haldern pop 2008Haldern

von Jurek Skrobala · 08.08.2008

Ein Vierteljahrhundert, das ist ganz schön viel Zeit. Mancher Rockstar hat diese Spanne nur knapp überlebt, man denke da an Janis Joplin, Jimi Hendrix oder Kurt Cobain. 25, das ist eine Zäsur. Zu nah an der 30, um noch als jung zu gelten, vorbei auch die Zeit der großen Geschenke. Und doch: trotz Silberjubiläum kommt das Haldern Pop Festival frisch und unverbraucht daher, der Rockstartod scheint in weiter Ferne. Und die Geschenke, in großzügigen Portionen dargereicht und mit glänzenden Etiketten versehen, sind vom Verblüffungsgrad her vergleichbar mit der ersten eigenen Karre, die zum Volljährigen geduldig neben Papas Firmenwagen und dem Lupo von Mutti auf einen wartet. Was, für mich? Das wär doch nicht nötig gewesen.

Frisch und unverbraucht, so fühlt man sich am Donnerstag auch noch bei der Kollektivankunft am Bahnhof Haldern (Rheinland). Es riecht nach Kuh und Remmidemmi, handbemalte Schilder („Schön, dass du da bist“) und sonderbar entspannt aussehende Anwohner heißen willkommen, so dass man sich trotz durchwachsener Wetterlage keine Sorgen um den Serotoninhaushalt machen muss. „Haldern ist wie heim kommen“, sagt Marco, der dieses Jahr schon zum siebten Mal das Festival zwischen den Dörfern aufsucht. Da ist was dran, Marco. Beim Zeltaufbau schleicht sich dann die erste Festivalerkenntnis ein: Isomatte und Kissen liegen noch in der WG, es wird also wenig geschlafen, dafür gibt’s viel auf die Ohren. Deshalb ist man ja auch hier, darüber will geschrieben werden. Also, to the point jetzt.

Finn, laut Homepage „the best low-priced heartbreakers you can own“, machen den Einstieg im kaleidoskopisch farbgeladenen Spiegelzelt, vor dem sich eine ansehnliche Menschenkette gebildet hat. Eingesprungen für die Londoner Noah and the Whale, macht Sänger Patrick Zimmer im Mannequinkostüm eine gute Figur und liefert radioheadesk Passendes zur romantischen Zirkuszeltatmosphäre. Norman Palm folgt mit seiner introvertiert, doch sympathisch wirkenden „Muppetshow“ (Zitat Palm). Introvertiert und sympathisch, zwei Stichworte, die man Fleet Foxes auch problemlos anheften kann. Die teilweise vierstimmig gesungenen Songs bringen den Frequenzbereich der Zeltanlage an die Dezibelgrenzen, in den Pausen quatschen die Bandmitglieder entspannt miteinander, als wäre kein Publikum anwesend. Frontfox Robin Pecknold spielt den vorletzten Song „Tiger Mountain Peasant Song“ solo und man merkt: Fleet Foxes einstimmig, auch das ist ganz großes Kino. Yeasayer sind, der Griff zum Superlativ muss sein, eines der Haldernhighlights. Was hier geliefert wird, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Zappeliger Weltmusikelektro? Klingt beknackt, deshalb bitte gleich wieder streichen. Auch ein neuer Song steht auf der Setliste, der stark an die Kollegen aus Brooklyn, MGMT, erinnert und doch den yeasayereigenen Touch innehat. Paradox: der letzte (großartige) Songs heißt „Sunrise“, doch die Götter schicken Regen. Also schnell den präparierten Müllsack überziehen und ab durch den Schlamm zur Hauptbühne.

