Florence and the MachineCeremonials
VÖ: 28.10.2011 // Universal

VÖ: 28.10.2011 // Universal
man kann sie nicht übersehen: die frau mit der porzellanweißen haut, der feuerroten mähne und den flamboyanten kostümen. überhören kann man sie erst recht nicht und das ist auch gut so. florence welch legt solch eine stimmgewalt an den tag, dass alles andere an unterstützung unnötig wäre. dennoch spart das zweite album „ceremonials“ nicht an instrumentalem bombast. manchmal klingt das aber so, als hätten florence and the machine selbst den überblick in der suppe von harfe, klavier, streichern und synthesizer verloren.
wenn man waschechte londonerin ist, die berühmt berüchtigte djane mairead nash als die managerin hat, die mutter teil der „studio 54“ bewegung war und man sich selbst in der kunstszene von englands hauptstadt herumtreibt, hat man schon mal gute karten um eine epochale künstlerin zu werden. den grundstein dafür legte vielleicht karl lagerfeld, als er florence im oktober 2011 im grand palais in paris für die frühlings- und sommermodenschau 2012 von chanel, als meerjungfrau verkleidet in einer riesigen muschel, hat auftreten lassen. oder vielleicht auch schon 2009, als florence and the machine mit kritikerpreisen überschüttet wurden, bevor das debütalbum „lungs“ überhaupt erschienen ist.
besagtes debüt hat uns mit seinen süßen glöckchen zu beginn des openers ‚dog days are over’ dazu eingeladen, mit florence in eine fantasiewelt aus geistern und sternschnuppen einzutauchen. ihre stimme durchbrach dabei alle wände und man wurde – ob man wollte oder nicht – von den klängen, der folk mit glampop verband, gefangen genommen. „lungs“ jagte den hörer von einem hit zum anderen, immer am tanzen und herumspringen. nach 13 liedern kam man dann mit glitzer in den augen, komischer körperbemalung und geschundenen füßen wieder zu sich.
da steht auch schon „ceremonials“ abholbereit da um den musikliebhaber in eine andere fantasiewelt mitzunehmen. nur sollten diesmal alle, die angst vor der dunkelheit haben, eine taschenlampe mitnehmen. oder vielleicht doch besser die tanzschuhe. denn kein geringerer als produzent paul epworth hat florence and the machine in die abbey road studios eingeladen um dem nachfolger von „lungs“ eine gestalt zu verpassen. diese sei, laut eigenen aussagen von miss welch, „dunkler, schwerer, mit dickerem schlagzeug und größerem bass“. ohne umschweife kommt der opener ‚only for a night’ direkt zur sache. fordernd fragt florence in ihrer bekannt emotionalen stimmlage „tell me what all this sighing’s about?“ und will damit eigentlich sagen, dass man 2011 ihr und ihrer maschine nicht entkommen kann. will man auch nicht, man will nämlich zu ‚shake it out’ tanzen – am liebsten auch im goldenen abendkleid und maskierung wie florence im video zur zweiten single.
‚what the water gave me’ erzählt vom freitod im wasser und hypnotisiert geradezu beängstigend mit seinen psychedelischen harfeklängen. in ‚seven devils’ lösen florence and the machine das versprechen von dunkelheit und schwere mit sakralem chor ein. bei ‚spectrum’ darf sich das schlagzeug mal so richtig austoben und man ertappt sich dabei, an destiny’s child zu denken, was mit höchster wahrscheinlichkeit an der refaintextzeile „say my name“ liegt. bei ‚remain nameless’ haben sie es mit den synthesizer einen hauch zu gut gemeint, so dass die für florence bezeichnende stimmgewalt und für the machine signifikant fulminante instrumentierung zu unrecht in den hintergrund gestellt wird. mit ‚bedroom hymns’, das dem albumtitel gerecht wird, entlassen uns florence and the machine wieder in unsere eigene welt hinaus. „this is a good place to fall as any“, seufzt florence zum abschluss. auffällig ist, dass bei diesem lied alles sehr nach adeles hi
tsong „rumour has it“ klingt. ob da paul epworth seine finger im spiel hatte? dieser wurde nämlich für das album „23“ als produzent rekrutiert.
fazit: man kann es drehen und wenden wie man will, dieses album ist eins von den sehr guten. den klängen von florence and the machine ist nicht zu entsagen. daher werden die briten vom indievolk gleichermaßen geliebt wie von der maistreamgemeinde. man kommt beim hören der platte aber nicht darum herum sich die frage zu stellen, ob all dieses herrlich arrangierte klangliche chaos von synthesizer und schlagzeug wirklich nötig ist. wahrscheinlich nicht. aber wenn man schon mal in einer überdimensionalen muschel in einem chanel kleid seine lieder vor der pariser high society zum besten gegeben hat, kann es schon passieren, dass man den blick für die realität verliert und in seiner muschel davon schwebt.
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