Arcade Fire11.11.2007 // münchen – tonhalle
Mehr Raum!
Diese Band braucht Platz. Diese Band braucht Sphäre. Diese Band braucht Raum. 10 Menschen auf einer Bühne. 10 Menschen tauchen vom ersten Ton ab in das Konzert. Sechs weiße runde Projektionsflächen vermitteln den Eindruck in eine um 180 Grad gedrehte Camera obscura zu starren. Bilder mischen sich aus Filmausschnitten, dem Symbol der "Neon Bible" und Mitschnitten des Konzertes selbst. "Black Mirror" macht den Auftakt. Ein sonorer Ton durchdringt den Raum und die Energie der Band schwappt über die Köpfe hinein ins Herz. Diese Band legt offen, dass sie dieses Liveerlebnis mit voller Inbrunst leben.
Richard Reed Barry wechselt vom Bass zum Akkordeon. Schlägt auf Becken, Trommel und Xylophon ein und singt jeden einzelnen Ton mit. Das Gleiche tut William Butler. Selten sieht man soviel Bewegung auf der Bühne. Eine beklemmende Enge. Ein Spektakel. Ein waberndes Ensemble. Jede Minute wird ein Instrument gen Hallendecke gestreckt. Die langgezogenen "Ohs","Uhs" und "Ahs" werden sofort vom Publikum aufgenommen und bilden die Verbindung zwischen Künstler und Zuschauer.
Mehr Raum, mehr versteckte Wut, mehr Chaos.
Die verfremdeten Anarchie-Zeichen auf den Hemden blitzen im weißen Licht auf. Régine Chassagne spielt fast jedes Instrument das auf dem Bühnenboden zu finden ist, von der Drehleier bis zur aus 17 Pfeifen bestehende Orgel. Win Butler ist Mittelpunkt und Herrscher. "I know a place where no cars go!"
Die Songs treiben auf Unstrukturiertheit und Tonmüll zu. Nur um kurz davor wieder durch Gesang und Harmonie gestützt in das orchestrale Bild zurück zufinden, welches Arcade Fire ausmacht - ihre eigene Welt - ihre eigenes Universum. Sie sind eine Institution, eine Bibel und ein nur-aus-sich-selbst-bestehendes Musik-Genre. Ein Konzert getragen durch seine Gewalt aus Emotion und Faszination für musikalische Aussage. Es gehört zu dem Besten, was diese Jahr auf den Bühnen in München zu sehen war. Vielleicht das Konzert des Jahres.
Doch gebt dieser Band den Raum den sie braucht. Die Stimmen, Streicher, Bläser und Klaviertöne benötigen Platz um sich zu entfallten. Lasst sie in einen Raum, der sie in den Kontext setzt den sie verdienen. Dann finden Songs wie "Rebellion (Lies)", "Intervention", "Ocean of Noise" und "Neigborhood #1 (Tunnels)" noch mehr Kraft. Lasst sie in ein altes Opernhaus ohne Stühle!
Ein Kommentar
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rapunzel am 15.11.2007 um 12:48 UHR
auch mein konzert des jahres, trotz extremer lautstärke und davongetragenem hörsturz! diese band braucht mehr raum und ein wenig mehr intimsphäre. sehr schön, wie das publikum die ganze pause durch rebellion weitergesummt hat, bis arcade fire wieder auf der bühne waren. und dann endlich - win butlers steinmine entgleitet ein lächeln!! und ich habe meinen drumstick, ich bin seelig.