Neil Young & Crazy Horse

Neil Young & Crazy HorseAmericana

VÖ: 01.06.2012, Warner Music Group

Von Christoph Hoffmann

Nach über neun Jahren hat Neil Young, der wohl mit gehörigem Abstand größte Rockstar, den Kanada je hervorgebracht hat, mit seiner Band Crazy Horse wieder ein Album aufgenommen. "Americana"heißt es und ein Blick auf die Trackliste verwundert zunächst: Wandergitarrenevergreens wie "Oh Susanna", "Clementine", "Jesus Chariot (She´ll be coming round the Mountain)" und sogar "This Land is your Land" sind hier versammelt. Das Who-is-Who des Lagerfeuergesangs also. Was hat sich Neil Young dabei wohl gedacht?

Offenbar eine ganze Menge. Er hat die Entstehungsgeschichten der Songs untersucht, ihre ursprüngliche Form gefunden und dabei die Wurzeln des ganz klassischen amerikanischen Folksongs aufgedeckt. Viele der bekannten Lagerfeuerklassiker sind heute den meisten Menschen nur noch in einer kindergerechteren Form bekannt - so fehlt in vielen amerikanischen Liederbüchern meist die letzte Strophe von "Clementine", die dem ohnehin schon traurigem Lied eine beängstigende und bedrohliche Schlagseite gibt. Teilweise wird sie gar durch eine neue, unschuldigere Strophe ersetzt. Und "This Land is your Land", das heute als universelle amerikanische Freiheitshymne gesungen wird, enthielt ursprünglich zwei sehr kritische Strophen, die aus patriotischen Gründen mit der Zeit ersetzt wurden. So hat sich das Vermächtnis der Zeiten, in der diese Songs entstanden sind verdreht und im Verlauf der Zeit in einer kaum noch nachvollziehbaren Weise verändert. Und auch wenn die originalen Songtexte heutzutage leicht per Wikipedia auffindbar sind, sind es doch die modernisierten und freundlicheren Varianten der Lieder, die im kulturellen Gedächtnis verankert bleiben. (Das ist übrigens kein rein amerikanisches Phänomen - man vergleiche etwa einmal die ursprüngliche Legende vom Schlaraffenland mit dem Grimm´schen Märchenbuch und der heute bekannten Geschichte.)

Neil Young & Crazy Horse spielen nun auf diesem Album die ursprünglichen Songs, variieren dabei die Arrangements mitunter deutlich, lassen die bekannten Melodien aber immer noch mindestens erahnen. Ihre Versionen klingen dabei sehr viel rustikaler, rauer und kräftiger als man es den tausendfach gehörten Liedern zutrauen würde. Neil Young singt voller Leidenschaft, mal mit dem Zorn eines unterbezahlten Minenarbeiters, mal mit der flammenden Überzeugungskraft eines soeben dem Teufel entkommenen Priesters. Dazu drängen dominante, staubige und wilde Gitarren, und ab und zu kommt ein Chor zum Einsatz. Über allem liegt eine dünne schmutzige Patina, die das Album älter klingen lässt.

"Americana" ist ein in jeder Weise anachronistisches Album geworden. Es zeigt, wo die Wurzeln des amerikanischen Folks liegen und befreit diese vom trivial-folkloristischem Gedankengut, es zeigt die Wut, die Ängste, die Sorgen und die Hoffnungen der Menschen, die vor 200 Jahren nach Amerika kamen und dort die "neue Welt" als einen in heller Aufregung befindlichen Ort entdeckten, in dem es auch Armut und Unterdrückung, aber auch das Versprechen eines besseren Lebens gab, wenn man nur dafür arbeiten und kämpfen würde. Und es zeigt - so klischeehaft das auch klingen mag - wie sehr diese Gedanken und Wünsche auch heute noch aktuell sind.

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