements schaffen vor allem durch tiefe Gitarrenakkorde und hohe Pickingnoten einen kühlen Hell-Dunkel-Kontrast. Genregrößen wie Isis, Pelican und Oceansize könnten dabei Pate gestanden haben.
Auch die restlichen fünf Stücke bestechen durch clever eingesetzte Gitarreneffekte. Ein Meer aus Hall, Delay und tief-verzerrten Gitarrenarrangements verleiht den detailverliebten Liedern eine authentische Atmosphäre, die genügend Anreiz zum Träumen und Schwelgen bietet. Der sanfte Gesang, der, nur vereinzelt eingesetzt, oftmals durch Chorale wie ein zusätzliches Instrument zu Tragen kommt, fügt sich nahtlos in die gespenstische Atmosphäre auf „Between Leaves | Forestal“ ein.
Die beklemmende Mischung aus Mystik und Naturgewalt macht das Debut der Jungs von „Dear John Letter“ zu einem stürmischen Ritt durch düstere, verwunschene Waldlandschaften. Was allerdings zu einem zeitigen Post-Rock-Referenzwerk fehlt, ist der Mangel an Ausuferungen, wie er den Hörer im letzten Drittel von „Clearing | Leaving“ durch kurz eingesetzte Doublebass-Virtuositäten unverhofft am Schlawittchen packt. Die knapp 46 Minuten pure Atmosphäre dürften jedoch so manchen Gang ins örtliche Lichtspielhaus mit Bravour ersetzen.





















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