Atlas SoundParallax
VÖ: 04.11.2011 // Beggars Group

was bradford cox berührt, wird golden – und ein wenig morbide. auf 'microcastle', dem vorletzten album seiner hauptband deerhunter, steckte unter dem schleier der wohlig warmen musik in wahrheit ein lyrisches biest aus menschlichen abgründen. und so schön das letzte werk von atlas sound (deerhuntertheband.blogspot.com) war, zusammen mit dem cover vermittelte allein schon der erste song düsternis und verstörung.
cox leidet nämlich seit seiner geburt am marfan-syndrom, einer bindegewebsstörung, die riesenwuchs und vielfältige organprobleme verursacht, häufig am herzen. daran hat ein kind natürlich schwer zu leiden, und viele seiner texte handeln immer noch davon.
allein das 'halcyon' (englisch für „glücklich“) im titel der letzten deerhunter-platte ließ aber aufhorchen. ebenso verhält es sich mit den ersten zeilen von atlas sounds drittem regulären album 'parallax': „found money and fame/but i found them really late“. es geht aufwärts mit herrn cox, die schmerzen verblassen, das glück kehrt langsam aber sicher mit dem erfolg als musiker ein. dementsprechend fällt 'parallax' auch positiver aus als das bisherige werk. 'the shakes' holpert sich wie gewohnt mit trockenstem schlagzeug, tausend gitarrenspuren und allerlei effektgeräten (ambient wird hier noch richtig groß geschrieben) in ein gesummtes finale, das gleich zu beginn das herz des hörers für die folgenden 50 minuten öffnet.
atlas sounds schaffen orientiert sich ähnlich wie deerhunter an zwei extremen: sphärische klangexperimente stehen klassischen folk- und rockarrangements gegenüber, das saftige fiepen von delay und hall gegenüber der straff geschrammelten gitarre. daraus erwächst ein genre, das sich nicht wirklich klassifizieren lässt und auch von song zu song immer unterschiedlich klingt, aber immer raum gibt für bradford cox' stimme, die charakteristischerweise mit einem leicht schiefen halbton um die ecke gebogen kommt. 'te amo' beispielsweise fußt auf einem barock anmutenden gitarrenarpeggio und kruden beats, zu denen cox zu seiner bisher besten gesanglichen performance heranwächst. „and we will go to sleep/ and we will have the same dreems“ seufzt und deklamiert er zugleich, eine kunst, die er perfektioniert hat: gleichzeitig leidend und resolut energiestrotzend zu klingen, zu hauchen, als singe er nebenbei, und dennoch direkt ins herz zu treffen. 'terra incognita' beginnt wie ein klassisches songwriter-stück mit synthesizer-bass, um dann im refrain und erst recht im weiten abspann aufzumachen und sich dem himmel zu öffnen. man wundert sich fast, mit wie wenig und mit wie klassischen mitteln man gefangen genommen wird – bis man bemerkt, wie nah man mit dieser musik der person dahinter steht, wie direkt man selbst als hörer zeuge der seelenwelt des künstlers wird. viele kritiker behaupten, deerhunter würden immer besser, und hier soll einmal behauptet werden, mit atlas sound verhalte es sich genauso. 'parallax' ist eine große intime platte, warm, nah und gleichzeitig eine wenig abartig wie das leben.
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