Steven WilsonKöln, Live Music Hall

von Fabian Broicher · 10.03.2013

Ein ungewohntes Bild in der Kölner Live Music Hall. Fast erschrickt man, nachdem man um die Biegung der Eingangstür gebogen und den Konzertsaal betreten hat. Stühle! Lauter Stühle! Eine gute Hälfte des Raumes, bis zum Licht- und Mischpult, ist mit Stuhlreihen vollgestellt. Ein solches Ambiente hatte sich Steven Wilson zur Livepräsentation seines aktuellen Studioalbums, »The Raven That Refused To Sing (And Other Stories)«, das bereits den reinrassigen Prog im Titel trägt, gewünscht, nicht nur, um das Konzert von einer herkömmlichen Rockveranstaltung abzugrenzen und den Zuhören das eher in Jazzkreisen typische aufmerksame Zuhören quasi anzueignen, sondern auch, damit die Showelemente besser zum Vorschein kommen. Immerhin erinnern die Einsätze von abrupt hinabfallenden Vorhängen und Leinwänden, auf denen obskur animierte Videos projiziert werden, eher an künstlerisch-esoterisches Theater, als an ein Rockkonzert. Wilson sucht somit nicht nur in der Musik praktische Wege, um sich neuartig auszudrücken und seine Gigs mehr und mehr zu einem Erlebnis umzubauen, wie es etwa die »The Wall«-Show von Pink Floyd und Roger Waters darstellt.

Kein Wunder also, dass bereits zwanzig Minuten vor offiziellem Konzertbeginn das Licht gedimmt wird und, begleitet von Naturklängen, die wirken, als hätte sie Wilson an seinem freien Samstag (am 09.03., der Tag vor dem Gig, stand keine Show auf dem Tourplan), im Kölner Zoo aufgenommen, ein Mond erscheint. Langsam mischen sich sphärische Gitarrenklänge unter die Tierschreie, der projizierte Nebel wird dichter, ein Gesicht erscheint im Mond, zunächst menschlich, dann zunehmend an das aktuelle, vom deutschen Zeichner Hajo Müller entworfene, Albumcover erinnernd. So faszinierend einlullend die Musik, die bisweilen sehr nach Wilsons Seitenprojekt Bass Communion klingt, auch aus den Boxen tönt, so ganz weiß man nicht um der Bedeutung des gezeigten Mondes. Auch im Laufe des Abends gerät das Symbol nie wieder in Benutzung.

Um Punkt acht Uhr betritt die hochkarätige Band unter Jubelstürmen die Bühne; vor allem Wilson wird mit Standing Ovations begrüßt, was dieser gar nicht zu registrieren scheint. Viel lieber leitet (dirigiert mag man bei den oftmals spastisch anmutenden Handbewegungen, die Wilson tätigt, nicht in den Mund nehmen) er die fünfköpfige Band direkt in den Opener seines neuen Albums »Luminol«. Mit kräftigen Bass- und Schlagzeugriffs, plötzlich hereinbrechenden Gesangsharmonien und furiosen Gitarrenläufen klingt der Song in seinen ersten fünf Minuten so sehr nach Yes, wie sie es selbst nicht mehr tun. Hin und wieder blitzt ein wenig Gentle Giant auf, obwohl – enttäuschend! – die Stimmen fast alle vom Band kommen. Zwar leistet Bassist Nick Beggs, der vormals bei der kongenialen 80er-Gruppe Kajagoogoo für noch kongenialere Basseinsätze auf Songs wie »Too Shy« sorgte, an Instrument und Background-Gesang Bärenarbeit, kann jedoch in seiner Präsenz nicht alle Spuren ersetzen. Des Öfteren werden im Verlauf des Abends überflüssige bis peinliche Backingtracks eingesetzt, eine Akustikgitarre an Stellen klanglich verdoppelt, an denen sowieso eine 12-String gezupft gehört, verfremdete Vocodermelodien nicht von E-Bow oder Flöte interpretiert, sondern schlicht aus dem Studioarrangement übernommen. Der Drang, Studioähnlichkeit anzustreben, in allen Ehren, doch so etwas ist schlicht doof. Außerdem mischt sich von Zeit zu Zeit ein penetranter Clicktrack in die FOH-Mischung, die bei einigen aufmerksam lauschenden Publikumsmitgliedern Naserümpfen hervorruft. Solche Dinge fallen gerade bei einem Soundfetischisten, wie Wilson einer ist, unangenehm ins Gewicht.

