Jack WhiteBerlin, Tempodrom

von Annett Bonkowski · 26.06.2012

für gewöhnlich geht man in ein konzert, bekommt dank der lautstärke einen satz heisse ohren, aber man wird nur selten von großen überraschungsmomenten derartig eingenommen, dass die pulsfrequenz mit einem durchgeht. bei konzerten von jack white gibt es diese momente aber zum glück noch im hohem maße. der ausnahme-gitarrist, der seit jahren seinem kreativen drang in den unterschiedlichsten (band-)projekten wie the white stripes, the raconteurs oder aber auch the dead weather sowie in kollaborationen und obendrein als gefragter produzent freien lauf lässt, hat sich für seine laufende solo-tour für sein album »blunderbuss« gleich zwei verschiedene bands mit in den tourbus geholt, die spontan von ihm ausgewählt und dann am jeweiligen abend ihr können unter beweis stellen dürfen. während es einen abend vorher in amsterdam die all-female band the peacocks auf die bühne zog, wurde jack white vor ausverkaufter kulisse im berliner tempodrom von seiner all-male band los buzzardos begleitet.

als wäre das nicht spontanität genug folgte die mit jack white an vorderster front zum sextett angeschwollene band keiner strikten setlist, sondern orientierte sich stets wie auf knopfdruck an den geflüsterten kommandos des white stripes gründers zwischen den jeweiligen songs, der es bestens verstand seine musikalischen mitstreiter über die gesamte show hinweg stetig anzuspornen und wenn nötig auch einmal den richtigen einsatz per augenkontakt einzufordern. jack white ist und bleibt auf der bühne zwar eindeutig derjenige, der den ton angibt, avanciert trotz dieser qualität aber nicht zum gefürchteten chef, sondern bewirkt lediglich, dass das zum teil auf die zuhörer herab prasselnde sound-gewitter seine wirkung nicht verfehlt und etwaige lärm-attacken auf den punkt genau abgefeuert werden.

es ist längst kein geheimnis mehr, dass white zu einem der begnadetsten gitarristen weltweit gehört, doch lässt ihn dies in seiner rolle auf der bühne niemals in egozentrische posen verfallen. einzig allein sein konzentriertes mienenspiel zeugt davon, dass seine finger bisweilen im eiltempo und mit sehr hoher wendigkeit über das griffbrett jagen. in berlin blieb sogar zeit, um ein kurzes kribbeln an der nase gekonnt zwischen den dahin fliegenden akkorden mit einem lässigen fingerwink zu beenden. ob am piano oder der gitarre, ein so vielseitiger und talentierter musiker wie jack white kommt nicht umhin mit jedem instrument unter den fingern eine gute figur abzugeben. bei seiner show in berlin schöpfte er zudem noch aus einem immensen song-repertoire aller seiner bisherigen bandprojekte, was das set in jeglicher hinsicht abwechslungsreich gestaltete. the white stripes klassiker wie »hotel yorba«, »the hardest button to button«, »we're going to be friends« oder den gewaltigen opener des abends »black math« fanden ebenso ihren weg in das knapp 85-minütige-set wie das ohrenbetäubende the dead weather monster »i cut like a buffalo« oder das eingängige »steady as she goes« von the raconteurs.

es ist diese geballte darbietung aus den unterschiedlichsten musikalischen stilen, die live in so konzentrierter form noch einmal mehr als deutlich darlegt, auf welch hohem niveau jack white sich seit jahren bewegt. innerhalb von nur einer handvoll songs spielt er sich samt seiner ebenfalls erstklassigen bandkollegen durch die geschichte des blues-rock, lässt country- und folk-momente in ihrer urform aufblitzen, nur um sich dann wieder dem rock'n'roll und seinem gitarrenspiel hinzugeben, das seine so unverkennbare handschrift trägt. obendrein unterzieht er älteres song-material einer frischzellenkur, begeistertet durch viele neu bearbeitete fassungen und schlägt dabei nicht nur der vergangenheit, sondern auch der gegenwart ein schnäppchen.

selbst mittlerweile im mainstream verwogene lieder wie das show abschließende »seven nation army« können sich dadurch wieder problemlos und ohne jeglichen fußball-gedanken auf der bühne blicken lassen. angesichts des musikalisch dynamischen höheflugs, der den gesamten abend über anhielt, wurde dann auch whites besorgtes "how are you? have you been drinking enough?" zu einer berechtigten nachfrage, denn das publikum war in jeder sekunde bei ihm und ruhte sich nicht auf seinen beinen aus. ebenso wenig wie der drummer, der so kräftig auf das tierfell einschlug, dass er ständig ein paar zentimeter über seinem sitz in die höhe schnellte, um dem druck standzuhalten, den er selbst so eifrig erzeugt hatte. neue stücke des solo-streichs von white gab es neben dem titeltrack »blunderbuss« ebenfalls zu hören. insgesamt neun songs (u.a. »sixteen saltines«, »freedrom at 21«, »hypocritical kiss«, »love interruption«) präsentierte er dabei so gekonnt als wären es alte bekannte und fügte sie damit nahtlos ins restliche set ein.

kaum waren die letzten akkorde von »seven nation army« im tempodrom verhallt, zog sich white mit schüchtern hinter dem rücken zusammengefalteten händen zurück, nickte zufrieden in die runde und verließ das ganz in weiß gehaltene bühnenbild mit forschem schritt. einzig und allein die scheinwerfer mit dem aufgedrucktem logo seines labels third man records erinnerten nachdrücklich an den mann, der soeben das berliner publikum in eine art taumel versetzte und neben alt eingesessenen fans überraschend viele teenager-jungs in begleitung ihrer mütter sowie teenager-mädchen samt ihren vätern begeisterte. in einer zeit, in der konzertbesuche einem medialen aufzeichnungsmarathon gleichen und jeder sein persönliches erlebnis mit seinem handy festhalten möchte, trug zur feierlichen stimmung in berlin vielleicht auch whites bitte im vorfeld des konzerts bei: keine fotos oder tonaufzeichnungen, die show sollte einfach nur in 3D und ohne kleine bildschirme im anschlag genossen werden. recht hat er! wer das original vor der nase hat, der sollte diesen moment lieber schätzen und ohne digitalen zirkus feiern.

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