Der plötzliche Tod eines sehr kleinen TieresEin Nekrolog von Jurek Skrobala

An einem Dienstagabend vor sieben Jahren quatschte ich Tina an. Tina war damals Bassistin der Band Hund am Strand und die hatten gerade ein Konzert in der Münsteraner Luna Bar gespielt. Eine Flasche Pils in der Hand, lehnte Tina an der Theke. Tina gefiel mir, wie mir bis heute Bassistinnen gefallen, und ich wollte mit ihr sprechen, egal worüber. An Tinas grünem Kapuzenpulli sah ich einen Button, auf dem «Rote Raupe» stand. Hier prangte mein Eisbrecher. «Tina, sag mal, was ist diese Rote Raupe?» — «Ein tolles Fanzine. Du solltest das mal auschecken.» Auftritt Tinas Freund. Höfliches Nicken, obligatorisches Zuprosten. «Tina, das war ein schönes Konzert.» Abgang Jurek.

Tina hat mir an diesem 17. Januar 2006 einen guten Tipp gegeben. Auf Musik, die mir gefallen könnte, war ich bis dahin vor allem über ein mehrjähriges VISIONS- und ein kurzlebiges SPEX-Abo gestoßen. Ich hatte Lust auf etwas, das sich ungehobelter anfühlte, auf etwas, das nicht die durchredigierte Meinung eines Journalisten über die zur Bemusterung freigegebene CD des next big things war. Ich wollte Neues, Unbekanntes, Verschwurbelteres, vielleicht auf Omas Dachboden im niederbayerischen Dorf Zurechtgewerkeltes. Ich wartete auf den digitalen Fingerzeig eines Fans mit gutem Geschmack, der mir das Gefühl geben konnte, ich hätte spannende Musik zusammen mit ihm entdeckt. Und hier kam die Rote Raupe ins Spiel.

Ab dem 18. Januar checkte ich die Rote Raupe täglich aus, ich wurde süchtig. Zwei Jahre später suchte die Raupe nach Schreibern. Ich bewarb mich mit einer Campusradiokritik des Thom Yorke-Albums Eraser, in der von «kaleidoskopisch verzerrten Hügellandschaften» die Rede ist. Wochenlang nichts, dann die Mail von einem gewissen André, der schrieb, dass es «mehr ‚bewerber’ als erwartet» gewesen seien. Die Entscheidung wurde aufgeschoben, ich kam ins Schwitzen. Kurze Zeit später dann wieder dieser André: «hallo jurek, nun haben wir uns endlich entschieden.... und du bist dabei!! jetzt bräuchte ich nur noch deine post-adresse.»

Ich war im Zirkel der digitalen Fingerzeiger aufgenommen worden, Mitglied im Club der Fans mit guten Geschmäckern. Ich schrieb Verrisse und Liebesbekundungen, ging im Namen der Raupe auf Konzerte und berichtete über die «Aha!»-, über die «Hä?»-Momente und über alles dazwischen, fuhr aufs Haldern und sah dort alle Bands bis auf eine, an die ich mich nicht erinnern kann. Für all das gab’s kein Geld, aber das Gefühl, Teil eines Projekts zu sein, das nur mit der Währung Herzblut funktionieren konnte. Und das ist ein sehr schönes Gefühl.

André, den ich jahrelang bloß aus seinen stets klein geschriebenen Mails kannte, traf ich 2011 zum ersten Mal in den Münchner Kammerspielen. 1000 Robota machten gerade ihr Publikum zur altersschwachen, der Robota unwürdigen Sau. André und ich verstanden uns in den Raucherpausen prima, sprachen aber nur kurz. Klar, André hatte zu tun. Er schoss Fotos für die Raupe. Was auch sonst, so hatte ich mir diesen André aus den Mails immer erdacht.

Bei unserer nächsten Begegnung tranken wir Helles zu unsäglicher Musik in einem Münchner Laden. Nach diesem Abend, an dem mir André ein Tegernseer nach dem anderen ausgegeben hat, wusste ich erst, was er bei der Roten Raupe so alles macht. André, der Programmierer, André, der Designer, André, der Chefredakteur, André, sein bester Texter. Und das alles spät abends, früh morgens und im Urlaub, weil André noch einen Vollzeitjob hat. Wer das so leisten kann, muss sehr viel Spaß haben an dem Ganzen, habe ich mir bei der trunkenen Heimfahrt in der U6 noch denken können.

Eine Weile ist es her, da hat mir André eine Nachricht auf Facebook geschrieben. «ju, biste im chat?» — «Yo, bin da, mein Lieber!» — «hmm, wie soll ich sagen. ich werde RR beenden.» Kleine Schrift mit großer Wirkung, das war ein Schock. Und doch habe ich André verstanden. Er habe keinen Spaß mehr an der Raupe, hat er mir erklärt. Wer keinen Spaß mehr hat an so einem Herzblutding, der lässt es lieber, das habe ich mir gedacht. Und ich glaube, das stimmt.

«Echt?! Die machen dicht?», hat Deniz von der Band Herrenmagazin mich gefragt. Herrenmagazin, die ich über die Raupe gefunden habe. «Ich kannte die Macher von der Roten Raupe nicht direkt, aber war immer davon überzeugt, dass es eines der glaubwürdigsten Onlinemagazine ist», so Deniz. «Dass die unsere Platten immer gut besprochen haben, hat mich sehr stolz gemacht.»

Um es in Anlehnung an einen Titel von Deniz’ Band zu sagen, ja, das Ende der Roten Raupe ist der plötzliche Tod eines sehr kleinen Tieres. Man hätte diesem Tier gerne länger beim Wachsen zugesehen. Vielleicht wäre ein rötlich schimmernder Falter entstanden? Aber gerade dieses schöne, behutsam auslotende Tierchen namens Rote Raupe hat es mir angetan. Und wahrscheinlich ist es gut, dass es sich nie in einem Kokon gefangen fühlen wird.

Die Rote Raupe ist nicht mehr, doch André macht zum Glück weiter. NEØLYD heißt sein neues Projekt, diesmal mit mehr Großbuchstaben. So ein Neuanfang hat etwas Unbefangenes, angenehm Schüchternes. Auf einmal ist man wieder 20. Wie quatscht man bald die Bassistin mit dem NEØLYD-Button an?

Juni 2013

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