Jamie LidellBerlin, Kesselhaus

von Annett Bonkowski · 20.03.2013

ein hoch auf die musikalische narrenfreiheit und diejenigen, die es wagen sich dieser herausforderung zu stellen. jamie lidell ist einer dieser künstler, die sich mutig, aber niemals hals über kopf in jedes ihnen bevorstehende live-abenteuer stürzen und am ende stets als würdige sieger die arena verlassen. vielleicht gerade weil sie die gängigen regeln und damit verbundenen erwartungen binnen nur weniger sekunden mit einer nonchalance ausser gefecht setzen und die bühne zu ihrem einzigartigen territorium machen. für den frisch rasierten und ohne seine brille erschienen jamie lidell sah das im berliner kesselhaus so aus, dass sein ganz persönlicher spielplatz bestehend aus einer futuristisch-silbernen kontruktion in der mitte und seinem blinkenden mikrofonständer davor von einer vielzahl von auf dem boden schlummernden lichtern umrandet war. eine kleine visuelle markierung einer grenze, die es musikalisch an diesem abend jedoch in keiner form geben sollte.

stattdessen hagelte es das ganze konzert über herrliche und manchmal bis zur unkenntlichkeit verzerrte versionen seiner songs, die ihre tarnung nicht selten nur über ein paar übrig gebliebene text-fetzen preisgaben. kaum ein song auf der setlist der rund 80-minütigen-show wurde dem publikum originalgetreu vorgesetzt. das wäre jamie lidell vermutlich ein dorn im auge und zugegeben für beide partien, sowohl auf als auch vor der bühne, nur der halbe spaß. ein konzert des mittlerweile in nashville beheimateten musikers lebt geradezu davon ständig auf der hut zu sein, neue arrangements zum leben zu erwecken und altbekanntes tonmaterial auch gerne einmal spontan mithilfe der technik kopfüber in den raum zu werfen.

die verknüpfung von lässigkeit und akkuratem auftreten spiegelte sich nicht nur in lidells modischem erscheinungsbild wider, das sich durch trenchcoat und sneaker aufzeichnete, sondern wurde auch in musikalischer hinsicht jede minute des konzerts von ihm zelebriert. egal wie hoch der improvisationsanteil am ende ist und wie locker jamie lidells finger über die tasten seines computers oder seines equipments fliegen, die punktgenaue landung der aufgewirbelten beats ist ihm sicher. selbst das einhändige bändigen zweier mikrofone beherrscht der gebürtige engländer offensichtlich im schlaf und hat zwischendurch noch zeit ein paar ebenfalls gut sitzende dance moves als begleitung zur musik einzustreuen während im hintergrund licht-segmente im takt über die großflächige leindwand flimmern. zu keinem zeitpunkt gibt lidell dabei das zepter aus der hand und schafft es den spannungsbogen selbst über eine kleine technische störung hinweg aufrecht zu erhalten, indem er vor »multiply« gut gelaunt scherzt „give it up for the machines!“ - man könne ja immer noch den power button drücken, sollte die technik ihm weiter einen streich spielen.

seine verbundenheit zu seinem ehemaligen wohnort berlin kam gleich an mehreren stellen des konzerts zum vorschein, erinnerte er sich bei den ansagen doch gerne an den einen oder anderen song, der in eben jener stadt entstand. umso erstaunlicher, dass bei all der zuneigung und dem elektro-funk-soul-feuerwerk vonseiten der bühne vergleichsweise wenig vom publikum zurück kam. rätselhaft, wie man wie angewurzelt und ohne jegliche regung im gesicht oder den beinen einem so lebhaften und leidenschaftlichen jamie lidell einen ganzen abend zusehen kann. für ein paar wenige fans, die sich davon unbeirrt, fröhlich tanzend den songs hingaben, gab es dann am ende des konzerts einen herzlichen händedruck vom meister selbst. dieser hatte noch kurz davor dem final vorgetragenen »big love« alle ehre gemacht und den song zusammen mit dem publikum aufopferungsvoll in einem dutzend verschiedener stimmlagen interpretiert. es fällt angesichts eines solchen abends nicht schwer in superlativen zu sprechen, tut jamie lidell doch gut daran seinen status als einer der innovativsten künstler seiner zeit mit jeder platte und seinen konzerten immer wieder auf‘s neue zu unterstreichen.

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