Soap&Skin12.02.2012 // Berlin – Volksbühne
Es hat keinen ganzen Tag gedauert. Am Morgen nach dem Konzert in der Volksbühne stand irgendwo im Internet: Soap&Skin verkauft Schokolade mit Blut drin. Also, im Ernst jetzt. Schweineblut. Dass Anja Plaschg einfach eine Vorliebe für die morbide Form des Schocks hat, das könnte man denken - das wäre zu einfach.

Das Konzert beginnt mit Nebel und Beats, die keinen Schwerpunkt finden: der erste Teil des Songs 'Deathmental'. Anja tritt vorne an die Bühne, schwarz, angeleuchtet von vorne unten. Ihre Hände, weiß, wirken dabei merkwürdig eigenständig als sie sie in die Luft hebt, als würden sie nicht zu ihrem Körper gehören. In manchen Momenten ist das Konzert ist unerträglich laut, eine physische Belastung für Anlage und Publikum - die Vorraussetzung für den Sog, den die Musik von Soap&Skin in der Aufführung entwickelt. In Anderen bemüht sie sich um die Rehabilitation des romantischen Kunstliedes für die Pop-Musik. Und zwischendurch verlässt manchmal jemand den Saal. Ihre Musik und ihre Texten sind äußerst persönlich. Zu persönlich, als dass man sich dem, was sich auf der Bühne abspielt entziehen könnte. Anja schmeißt sich auf den Boden, rutscht am Bühnenrand herum, fällt fast von der Bühne. Das ist theatralisch im klassischsten Sinne: ein Konzert für die eigene Katharsis. Man bewegt sich nicht, oder kaum, weil jede Bewegung fehl am Platz ist.

Eine Bewegung vorwärts, eine rückwärts, am Klavier sitzend, begleitet von einem Streichquartett, einem Trompeter und ihrer Schwester Evelyn. Die Musik ist tatsächlich so, selbst geschrieben und arrangiert und auch so gemeint. In einem Lied singt sie: 'Ich wollt' noch nie lieber eine Made sein' und beschreibt danach den Zersetzungsprozess einer menschlichen Leiche in seinen Farbschattierungen. Sie singt dieses Lied, 'Vater', auf deutsch und reimt darin 'halte ich aus' auf 'Graus'. Das verwirrendste an Soap & Skin ist wohl, dass man nicht glauben kann, dass ein künstlerischer Output soviel mit einem menschlichen Innen zu tun haben kann.

Als Gegenstück zu dem Großen/Schweren schafft Soap&Skin ihre eigene Meta-Ebene: einer der Songs auf Narrow ist eine Coverversion von Voyage, Voyage, eigentlich von Desireless, auch bekannt durch die ausstaffierte Interpretation von Kate Ryan. Und der Abend endet mit einer Version des Closers schlechthin: The End von The Doors. Träume und Alpträume und Visionen und musikalische Sozialisation werden bei Soap & Skin zu einem Amalgam, das erst auf der Bühne zu seinem ganzen Ausmaß kommt.

Am Ende des Konzertes, bei der Verbeugung auf der Bühne, wird etwas klar. Der Abend wird von hinten aufgerollt: Soap & Skin hat die Songs das ganze Konzert über mit merklicher Freude vorgetragen und freut sich jetzt offen dankbar und lächelnd über das stehende und klatschende Publikum. Es wird klar: hier geht es nicht um den Schock, es geht um die tatsächliche Musik.





















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