Hier betreten Foals aus Oxford gerade die Bühne. Die wirken live deutlich krachiger als auf ihrem Debüt „Antidotes“ und erinnern mit ausufernden Loopjams an vergangene Krautrockexzesse. Noisiger Mathkrautrock. Wie das wohl war, als 1985 Grobschnitt hier aufgetreten sind? Egal, jetzt ist Foalszeit. Sänger Yannis Philippakis bewegt sich, als hätte er das Adrenalin erfunden, und haut zum Abschied noch mal schön mit dem Mikro auf die Tom. Bäm. Danach die eigentliche Geburtstagsfete: Flaming Lips. Was hier an Materialkosten aufgefahren wird, ist immens. Konfettikanonen, Riesenluftballons, Teletubbietänzer, Wayne Coyne, der in einer gigantischen Seifenblase die crowd besurft. „We always try to play, as if it was our last show.“ Lobenswerte Maxime, gelungene Party. Und die ist noch nicht vorbei: Im Spiegelzelt springen eben noch Fettes Brot aus der Torte, die Überraschung ist geglückt. Der Rücken schmerzt irgendwann vom Stehen, gute Nacht, Fortsetzung folgt morgen.

Der Freitag beginnt mit einer Neuentdeckung für den Rezensenten. My Brightest Diamond nennt sich die Dame, spielt zerbrechliche Songs auf einer Halbakustik mit Konzertsaalhall, singt dazu wie die uneheliche Tochter von Tori Amos und Jeff Buckley und hat einen Heidenspaß dabei. Das steckt an. Zwischendurch erklingen dezente Beats und auch die Kalimba wird bemüht. Empfehlung. Die Hauptbühne wird gerade noch von den Kilians bespielt, das übergehen wir mal frank und frei. White Lies erinnern an Tears For Fears, The Departure und auch, bitte runterscrollen, Editors, lassen jedoch den nötigen Hauch Eigenständigkeit vermissen. Dann steht da ein Typ auf der Bühne, der von weitem aussieht wie ein klarerer Yannis Philippakis: Jack Penate. Ein bißchen polierte Libertines, vermengt mit afrikanischen Beats, kandiert mit einem Whitney Houston-Zitat (!), summa summarum: ein schönes Konzert. Joan As Police Woman glänzen mit Sexappeal und danken Gott für den Sonnenschein. Danach stehen 90er Jahre-Heroen des psychedelischen Britrocks auf dem Programm: Kula Shaker. Hier wird die Rockgeste groß geschrieben, Wah Wah, Bottleneck und gekonnte Gitarrendrehungen gehören zu Kula Shaker wie der Schnauzbart zu Nietzsche. Schön ist auch das Daniel Johnston-Cover „True Love Will Find You In The End“, das ungewohnt ruhig ausfällt und dem unterkühlten Funk eine kleine Auszeit gibt. Jetzt vorbei an pogenden Kindern mit Gehörschutz (wie süüüüß), zurück ins Zelt, das mittlerweile Saunatemperaturen angenommen hat.

„Fick dich ins Knie, Melancholie“, skandiert dort Gisbert zu Knyphausen und erntet Zustimmung. Mit einem verschmitzten Lächeln verkündet der Hamburger, sein einziges Karriereziel habe darin bestanden, im Halderner Spiegelzelt zu spielen. Jetzt könne er sich ja getrost auflösen. Okay. Hm, lieber nicht, wenn er weiterhin solche rundum schönen Auftritte plant, wie an diesem Abend. Ich bin hier, weil du auch hier bist, Gisbert. Wir sehen uns wieder, ganz bestimmt, irgendwann. In den peachesmäßigen Lykke Li-Tanzgenuss kommt man leider nicht lange, drüben kündigen sich schon Editors an. Stroboskophafte Anreihung von Eindrücken: tanzbar, elegant, blendend. Die Gesten von Sänger und Gitarrist Tom Smith erinnern nicht selten an Ian Curtis und spätestens, als er das Klavier besteigt, weiß man, dass diese Band zu den Guten gehört. Bohren und der Club of Gore liefern dann mit jazzigem Post Rock den perfekten Ersatz für Baldriantee. Zwischendrin gibt es trockene Gruselstoryparodien: „Das nächste Lied handelt von einem kleinen Wolf, der sich tagsüber beim Haldern unter einem Auto versteckt und nachts auf die Jagd geht. Dann wird er überfahren.“ Schade um den kleinen Wolf.