»Luminol« rockt zwar gut nach vorne und überzeugt sogar deutlich mehr, als in der Studioversion, trotzdem bleibt die Stimmung zwischen Künstler und ihren Audienzteilnehmern zurückhaltend. Zwar besaß Wilson noch nie Entertainer-Fähigkeiten auf der Bühne, was ihm auch niemand übel nehmen möchte, es bleibt die Musik, des Briten verkopfte Version der progressiven Musikbewegung Anfang der Siebziger Jahre, die die Stimmung, bis auf einige sehr enthusiastisch im Takt nickende Fans, gen Gefrierpunkt schraubt. »Luminol« ist ebenso wie das nachfolgende »Drive Home«, mit wunderbarem Gitarrensolo von Guthrie Govan, großartig gespielt, doch »The Holy Drinker« gerät zu einer Tour de Force der Langeweile, die nur zu gut verdeutlicht, dass Wilsons musikalische Vision nicht für solch erstklassige Mitmusiker ausreicht. Mit Bass (von Wilson bedient) und Chapman Stick (Beggs erneut grandios!) gewinnt der Song durch Lautstärke, doch mitnichten glänzt hier wunderbares Songwriting. Gitarre und Saxophon spielen oftmals exakt dieselben Läufe und viel zu wenig beachteter Jazzmusiker Adam Holzman besitzt kaum Möglichkeiten, seine schrägen Sounds vorzuführen. Kurzum: Wilson nutzt die ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen leider nur unzureichend aus.

Während der bereits erwähnte und schon von früheren Wilson-Tourneen bekannte Vorhang nach dem erwähnten »The Holy Drinker« herunterkommt und sich, mit etwas Hilfe der Security-Angestellten, zwischen Band und Publikum positioniert, spielt Wilsons Band derweil das von Holzman sehr schön eingeleitete »Deform To Form A Star«, nach dem die Truppe zunächst geschlossen die Bühne verlässt. Es beginnt der wohl bescheidenste Moment des Abends – in Quadrophonie werden tickende Uhren eingespielt, auf der Leinwand erscheint ein circa zweiminütiges Video, das wie eine lahme Mischung aus den Pink Floyd-Bühnenvideos zu »Time« und »On The Run« wirkt, um »The Watchmaker« einzuleiten. Konsequent neue Akkordfolgen oder gar Melodien vermeidend, stellt der Track eine Hommage an die frühen Genesis dar, die Wilson, wie er oft in Interviews betonte, gar nicht besonders mag. Nicht nur ist seine plötzliche Hinwendung zum Prog seltsam, wies er doch jahrelang jede Ähnlichkeit von seiner Musik zum (mittlerweile nicht mehr verschrienen) Genre zurück, sie ist einfach nicht originell. »The Watchmaker« wärmt Bekanntes auf, klingt zunächst wie »The Cinema Show«, dann nach »The Musical Box« und bedient sich zu guter Letzt beim Outro von »The Return Of The Giant Hogweed« (alles Songs, der bereits erwähnten Genesis).

