Scott WalkerBish Bosch

von Fabian Broicher · 05.12.2012



Die Unsterblichkeit des Scott Walkers, Teil 1. Nach dem universell-schrägen »Tilt« und dem grandios-düsteren Meisterwerk »The Drift«, legt der exzentrisch anmutende Künstler aus Ohio mit seinem neuesten Album nichts weniger als ein Meisterwerk vor. »Bish Bosch«, so der zumindest für deutsche Ohren etwas lächerlich wirkende Name und zugleich Wortspiel mit Hieronymus Bosch, stellt nicht nur allgemein vorherrschende Hörgewohnheiten in Frage, sondern verschiebt Grenzen an Orte, von denen man nicht vermutet hätte, dass sie existieren.

Dies geschieht zwar ein Stück weit weniger offensichtlich, als auf »The Drift«, immerhin werden hier keine Fleischberge für perkussive Zwecke missbraucht, dafür jedoch nicht minder beeindruckend und überwältigend. So überrascht gleich das eröffnende »‚See You Don’t Bump His Head‘« mit einem brachialen, schweren Industrial-Gitarrenriff, während Walker zu metallischen Klängen dem Schwanengesang die Federn ausreißt. Dabei gesellen sich, von der Schlussballade, wenn man sie so titulieren möchte, »The Day The „Conducator“ Died«, im Untertitel als Weihnachtslied (!) beschrieben, die Walker alleine bestreitet und mit akustischer Gitarre und Keyboarddröhnen spärlich instrumentiert, mehrmals heftige, laute Drumpassagen zum restlichen Klangkonglomerat, die man so bei Walker noch nicht hörte und wohl an Schlagwerker Ian Thomas liegt.

Schwer zu ertragen, doch wahrlich genial ist jede einzelne der 22 Minuten des im Zentrum stehenden Mammutsongs »SDSS1416+13B (Zercon, A Flagpole Sitter)«, das, den Kontrast zwischen Stille und Lautheit voll auskostend, im antiken Rom beginnt und auf dem zuletzt entdeckten kältesten Stern des bekannten Weltalls endet; dem die Lichtjahre umfassende Reise sogar gelingt; bei dem man stellenweise nicht anders kann, als fröstelnd nach einer Decke zu greifen, während man bei einer heißen Tasse Tee in einem gut beheizten Raum sitzt. Angeblich umfasst »Bish Bosch« Himmel und Hölle, doch dieser Song, epochale Beinahe-Sperrigkeit in Klangkunst gepackt, umfasst mehr.

Spätestens mit »Bish Bosch« kann, darf und sollte Scott Walker zu den unsterblichen Künstlern seiner Generation und unserer Zeit gehören. Die Qualität, die sich auf seinen letzten, antikommerziellen Werken bereits zeigte und nicht zu überhören war, ist nun omnipräsent, lässt Zeit und Raum verschwinden und macht »Bish Bosch« zu der spannendsten und innovativsten Platte in diesem Jahr. Oh, do it again, Mister Walker!

VÖ: 30.11.2012, 4AD

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