Haldern Pop 2012Rees-Haldern, Alter Reitplatz

von Thorsten Streck · 15.08.2012

Das Phänomen Haldern Pop. Ein Erklärungsansatz: Der vielzitierte familiäre Charme, ländliche Idylle als Gegenmodell zu urbaner Hektik, zumindest für ein Wochenende. Ist es wirklich so einfach zu erklären, warum sich dieser staubige Reitplatz im beschaulichen Rees Jahr für Jahr in ein Mekka nicht nur für trendgeschulte Indie Kids verwandelt? 6500 restlos vergriffenen Tickets noch bevor auch nur ein Act bekannt ist, scheinen eine deutliche Sprache zu sprechen.

Und dennoch, es steckt mehr dahinter. Der Reiz des Haldern Pop Festivals erschließt sich eher zwischen den Zeilen. Lieb gewonnene Rituale trösten über das Fehlen ganz großer Namen hinweg. Sei es das aufmunternde Willkommensplakat, der ewige Kampf um einen der begehrten Plätze im Spiegelzelt oder das gemeinsame Frühstück mit Freunden in der nahegelegenen Haldern Pop Bar. Es ist das Gefühl von Angekommen sein, das einen immer wieder antreibt und sich spätestens einstellt, wenn man in die Lohstraße einbiegt, den Pop Kiosk in Sichtweite.

Haldern Pop 2012

Nun was gibt es 2012 Neues zu vermelden. Der Donnerstag, in den vergangenen Jahren immer eher Annex als ebenbürtig im Vergleich zu den beiden Folgetagen, setzt einiges daran dieser stiefkindlichen Rolle zu entwachsen. Die neu etablierte Beergarden Stage, die der überraschend angereiste Kraftklub gleich mal ordentlich ins Wanken bringt, sorgt für willkommene Dekonzentration und lichtet die Reihen vor dem zum Auftakt traditionell überlaufenen Spiegelzelt. Macht Sinn, denn bei strahlendem Sonnenschein lässt sich der leicht verdauliche „Mitklatsch-Pop“ am besten in bierseliger Stimmung genießen.

Am späten Abend setzte Charles Bradley schon mal einen ersten Gegenpol zu dem ansonsten schon fast traditionell Indie/Folk-dominierten Line-Up. Der 62 jährige Amerikaner mit dem markanten, souligen Groove, der tatsächlich erst im Vorjahr sein Debütalbum veröffentlicht hat, überzeugte restlos und entließ die begeisterte Menge in die erste Nacht.

Am Freitag eröffneten Wye Oak aus Baltimore endlich die Mainstage. Das Duo spickte seinen verträumten Noise Folk in den richtigen Momenten mit krachenden Shoegazer Gitarren, umso jeden Anflug von Langatmigkeit im Keim zu ersticken. Ein Wiedersehen gab es danach mit den Haldern Veteranen Other Lives, die bereits im letzten Jahr in der Haldern Pop Bar aufgetreten waren und wie schon viele andere Acts in der Historie nunmehr den Sprung auf die Hautbühne vollzogen. Rein platztechnisch sicher von Vorteil angesichts des immensen Instrumentariums, atmosphärisch wäre das Sextett um Mastermind Jesse Tabish vielleicht besser im Spiegelzelt aufgehoben gewesen. Dicht gestrickter, melancholischer Kammerpop unter strahlend blauem Himmel lässt sich halt nur schwer unter einen (Sonnen) Hut bringen.

Haldern Pop 2012

Knackiger Indierock, inklusive zweier Drumkits, transportiert da schon eher einen der Wetterlage angemessenen “Wohlfühlfaktor”, auch wenn die White Rabbits aus Brooklyn gut daran getan hätten, ihre Reserviertheit zumindest ein Stück weit abzulegen.

Ähnlich erging es leider auch Dan Mangan. Vielen Zuschauern, denen sein großartiger Auftritt im Spiegelzelt vom Vorjahr noch in Erinnerung geblieben war, stand die Enttäuschung deutlich ins Gesicht geschrieben. Wie schon auf seinem unlängst veröffentlichten zweiten Album angedeutet, verlor sich vieles von seiner Magie in unnötig aufgeblähtem Sound. Die persönliche Note, die die Livesets des Kanadiers in der Vergangenheit so herzergreifend gestaltet hatte, blieb komplett auf der Strecke. Eines der wenigen Beispiele dafür, dass der Sprung vom Spiegelzelt auf die Hauptbühne nicht immer gelingen muss.

Auf den großen Bühnen zu Hause fühlt sich dagegen unsere liebste Plaudertasche Thees Uhlmann. Als vielleicht die Konsens Band und heimlicher Headliner der anwesenden Indiejugend spielte er mit exzellenter Bandunterstützung (u.a. Sir Simon an der Gitarre) ein solides Set und beschränkte seine Anekdoten vorwiegend auf seine Jugend in der niedersächsischen Heimat. Währenddessen schlug Ex- Nationalgalerist Niels Frevert stillere Töne an. Seine komplexen Songstrukturen waren jedenfalls deutlich weiter von der Uhlmannschen Gestik entfernt als die Entfernung zwischen Hauptbühne und Spiegeltent.