Im direkten Vergleich wissen die alten Kompositionen natürlich deutlich besser zu gefallen. »Index« mag vielleicht einer der besten Songs aus Wilsons bisherigem Soloschaffen sein; »Harmony Korine« rockt endlich mal prächtig und ohne Bauernfängergesten, und die »In A Silent Way«-Zitate in »Raider II« haben gar so etwas wie Stil. Und Wilson erntet mit seinen humoristischen Erzählungen zur kanadischen Prog-Wave-Band Saga einige Lacher, als er erwähnt, dass ein Interviewer im erzählt hätte, deren (Sagas) Musik erinnere ihn an seine (Wilsons). Über Saga, Wilson bis dato absolut unbekannt, hatte er erst heute über Wikipedia erfahren, die Band sei in Deutschland hoch in den Charts gewesen, in England allerdings auf Platz 6353 (vielleicht übertreibe er bei der Zahl). Selbst seine Bandkollegen befragt er zu der Band, wobei nur die Rhythmusgruppe mit Wissen dienen kann. Der deutsche Drummer Marco Minnemann, der zwar bislang durch lebhaftes Spiel positiv auffiel, jedoch einen Trommelsound besitzt, der für geübte Ohren nur schwer zu ertragen ist, spielt gar zwei Songs von ihnen an; Nick Beggs möchte seinem Arbeitgeber weißmachen, es gäbe ein Konzeptalbum der Kanadier über Blumenarrangements, namens, wer hätt’s gedacht?, »Flower Arranging. Diese ganze, spontan wirkende, Einlage, ersetzte die normalerweise vor »Raider II« geplante Ansage über Serienmörder äußerst charmant.

Der Titeltrack des neuen Albums beschließt nach guten zwei Stunden das reguläre Set. Eine gute Wahl, erinnert sowohl Wilsons Gesang, als auch das simple Pianomotiv an die stimmungsvollen Kompositionen von Radiohead. Somit beschert der Song dem Konzert abermals magische acht Minuten, bevor »Radioactive Toy« von Wilsons längst auf Eis liegender Hauptband Porcupine Tree als Rausschmeißer dient. Eine interessante, weil unerwartete Wahl, nicht nur wegen Wilsons liebevoller Hingabe an sein Soloschaffen, sondern auch wegen der songlastigen Struktur, die der eher jazzig orientierten Band nicht zu gefallen scheint. Und obwohl die Performance nicht zu den besten des Abends gehört, stellt der alte Klassiker ein nettes Ende dar und man geht zumindest mit einem wohligen Gefühl nach Hause zurück.

Trotz der erwähnten Mankos Wilsons momentaner musikalischer Ausrichtung (die mit Sicherheit auch jeder anders sehen kann, als der Autor dieser Zeilen), lohnt sich ein Ausflug zur Steven Wilson Band live dennoch. Die Truppe ist hervorragend aufeinander eingespielt und bestens gelaunt sowie spielfreudig. Das allein macht vieles wieder wett, denn genussvoll den Kopf in den Nacken legen und sich von Beggs‘ Bassspiel oder den verzerrten E-Piano-Sounds von Holzman oder Theo Travis‘ geschmackvollem Spiel verzaubern lassen, kann man sich immer noch.

Aktuelle News

ROTE RAUPE

ROTE RAUPEEnde

von Andre Habermann · 24.05.2013

Liebe Leserinnen, liebe Leser, oft wurde ich schon gefragt, wieso ich das eigentlich mache. Meine Antwort war: Aus Spaß...

Allah-Las

Allah-LasTourstart

von Bernd Skischally · 23.05.2013

Das läuft ja wie geschmiert: Im Winter noch vertrieben uns die Allah-Las als Vorband des Vorzeige-Tanzschuhs Nick Waterhouse...

Small Black

Small BlackLimits Of Desire

von Wolfgang Merx · 23.05.2013

Mit ihrem zweiten Album »Limits Of Desire« meldet sich das amerikanische Quartett Small Black zurück. Man hört es schon...

Field Report

Field ReportField Report

von Christoph Walter · 22.05.2013

Nach der Trennung von DeYarmond Edison vor knapp sieben Jahren machten sich die Bandmitglieder sehr schnell und mit großem...

Kishi Bashi

Kishi Bashi151a

von Oliver Lichtl · 22.05.2013

kishi bashi veranstalten auf ihrem album »151a« ein wahres streicher-fest. zu einem vollen, breitwandigen orchestersound...

2004 − 2017 ROTE RAUPE · Kontakt · Impressum
Real Time Web Analytics