Samstag ist ausnahmsweise mal nicht Selbstmord, dafür Zeit, Abschied zu nehmen. Aber vorher: aus dem Zelt quälen (Notiz an mich selbst: nie wieder die Isomatte vergessen), (brrrrrutal) kalt duschen, schnell ein Lungenbrötchen durchziehen und rüber zur Hauptbühne. Da spielen gerade Mintzkov, die wie dEUS aus Antwerpen stammen, wie dEUS klingen, nur etwas weniger dekadent als dEUS rüberkommen. Schade. Dodos loopen Posaunen und Gesänge, der Drummer holt weit aus und wummst auch ohne Bassdrum ordentlich. Sänger und Gitarrist Meric Long hat wohl viel Vitamin B zu sich genommen, seine Fingernägel müssen einiges mitmachen. Mit „The Season“ verabschieden sich die Akustikexoten in adäquat brachialer Weise. Darauf folgt ein Bastard aus Led Zeppelin und Curtis Mayfield, der sich The Heavy schimpft. Hier wird das Publikum zum wölfischen Heulen animiert, das kommt gut an.

Okkervil River hauen nicht vom Hocker, haben aber sichtlich Freude am Daddeln und gewinnen den Preis für die besten Ansagen: „This is a song about this moment right now, you and me.” Herrlich. Jetzt: der Wahnsinn in Soulform. Jamie Lidell spielt die beste Show beim Haldern, frickelt, remixt sich selbst 15 Minuten lang, bemüht eine Gitarre mit eingebauter Mac-Tastatur, chillt ab und an auf einem Kinderstuhl, die Füße leger auf die Monitorbox gelegt, putzt sich dann noch kurz die Schuhe, um sicher zu gehen, dass das Styling sitzt. A little bit more wäre hier zu viel gewesen, dieses Set ist genau richtig. Weil Jamie Lidell einen einfach nicht gehen lässt, bekommt man von Alamo Race Track nur noch die letzten Stücke mit. Schade, denn das, was geboten wird – ein Popentwurf irgendwo zwischen Calexico und den Beach Boys – überzeugt auch in der kurzen Zeit.

Zurück zur Hauptbühne: Iron & Wine mixen hier einen karibischen Cocktail aus Country, Jazz und Reggae. Nun ein weiterer Stern am Haldernpophimmel: The National sind da und haben eine Geige, Bläser und ganz viel Gänsehaut mitgebracht. Wie ein Tiger im Käfig irrt Matt Berninger über die Bühne, singt in sich versunken die ruhigen Stellen und macht „Mr. November“ mit wilden Gesten am Bühnenrand und einem im Takt zerdepperten Mikroständer zum Höhepunkt. Maximo Park kündigen ihren Status mittels megalomanischem Glitterbanner an, spielen dafür aber ein Set, das zwar professionell, aber unspektakulär daherkommt. Im Zelt hilft Scott Matthew einem dabei, sich vom Festivalstress zu erholen. Reduzierte Balladen, die Namen wie Anthony & The Johnsons oder auch Billie Holiday ins Datenzentrum schicken. Kurz vor 2, Zeit für einen Abschluss. Bei Olafur Arnalds, isländischer Kammermusik mit Beatteppich, sitzt und döst die Haldernmeute dann auf dem Zeltboden. Wenn es je einen Meditationsraum des Indie gab, dann nur hier und jetzt. So möchte man verweilen, hier ist man Mensch und Musikliebhaber zugleich und zwingt sich dann doch, den Weg zur fehlenden Isomatte anzutreten. Sleep tight, Haldern.

Wir brauchen einen neuen Anfang, denn dieses Ende war jetzt irgendwie doof, würde Gisbert sagen. An end has nun mal a start, würde ihm Tom Smith von den Editors wohl beipflichten. Recht haben beide, der Neuanfang heißt Haldern 2009 und kommt. Apropos kommen: So jung kommen wir nicht mehr zusammen, liebes Haldern. Man kann aber auch in Coolness und Würde altern – siehe Sean Connery, Johnny Cash oder auch: du.

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