The NationalTrouble Will Find Me

von Sven Lüder · 21.05.2013
The National

Subtile Obsession könnte man das Paradox nennen, an dessen Vertonung The National in den letzten Jahren arbeiteten. Seit »Alligator«, dem Album, das sie erstmals einem größeren Kreis bekannt machte, kippt ihr Begehren nach Kontrolllosigkeit schon nicht mehr in offene Raserei, die doch von ihren Konzerten immer noch nicht wegzudenken ist. Die Intensitätsuche hat sich seitdem hörbar nicht aufgelöst, aber sie hat einen Weg gefunden, auf dem sie unscheinbarer zur Gestalt gelangen kann.

Für das 2010 erschienene »High Violet« war es oft ihr Humor, der The National vor anderen Melancholikern auszeichnete. Intimität gab sich in den Metaphern der Texte oft die Form eines Werbespots, und in den Videos sah man besonders gerne Sänger Matt Berninger, der sich in seinem Anzug ins Wiesengras kuschelte und dabei gleichzeitig so fehl am Platz wie glücklich aussah: ein gutmütiger Fremder, der es sich, wo er nun schon einmal da ist, auch gemütlich macht, obwohl seine Verlorenheit nicht aufzuheben ist. Die so vom Pathos entkleidete Erzählung von der Einsamkeit findet sich auch in »Trouble Will Find Me« wieder. Auch hier kaschiert die Umwelt Emotionen und gibt der unabdingbaren Traurigkeit etwas Unaufdringliches.

I'll do my crying underwater.
(Demons)


Andererseits ist es nicht zu überhören, dass sich die Texte von The National gerade auf dem neuen Album so zugänglich wie nie zeigen. Der Grundton ist der der Ballade, Unverstandenheit und Vermissen die deutlich benannten Hauptmotive. Doch auch wenn es Standardthemen im schwermütigen Popdiskurs sind, deren Paraphrasierung den wachsenden Erfolg der Band nicht ganz so sonderbar erscheinen lässt, bekommen sie in Berningers Gesang doch immer etwas Beschwörendes. Der romantische Monolog vor dem Fenster der Geliebten bleibt damit immer noch ein Stück weit Geistergespräch, das den Angesprochenen mehr als Vision denn als Mensch hervorruft.



Die russische Avantgarde-Band Zvuki Mu wird bald berühmt sein.

Schließlich findet die subtile Obsession aber wohl vor allem in der musikalischen Entwicklung der Band ihre Ursache. Die neuen Stücke sind, um es schlicht zu sagen, nicht mehr auf eine sich einfach nur verschärfende Steigerung angewiesen, sondern tragen mit ihren komplexen und abwechslungsreichen Arrangements stets zur dynamischen Beruhigung bei. Die konventionelle Lied-Struktur, die mehrere Strophen um ein paar Refrains gruppiert, ist, interessanterweise ohne dass es einem richtig bewusst wird, fast die ganze Zeit vollkommen abwesend: Es gibt hymnische Momente und es gibt eher erzählende Passagen, aber es fehlt der spürbare Unterschied in der Lautstärke und Nähe der Momente. Die Stücke zielen nicht auf Höhepunkte, sondern auf ihre Geschlossenheit, wie es auch vom Label 4AD ausgedrückt wird, das »Trouble Will Find Me« als „most self-assured collection of songs“ anpreist.

Auch wenn die New Yorker auf ihrem 6. Studioalbum damit harmonisch wie nie klingen, bleibt der Wunsch nach größter Intensität doch der Schlüssel, hinter dem ihre Noten stehen. Auf »Trouble Will Find Me« klingt die Besessenheit, die sie besonders macht, nur unscheinbarer denn je.

VÖ: 17.05.2013, 4AD

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