MesserIm Schwindel
Erster Gedanke: Na endlich, das nie veröffentlichte dritte Album von TempEau ist da. Zweiter Gedanke: Oh. Die heißen Messer. Kommen aus Münster, nicht aus Hamburg. Aber schöner Name. Klingt gleich mal kantig und schlecht gelaunt, auf jeden Fall gefährlich.
Nun erinnert der Sprechgesang von Hendrik Otremba tatsächlich etwas an Jan Plewkas Zweitbandbuddy Marek Harloff, nur spürt man, dass sich hier nicht erfahrene Mittdreißiger austoben, sondern hungrige Jungs, die versuchen, ihre Angepisstheit kunstvoll zu kanalisieren. Die kryptisch gehaltenen Texte behandeln meist dunkles Zeug, mal platzt etwas auf, mal bricht etwas ein. Hier steht ein "trauriger Trinker", dort ein "schiefes Haus mit Löchern in der Wand". Dann wieder »Fieberträume« und eh die ganze Zeit "die Wut, die dich zerfriss, weil das Leben eine Lüge ist". Etwas pathetisch aufgeladen, aber so unterkühlt wie bei Turbostaat muss es ja nicht immer zugehen. Wie die Flensburger unterfüttern auch Messer ihre Lyrics mit Punkrock im weitesten Sinne. Kraftstrotzend, effektvoll und auf den Punkt gespielt, so dass man gespannt mitleidet und mitfiebert und oft auch etwas bangend um die nächste Riff-Ecke spitzelt, in der Hoffnung, dem messerstechenden Mörder vielleicht doch nochmal zu entkommen.
Hier und da noch etwas mehr Explosion und weniger Monotonie und Midtempo hätten Messers Debüt wohl gänzlich rund gemacht, zumal das - schön düster inszenierte - Hörspiel-Stück »Weißer Rauch« zusätzlich Fahrt aus dem Album nimmt. Aber umso öfter man in bester Sommerlaune mit »Im Schwindel« im Ohr durch die Straßen läuft, desto mehr wächst einem die Band ans Herz. Und der morbide Gedanke reift heran, dass deutschsprachige Rockmusik ein neues, großes Messer, das penetrant schunkelig-netten Indie-Burschies existentielle Angst einflösst, wirklich gut vertragen könnte.
Ein kurzes, gar nicht schlecht gelauntes Interview mit Hendrik Otremba gibt es bei den Freunden von Vice nachzulesen.
VÖ: 22.06.2012, This Charming Man Records




















