Post aus Island#8

von Lydia Meyer · 18.07.2012
Post aus Island

die amis hatten am 4. juli ihren großen tag. und island hatte den so zwei wochen früher. die feiern das beide sehr gern, hängen dann flaggen in ihre gärten und malen die gleichen flaggen ihren kindern ins gesicht und sich selbst auch. manche haben diese flaggen auch tätowiert. ist ja schließlich heimat. manche malen noch einen adler daneben, denn adler sind nämlich frei – genau wie ihre heimat. und dann stellen sie hüpfburgen auf und hören blaskapellen beim nationalhymnenspielen zu und dann grillen sie und essen käsehäppchen mit fähnchen dran und trinken nationalgetränke und feiern die unabhängigkeit des landes, in das sie hineingeboren wurden oder in das sie irgendwann mal gezogen sind. manche ziehen auch fancy klamotten an - in den nationalfarben versteht sich. und dann sind alle gut drauf und es gibt was zu feiern und es gibt nationalgerichte und sowieso - alles gut.

auf deutschem boden tut man ja immer eher so als würde man so etwas nie machen und dann kommt zu jeder em und wm ans licht, dass doch alle irgendwie verkappte nationalisten sind. dann gibt’s alles in nationalfarben, was zum überleben wichtig ist: bierdosen, pappbecher, staubwedel, gummibärchen, klobürsten, perücken, duschgel, strandkörbe, wassereis und taschentücher. nicht zu vergessen natürlich all die ganz normalen fahnen, die dann überall rumhängen. von häusern runter, auf balkonen, in kleingärten und altenheimen, an kinderwägen und fahrrädern und am liebsten an autos. ja, es gibt sogar deutschlandflaggen für seiten- und rückspiegel. beliebter sind aber die oben auf dem dach. mit denen verbraucht man zwar mehr benzin, aber das ist es uns ja wert.

und wegen all dieser dinge gibt es alle vier bzw. alle zwei jahre zu den bereits genannten beiden veranstaltungen eine riesendiskussion. da gibt’s dann die, die dagegen sind und die, die die fahnen abbrechen. und es gibt die, die sich aufregen, dass die die fahnen abbrechen und die, die sich aufregen, dass die anderen sich aufregen und die, die darüber in zeitungen irgendetwas schreiben. am ende des wettbewerbs oder meistens vorher brechen die besitzerinnen und besitzer dieser flaggen sie einfach selbst ab. die klobürsten und strandkörbe sind dann stark reduziert und die diskussion auch ziemlich schnell vergessen.

die komprimierte version, in der der ganze patriotismus und nationalstolz, der sich über die jahre so angestaut hat, dann rauskommt, dauert aber dennoch meistens ein paar wochen inklusive vor- und nachbereitung der sportveranstaltung. und in all den anderen tollen, unabhängigen, westlichen staaten ist das eben wann anders im jahr. die, die keine brauchbare fußballmannschaft zusammenkriegen, brauchen ja auch einen grund. zum beispiel die befreiung von irgendwas oder irgendwem.

und auf island feiert man das am 17. juni. aber eigentlich feiert man das ganze jahr über. beim busfahren, trampen, tanzen, arbeiten, und …äh… einkaufen werde ich ständig gefragt, wie mir island denn gefalle. und natürlich ist das eine rhetorische frage. dass es hier schön ist, wissen die schließlich selber und dass man’s hier gar nicht scheiße finden kann, wissen sie glaub ich auch. “is sauhässlich hier und diese ganzen gletscher und wasserfälle und dieser verkackte ozean gehen mir echt ganz schön auf den piss” würde ja niemand sagen.

dennoch muss man sich scheinbar wieder und wieder absichern, dass man in das schönste, unabhägigste und einzigartigste fleckchen erde geboren wurde und darauf auch sehr, sehr stolz sein kann, weil’s ja dennoch alles gibt. sogar internet! und kunst, musik, literatur und videospiele. es gibt sogar erdbeeren aus den usa und äpfel aus belgien, original isländische gurken und tomaten und es gibt sogar ein paar isländische filme, isländischen schnaps und isländische dixie-klos. “und das schafft ihr alles mit so wenig leuten? ist ja toll!” dann lächeln sie meistens milde und selbstzufrieden und machen weiter, was sie vorher gemacht haben.

was sind wir alle frei und ungebunden. hitler ist tot, em vorbei, amerika ist unabhängig und island ist sogar schön und unabhängig auf einmal. high five!

Foto via Full Metal Parka

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Ein Kommentar

Und dann schnellt da noch die Vergewaltigungsrate am 17. Juni immer so signifikant nach oben.

Patriotismusdiskussion ist keine Diskussion über Fahnen oder ob ein Land sich feiern darf. Sondern die Frage, welche Werte mit den Fahnen codiert werden. Damit ist sie übrigens so alt wie Nationalstaaten selber und ohne sie würde Deutschland immer noch aus Fürstentümern bestehen und Island brav seinen Fisch gegen Garn und Getreide nach Dänemark eintauschen.

mp3, 19.07.2012 / 12:31 Uhr

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