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six day sonic madness 200706.08.2007 // Guardia Sanframondi - Italien

mic goes to six day sonic madness - ins indiewunderland

vom 24. bis 29. juli erwartete mich dieses jahr die zehnte ausgabe des festivals six day sonic madness (sdsm) in guardia sanframondi in der nähe von neapel. da dieses liebevoll und detailverliebt organisierte non-profit unternehmen jährlich inmitten des kleinen süditalienischen städtchens, in und um die mittelalterliche burg im zentrum des ortes stattfindet, tat sich mir eine kulisse für eine indieveranstaltung auf, die kaum vorstellbar ist. wenn man sie nicht selbst mit eigenen augen gesehen hat. dazu das passende, ausgewogene und mitnehmende musikalische lineup, ausstellungen diverser künstler, die wahnsinnig gastfreundlichen und coolen menschen, und jeden tag strahlend blauer himmel. dass alles sorgte dafür, dass ich mich bald im indiewunderland wiederfand. und dass meine sechs tage, die ich dort verbrachte, eine wunderbare erfahrung musikalischer sowie menschlicher art wurden. so dass ich nach der heimkehr jedem leser - auch mit blick auf die sehr freundlichen preise - dieses festival für den nächsten sommerurlaub 2008 nur wärmstens, eindringlichst und uneingeschränkt empfehlen kann!

das festival und meine erlebnisse lassen sich nur schwer in worten beschreiben, und würden bei angemessener würdigung mit großer wahrscheinlichkeit ein ganzes buch beanspruchen. nichtsdestotrotz soll von diesem süditalienischen kleinod berichtet werden, möglichst knapp und hoffentlich doch detailwiedergebend. jetzt und für immer und in ewigkeit, hier:

 

der ort und das ambiente - eine fast schon unwirkliche szenerie

nach dem flug münchen - neapel und einer ca. einstündigen zugfahrt stehe ich bewaffnet mit stift und papier und mit einem mir bis dato unbekannten werkzeug, einer fotokamera, am bahnhof von telese. dort holt mich angelo sebastianelli, meine kontaktperson und darüber hinaus erfinder des sdsm und hauptorganisator, mit dem auto ab. wir fahren durch die bergige landschaft des landesinneren von süditalien, durch die provinz benevento. "außer wein und olivenbäume gibt es hier nichts", lässt mich der bärtige junge süditaliener hinterm steuer während der zehnminütigen fahrt wissen. dass die landschaft wunderschön ist, das denke ich mir selbst. ich bin sehr gespannt, was mich hier erwarten wird. und meine erwartungen werden bei der ankunft in guardia sanframondi um ein vielfaches übertroffen. der auf einem kleinen berg gelegene ca. 10.000 einwohner fassende ort ist süditalien wie aus dem bilderbuch. kleine gässchen inmitten alter steinhäuser, hier und da eine piazza, ein verwunschener fleck ab und an, an dem ein springbrunnen vor sich hinplätschert; alles in allem: wie aus einer anderen zeit. und inmitten dieser fast schon unwirklichen szenerie das festival "six day sonic madness". auf der "piazza castello", eine art kleiner marktplatz im historischem zentrum am fusse der auf dem berg und im zentrum der stadt tronenden mittelalterlichen burg "castello medievale di guardia sanframondi" gelegen, ist die kleinere bühne, die open stage, aufgebaut. von dort aus geht es eine enge treppe zwischen häusern zunächst hinab, dann wieder hinauf, durch ein eisernes tor und durch die alten steinmauern der burg hindurch in die ruine des castello. umringt von den resten des alten gemäuers tut sich die hauptbühne und der hauptkonzertplatz auf, die sonic stage. von wo aus man einen unglaublichen ausblick über den ort, über das tal und noch viel weiter hat. einfach der pure wahnsinn! "in deutschland wäre so etwas nicht möglich" ist einer meiner vielbenutzten sätze der nächsten sechs tage. denn die bürokratie und das ruhebedürfnis der nördlicheren europäer würden einer vergleichbaren komplettbeschallung der ganzen stadt von dort oben den strich durch die rechnung machen.