Überhaupt erwies sich das Spiegelzelt auch in diesem Jahr mal wieder als Plattform für solche Bands, die anderorts vielleicht Gefahr laufen in einem so umfangreichen Line-Up nicht die angemessene Beachtung zu finden. So etwa Diagrams, das neue Projekt von ex- Tuung Songwriter Sam Genders. Dessen minimalistischer Folkpop gepaart mit dezenter Laptopartistik darf sicher als eine der Entdeckungen des diesjährigen Festivals betrachtet werden.

Haldern Pop 2012

In den Fokus der Öffentlichkeit hatten es Two Door Cinema Club dagegen schon lange vor dem Festival geschafft (und das nicht erst seit Alex Trimbles Auftritt bei der Eröffnung der Olympischen Spiele). So war es dann auch wenig verwunderlich, dass das nordirische Trio für den vielleicht größten Besucheransturm des gesamten Wochenendes sorgte. Mit ihren dynamischen Electropop Songs brachten sie die Massen flächendeckend in Wallung, sodass die bisweilen ziemlich vorhersehbaren Songstrukturen und der etwas zu glattgebügelte Sound nicht weiter ins Gewicht fielen.

Wer nach solch kräftezehrender Tanzeinlage noch genug Kondition hatte, durfte zu nächtlicher Stunde dann noch bei melodiösem Indierock des Amerikaner Brad Oberhofer die letzten Kraftreserven mobilisieren.

Haldern Pop 2012

Samstag, Tag drei am Niederrhein: Die Sonne brennt, die Frisur sitzt nicht mehr bei allen Anwesenden. Wie auch, bei dermaßen schweißtreibenden Temperaturen, die für das ein oder andere Schlammbad der letzten Jahre mehr als entschädigten. Musikalisch perfekt in die vorherrschende „feel good“ Stimmung fügte sich der norwegische Indie- Zirkus Team Me am frühen Nachmittag ein. Mit sprichwörtlichen Sprungfedern unter den Sohlen wurden störende Soundprobleme mühelos weggefegt. In der Folge präsentierte das Sextett aufgedrehten Orchestralpop mit ausgedehnten Noise Passagen, der mal nach Passion Pit mal nach der tougheren Variante von Of Monsters And Men klang. Bunte Luftballons und Konfettiparade rundeten das Bild vom ausgelassenen Kindergeburtstag ab. In dieser Form sicherlich ein Kandidat für potentielle Headliner Slots in Zukunft.

Vorwiegend ältere Jahrgänge versammelten sich hingegen bei Grant Lee Buffalo vor der Mainstage und erlebten feinste Americana- Melancholie mit schillernden Blues Passagen. Alte Besen kehren halt immer noch gut. Ebenfalls ein alter Hase im Musikgeschäft ist der amerikanische Singer/Songwriter Damien Jurado. Im Spiegelzelt fügte er sich perfekt in die Rolle des Solo Artist und verstand es nur mit der Akustikgitarre die intime Dringlichkeit, die seine Songperlen auf Albumlänge entfalten, auch live bestechend umzusetzen.

Danach provozierten Tune-Yards eher geteilte Resonanzen. Ihre, auf vertrackten LoFi- Pop Versatzstücken basierenden, Klangcollagen stießen entweder auf taube Ohren oder entlockten dem ein oder anderen Besucher zumindest ein anerkennendes Kopfnicken.

Haldern Pop 2012

Zugänglicher wurde es dann wieder bei den Maccabees. Fröhliche Indierock Tanzbodenfüller britischer Coleur mit der richtigen Prise Distortion sorgten für ähnlich große Sympathiewerte beim Publikum wie schon TDCC am Abend zuvor. Headliner Qualitäten kann man dem sichtlich gereiften Londoner Quintett mittlerweile keineswegs mehr absprechen.

Die reformierten Afghan Whigs um Frontmann Greg Dulli traten im Anschluss den schlüssigen Beweis an, dass Testosteron- geschwängerter Soulrock mit klarer 90er Ausrichtung alles andere als antiquiert klingen muss. Man mag den Whigs ja durchaus den Vorwurf der Stromlinienförmigkeit in den Songstrukturen machen, es gibt jedoch wenige Bands, die 16 Jahre nach ihrer ersten Haldern Appearance so wenig von ihrer Faszination verloren haben. Nach dieser denkwürdigen Performance hatten es die von vielen als echter Headliner angesehenen Wilco sichtlich schwer, das Publikum noch einmal zu motivieren. Zwar spielten sich die Folkrocker aus Chicago munter durch ihre Diskografie, trotz der unbestrittenen Größe ihrer melodieverliebten Songs wollte bzw. konnte der Funke angesichts der weit fortgeschrittenen Stunde nicht mehr so recht überspringen.

Haldern Pop 2012

Als tief in der Nacht eine vereinzelte Sternschnuppe am Horizont verglüht, haben die schwer gehypten Alt-J gerade das letzte Set des Abends beendet. Das Haldern Pop 2012 ist Geschichte. Der obligatorische Wunsch muss an dieser Stelle ungenannt bleiben.

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