Roisin Murphy24.11.2007 // hamburg – Grosse Freiheit 36
Talking about the Truth
Karina hat sich mal was getraut und war sich nicht zu schade für eine kleine Peinlichkeit. Mit einer eher alten, sehr schweren, so genannten Digitalkamera, die man im Vergleich zu den professionellen Spiegelreflexkameras von echten Fotografen nur albern nennen kann, welche davon abgesehen auch manchmal ganz passable Fotos schießt, spazierte sie eines Abends einfach mal so in den Fotograben der Grossen Freiheit in Hamburg, um dort mal spontan ein paar Fotos von der großartigsten, tollsten, geistreichsten, divenhaftesten Elektro- undaberauch Gesangskünstlerin unserer Tage zu knipsen.
Bei diesem Selbst-Experiment, was von den wirklichen Fotografen ziemlich belächelt wurde, kamen 130 größtenteils unscharfe Fotos und eine hellauf begeisterte Karina heraus.

Aber lest selbst!
Ziemlich pünktlich um 20 Uhr schallen die ersten satten Klänge von Don't Cry Baby. Die Band, bestehend aus einem Schlagzeuger, einem Bassisten, einem Keyboarder/ Elektronikzauberer, einem weiteren Bassisten/Elektroklangproduzenten und zwei ambitionierten Background- Sängerinnen aus den Boxen der Großen Freiheit. Das Publikum freut sich schon unbändig auf die Frau des Abends, Róisín Murphy, und tut dies schon mal vorab mit aufgeregtem Gejohle kund.
Bezeichnend für Murphy: als erstes "betritt" ihre Stimme die Bühne, indem sie schon aus dem Off ihr "Don't Cry Baby" anstimmt. Das Publikum tobt jetzt schon und es wird noch besser als sie dann endlich die Bühne betritt und der begeisterten Fanmenge ihren ersten Discoheuler um die Füße haut! Ihr Outfit ist wie gewohnt eine schöne Mischung aus freakig und schlicht. Sie trägt einen filzartigen dezent- aber kräftigrosanen Blouson und dazu eine schwarze enge Hose mit sehr hohen schwarzen Schuhen. Auf ihren blonden, leicht gelockten Haaren thront eine rosa Baskenmütze und gibt ihr einen verschmitzten Touch. Überhaupt: irgendetwas muss geschehen sein. Ms Murphy wirkt viel lockerer und gelöster als bei ihrem letzten Konzert in Hamburg vor zwei Jahren. Sie lacht und hat sichtbar Spaß an dem Konzert- das mag vor zwei Jahren ebenso gewesen sein, angesehen hat man es ihr damals jedoch nicht.
Als sich Róisín Murphy von ihrer Jacke trennt, auf eine sehr angenehm verspielte Weise wohl bemerkt, flippen nicht nur die Fotografen fast aus. Sie trägt unter der Jacke ein nahezu durchsichtiges, bodyähnliches Oberteil, was ihre schmale Figur betont. Ich möchte um Verständnis bitten. Natürlich geht es in diesem Bericht um das Konzert und darum primär um die Musik, aber bei einer modebegeisterten Dame wie es bei der Irin Fall ist, kommt man nicht umhin, auch auf dieses Thema einzugehen.
Ein Wort zur Mode kann man auch beim nächsten Stück, You know me better, fallen lassen. Auf einmal steht die Sängerin in einer großen, schwarzen Lederjacke mit abgefuckten Fransen am Ärmel auf der Bühne und eine große Fliegenbrille verdeckt sowohl ihre Augen als auch das kleine Pflaster über der linken Braue- ein dezentes Andenken an ihren Stage- Unfall in Moskau. Als das Stück am Ausklingen ist, bedankt sich Murphy schon bei ihrem Publikum fürs Kommen und denkt laut darüber nach, dass vermutlich fast alle der Anwesenden sie besser kennen, als sie sich selbst. Inwieweit das wahr sein kann, man weiß es nicht.
Als Lieblingslied stellte sich für viele an diesem Abend "Dear Miami" heraus. Auf der aktuellen Platte ist das ja bereits ein Selbstgänger, aber live findet man für diese filigrane Wucht eines Discosongs keine weiteren Worte mehr. Murphys Programm beinhaltete zur Freude aller auch Songs von ihrem ersten Album und ein bis zwei alte Stücke aus Moloko- Zeiten, neu aufgearbeitet.
Bei "Sow into You" bemerkt man sehr gut den Unterschied zwischen Matthew Herbert, dem Produzenten ihres ersten Soloalbums "Ruby Blue" und Seiji, der das neue Album zum größten Teil produzierte. Im Original hört sich der Song "Sow into you" viel natürlicher an und ist nicht direkt eine Tanznummer, doch an diesem Abend spricht die Discokugel aus den Zeilen und bringt die Menge glücklich zum Tanzen.
Die Vielseitigkeit von Róisín als Künstlerin spricht aus dem Titel "Moviestar", der ein wenig an Goldfrapp erinnert und den sie mit den Worten "I want to be a moviestar", kokett auf einem Stuhl sitzend, einleitet.
Danach wird es etwas besinnlicher. Im roten Kleid, auf der Kippe zwischen unförmig und originell geschnitten, dennoch extravagant und durch eine Känguruhtasche sehr praktisch, stimmt die Sängerin mit ihrer Bühnenbesatzung "Scarlet Ribbon" an, das einzige ruhige Lied des aktuellen Albums. Aus einer hinteren Reihe ertönt der Kommentar "oh, weihnachtlich". Festlich trifft es vermutlich besser. Festlich geht es auch sogleich weiter mit einer souligen Nummer, womöglich ein Cover, denn das Stück ist auf keinem der Alben zu finden.
Róisín überrascht mit einem Rap-Part:
"The truth is, that I will have to let you go, and the truth is, that you will come back one day."
Während sie dies ausspricht, findet sich das Publikum in den Zeilen wieder. Man wird sie gehen lassen müssen, das Konzert kann nicht ewig weiter gehen. Aber sie wird wieder kommen, daran besteht hoffentlich kein Zweifel. Nach dem nächsten Stück "Forever more" ist es dann endgültig vorbei mit der altbekannten, hanseatischen Zurückhaltung. Selbst den letzten reißt es mit und die Stimmung vor der Bühne steigert sich von sehr gut auf fantastisch. Durch die Mengen zu gehen, bedeutet von einem lächelnden ins andere strahlende Gesicht zu schauen. Das erlebt man nicht oft im eher griesgrämigen Hamburg.
Als letztes Lied spielt Murphy den Titelsong ihres neuen Albums "Overpowered" und sieht dabei mehr wie ein Superheld aus als "übermannt" mit ihrem schwarzen Cape und der Windmaschine, zu der sie sich dreht. Nach darauffolgenden zwei Zugaben ("Tell everybody" und "Ramalama") beendet Róisín Murphy ihr Konzert und hinterlässt eine Masse überglücklicher Menschen, als sei nichts gewesen. Dieser Abend wird den glücklichen Anwesenden sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben, denn denkwürdig ist diese Künstlerin definitiv.
... "and the truth is you will come back one day."





















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