am zweiten tag, also am mittwoch, nutze ich die freie zeit am frühen nachmittag und fahre mit gastone und vincenzo, zwei für das festival arbeitende, zum campingplatz des festivals, denn dieser liegt leider nicht direkt in guardia sanframondi, sondern im nächsten ort "san lupo", ca. drei kilometer entfernt. schön nach süditalienischer art, also zu unbestimmten zeiten, fährt ein shuttlebus zwischen den zwei schauplätzen hin und her. und erstaunlich: das funktioniert. dort angekommen finde ich eine art veranda vor, unter dessen dach sich die an den ersten tagen des festivals noch nicht allzu zahlreichen campenden besucher zum mittagessen, zum biertrinken, zum quatschen, zum rumhängen etc. treffen. dahinter finden sich auf einem leichten abhang fast schon versteckt zwischen licht wachsenden alten olivenbäumen die zelte. im vergleich zu campingplätzen auf deutschen (- auch kleinen deutschen -) festivals wirkt das hier maßlos kultiviert und wie im richtigen sommerurlaub. scheinbar grenzenlose idylle. ich frage entspannt rumsitzende festivalbesucher, ob ich ein foto von ihnen machen darf. kein problem. mit schlechtem, aber funktionierendem englisch kommen wir ins gespräch, sie bieten mir sofort ein bier an. man tauscht sich aus. was man hier mache etc. und bald sind wir ins gespräch vertieft, so dass ich gar nicht mehr weg will hier, so gemütlich und schön ist es hier. gastone und vincenzo müssen aber zurück, weiter für das festival arbeiten, also treten wir die rückfahrt an.

 

die leute - maßlose hingabe

begegnugen wie diese auf dem campingplatz bleiben aber keine seltenheit während meiner zeit hier. denn egal ob jung oder alt, ob festivalbesucher, -mitarbeiter, fotograf, musiker oder einfach nur ortsansässiger, die lässige art, wie sie die dinge angehen, die gastfreundschaft, die offenheit, die kommunikationsfreude der menschen hier, das alles kennt scheinbar keine grenzen. ich werde überall als "gast" empfangen und auch dementsprechend behandelt. das scheinbar bestehende sprachenproblem - ich spreche nur die absoluten basics italienisch, und die meisten leute von hier kaum englisch - stellt sich als gar nicht so problematisch heraus. denn kommunikation scheint neben essen, wein- und kaffeetrinken die lieblingsbeschäftigung vieler hier zu sein. zur not auch nur mit händen und füssen. und letztlich versteht man sich dann doch immer, irgendwie. viele besucher, presseleute und musiker, die veranstalter sowieso, verbleiben auch mehrere tage, und so lernt man sich näher kennen, teilt tagesabläufe, trink kaffe, wein und bier zusammen, lacht, vergnügt sich, und hat zusammen eine menge spass!

