CameraRadiate!

von Bernd Skischally · 17.08.2012
Camera

Ich reibe mir die Augen, stecke beide Zeigefinger in die Ohren und ziehe sie wieder raus. Irgendwie verschwimmt alles. Der Beat, die Melodie, das Rauschen, das Dröhnen im Tunnel. Plötzlich steh ich wieder da, im Parka, friere. Alles bewegt sich. Die Körper der anderen und die der drei Musiker. Ein Rausch in der Nacht. Ein Geschenk zufälliger Begegnungen. Straßenmusik? Auch - doch verbunden mit der Vorstellung in Pompeji zu stehen.

»E-Go« heißt der erste Track des Debutalbums der Berliner Band Camera. Und er zielt direkt aufs innere Ich. Ein dichtes Geflecht an ausgejammter Songstruktur. Und niemand singt. Bei »Villon« klingt alles schon etwas vertrauter. Jetzt halten sich Keyboard und Schlagzeug zurück. Die Gitarre singt. Ein Riff, das einen durch mehrere Jahrzehnte Musikgeschichte schickt, vorbei an viel Liebgewonnenem. Und doch eines, das es vermag, aufs Neue zu Tränen zu rühren. Das kürzeste Stück der Platte schließt nach vier Minuten mit einer Melodie, wie geschaffen für die letzte Gewissheit im Angesichts der Apokalypse.



Dann schreit jemand. Irgendetwas. Der Drummer galoppiert. „Auslaaand“. Es tanzt. Überall. Es zieht herein. Jetzt will man mitsingen. Auch schreien. Und man schreit mit dem Keyboard. Dieser dritte Track steigert sich in viele energische Soundebenen hinein und er bündelt genau das, was diese drei selbstbewussten, jungen Musiker in dutzenden Berliner Nächten unter Brücken und in U-Bahn-Tunneln in Menschen erzeugt haben: grenzenlose, oft sinnlose Euphorie.

Dann ist erstmal Schluss mit lustig. »Lynch« ist der siebenminütige Kater danach, ein bedrohliches Dröhnen und Donnern, man denkt an Götterdämmerung und ein bisschen an Swans. Geschickt arrangiert belohnen uns Camera im Anschluss mit einem fast genau so langem Seelenschmeichler, der einem phasenweise vor Schönheit die Blumen aus den Ohren treibt - »Utopia Is«. Und wer bis hierhin kam, wird auch »Morgen« erleben. Auch hier hat man das Gefühl, Camera sind einem nahe, sprechen zu einem, erzählen uns etwas. Von sich selbst, von der Straße, der Furcht, der Liebe, dem Wahnsinn. Man muss nur hinhören. Deshalb versteht sich »Radiate!« wohl als ein Protest. Gegen und für all diejenigen, die das verlernt haben. Eine der wenigen dezidierten Einordnungen dieser ungeheuer spannenden Platte, die offenbar nur zu Stande kam, weil das Hamburger Experimental-Label Bureau B die Band dazu überredete, lässt sich hier nachlesen. Der Rest wird sich ergeben.

VÖ: 03.08.2012, Bureau B

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