darüber hinaus üben die menschen, die für das festival arbeiten, ausgehend von ihrer hingabe eine große faszination aus. ihrer maßlosen hingabe zu diesem projekt hier. das festival wird von der jungen generation des ortes organisiert und auf die beine gestellt. das ganze jahr über verständigen sich die in allen richtungen in italien verstreuten bereits studierenden oder schon arbeitenden per email und halten auch so kontakt zu den jüngeren schon am festival mitarbeitenden, die noch in guardia sanframondi leben. und so kommt jahr für jahr dieses non-profit-unternehmen in liebevoller arbeit und mit sehr viel sinn fürs detail zustande. auf eine sehr frische und doch professionelle art. auf nachfrage, wie die organisatoren die finanzierung des festivals bewerkstelligen, erhalte ich von angelo die antwort: "wir schauen halt jedes jahr, dass wir auf null kommen." ein blick in das programmheft verrät mir darüber hinaus, dass die ganze veranstaltung ausschließlich von kleinen lokalen sponsoren unterstützt wird. etwa von weinhändlern, pizzerien, etc.!!! diese tatsache ließe darauf schließen, dass dieses festival, das ganz guardia sanframondi sechs tage lang in vorwiegend laute rockmusik hüllt, im ort und bei den einwohnern aktzeptiert wird. wie ich erfahre, steht zumindest der bürgermeister hinter den "jungen", weshalb die burg und zahlreiche weitere schauplätze, die im eigentum der kommune stehen, genutzt werden dürfen. doch gerade in den ersten jahren wären die stimmen in der älteren generation, die gegen das festival protestierten, laut gewesen, sagt angelo. doch mittlerweile habe man gesehen, dass alles gänzlich friedlich ablaufe, man habe sich an das fest gewöhnt, an die jungen indiefans, die anreisen, und es werde im großen und ganzen stillschweigend akzeptiert, nur noch einige wenige würden immer wieder laut ihrem unmut über das festival luft machen.



und so kommt es, dass auf dem piazza castello, vor der open stage, zu welcher der eintritt die ganze dauer der veranstaltung über kostenlos ist, sich zu den konzerten nicht nur junge menschen, sondern auch die alten ortsansässigen einfinden. denn sie lassen sich von dem festival nicht in ihren gewohnheiten beeinträchtigen. im besonderen in der gewohnheit, abends auf der piazza vor der bar ihren kaffee zu trinken und das gemeinsame leben, dass sich hier stark ausgeprägt auf der strasse abspielt, zu genießen. von hier aus schauen dann etwa alte männer zwar skeptisch, aber keineswegs verärgert auf die bühne und begutachten kritisch die musik der jüngeren.

 

musik und ausstellungen und eine atmosphäre, die einem eiskalt den rücken runter läuft

neben der musik stehen auch einige ausstellungen auf dem programm, die es lohnt, nachmittags zu besuchen, denn im ort und auf dem festival ist zu dieser zeit ohnehin nicht viel los, da es heiß ist und anstrengende aktivitäten vermieden werden. in einem kleinen haus inmitten der engbebauten szenerie wartet eine kleine fotogalerie mit bildern von drei fotografen aus turin. eingebettet in die wände der häuser präsentiert "rocco morrone" seine gemälde und skulpturen. und schließlich werden in einer kleinen kapelle kunstdrucke und originalwerke aus privatbesitz von "andrea pazienza" gezeigt. bis heute dem wichtigsten italienischen comiczeichner, der 1988 im alter von 33 jahren an einem goldenen schuss dahin gegangen ist. der kirchliche ort und seine teils provokanten zeichnungen bilden eine einheit, die skuriller nicht sein könnte.

ab 18 uhr startet dann täglich auf der open stage das musikalische programm. den anfang macht jeweils die so genannten "wörterautobahn", heißt: junge aufstrebende autoren aus ganz italien lesen - begleitet durch musikalische einlagen - aus ihren werken. die sich langsam einfindenden zuhörer machen es sich auf dem platz vor der bühne bequem und lauschen gespannt. danach, um 19 uhr, folgt jeweils eine melodische band oder ein singer/songwriter, und man genießt zusammen bei ruhiger musik die über der stadt untergehende sonne, das angenehme ambiente und den schönen flair dieses alten, ehrwürdigen ortes, bevor um 20 uhr mit dem "electronicappetizer" täglich electroacts die bühne für sich beanspruchen, die jeden tag auf ein neues abgefahrene sowie frische elektronische überraschungen bereit halten.

später, so zwischen 21 uhr und 21 uhr 30 zieht man durch die engen gassen am fuße der burg hinauf, durch das einserne tor, hinein in die ruine, zur sonic stage. wo täglich vier bands aufspielen. das lineup ist dominiert von italienischen musikern. aber es wird sich trotzdem um internationale präsenz bemüht, in diesem jahr durch bands aus usa (oneida), belgien (motek), deutschland (fonoda) und frankreich (sincabeza). die mischung ist gelungen, der schwerpunkt liegt eindeutig auf postrockbands, aber im gesamten ist die mixtur von verschiedensten richtungen des indies ausgewogen und hält auch zum beispiel mit "jennifer gentle" und "camera 237" einige sehr geile überraschungen für mich bereit! überhaupt. ich bin sehr überrascht über die frische art der italienischen bands! extrem fortschrittlich und modern. in manchen momenten gar ereilt mich der gedanke, dass sich die deutsche indieszene hiervon gerne mal eine scheibe abschneiden dürfe!



doch nicht nur das lineup macht den reiz der konzerte aus, sondern auch und vielleicht vor allem dieser unglaubliche ort, an dem diese stattfinden. die atmosphäre auf dem dach der stadt, in der burgruine, bei mondschein, der blick über das in dunkelheit gehüllte tal. das lässt einem die faszination und den augenblick einem immer wieder aufs neue eiskalt den rücken runter laufen!

so etwa gegen 1 uhr 30 ist der letzte liveton dann gespielt, man steht noch rum, trink, unterhält sich, hat spass, und für diejenigen der sich täglich im castello einfindenden 600 bis 800 zuschauer, die noch nicht geung haben, steigt meist noch eine aftershow-party auf dem campingplatz. oder man geht in und vor die bar auf dem piazza castello, die irgendwie zu jeder tages- und nachtzeit geöffnet hat, und verbleibt dort auf einem absacker.

 

die einzelnen tage - ein grobabriss

bemerkenswert ist: im einzelnen ist ausnahmslos jede band, die ich in den sechs tagen sehe, auf ihre art und weise sehens- und hörenswert. auch wenn - was klar ist - die ein oder andere band meinen persönlichen musikgeschmack so gar nicht entspricht, so muss ich trotzdem eingestehen, dass jede band ihr eigenes ding auf gute und gelungene weiße darbringt.

dienstag, 24.07.2007

mittwoch, 25.07.2007

donnerstag, 26.07.2007

freitag, 27.07.2007

samstag, 28.07.2007

sonntag, 29.07.2007


 

das grosse finale: sdsm feiert jubiläum

am letzten abend ist es dann soweit: es gilt, das zehnte jubiläum des festivals zu feiern. so wird eine riesige torte auf die bühne gebracht, organisatoren, bands, gäste, einfach alle auf die bühne gerufen und zusammen gefeiert! welch ein gelungener augenblick: indiebegeisterte und musikliebhaber gleichermaßen auf einer bühne, und dazu eine tortenschlacht, bei der niemand verschont bleibt! das ganze in der ruine einer mitteralterlichen burg, inmitten eines eigentlich verschlafenen städtchens irgendwo in süditalien, das sich sechs tage lang zu einem indiewunderland verwandelt hat!

später, bzw. früh am morgen, so zwischen drei und vier uhr zieht die party dann um auf den campingplatz, wo kurzerhand p.a., videoprojektion und dj set aufgebaut werden, und discosound vom feinsten gespielt und inmitten des olivenbaumgartens an einem abhang in einem wunderbaren tal ausgelassen getanzt, gefeiert, getrunken, gelacht und sich gefreut wird, über diese wunderschönen und gemeinsam gelungenen tage. und wo man sich verspricht, dass man sich nächstes jahr wiedersehen werde. in guardia sanframondi, auf dem sdsm.

und jetzt, da ich wieder zuhause bin, ein paar tage später, in denen ich die ereignisse verdaut und reflektiert habe, werde ich irgendwie das gefühl nicht los, dass die letzten gäste dort wohl immer noch tanzen, und feiern, und das leben gut sein lassen, zwischen den olivenbäumen. an diesem abhang, in diesem wunderschönen tal.


bilder zu diesem festivals gibt es bei uns in der galerie

06.08.2007 // mic
 

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