Radical Face07.02.2012 // München – Atomic Cafe
radical face ist ein seltsamer kauz. neben seiner vorliebe für schrullige portraits und schräge geschichten verfolgen ihn auch ein paar flüche: zunächst einmal leidet er unter einer anhaltenden schlaflosigkeit, die unter anderem auf dem zweitwerk 'sleep well' seines alter ego electric president verarbeitet wird. linderung verspricht ihm das regelmäßige workout im fitnesstudio, das aber seinem zweiten fluch zuspielt und zahnrädchen in zahnrädchen greifen lässt. jedes mal, wenn eine tour bevorsteht, verletzt sich radical face a.k.a. ben cooper auf irgendeine weise, und dieses mal ist eben der workout schuld: mit 19 ist er einmal beim skaten gestürzt, nun hat er beim training zu schwer gehoben, fertig sind die rückenbeschwerden.
all das hält cooper im ausverkauften atomic café natürlich nicht von der bühne fern, lässt ihn aber auf einem stuhl platz nehmen und nur die ersten reihen in den genuss seiner bärigen erscheinung kommen. für alle anderen kommt seine stimme aus dem nichts, gleich einem geist. mehr als passend, nicht umsonst heißt das debut 'ghost'.
kaum ist das etwas zu sentimentale wehklagen von benjamin francis leftwich verklungen, schleichen sich drei männer auf die bühne. ben cooper nimmt platz auf seinem stuhl, der gitarrist jeremiah gibt sich mühe, darwin deez an haarpracht gleichzukommen, und am schlagzeug positioniert sich mit jack ein gentleman mit fliege. gleich von beginn an gibt radical face den entertainer: die band werde sich mühe geben, „not to fuck things up“, aber sie hätten dann doch noch nicht so oft zusammen gespielt. falsche bescheidenheit hin oder her, auf jeden fall feuern die mannen ein feuerwerk an musikalität ab, wie man es von drei instrumenten + x kaum erwartet hätte. ganz ohne bass und mal mit keyboard schwillt 'wrapped in piano strings' auf und ab, cooper gibt in den leisen stellen mit seiner einsamen gitarre den erzähler, seine bandkumpanen warten geduldig auf ihren einstieg und verleihen den arrangements den nötigen nachdruck an der richtigen stelle. jedes stück wird mit ausgiebigen erklärungen versehen, wie denn die lyrics zu verstehen seien: einmal muss ein junge zusehen, wie sein bruder stirbt, im nächsten stück warten mord und totschlag an der eigenen ehefrau. all die hintergrundinfo wirft ein düsteres licht auf die optimistischen arrangements, konterkariert aber nicht, sondern verleiht tiefe und ambiguität. das publikum wird immer wieder zum lachen gebracht, cooper bittet es beispielsweise, während eines songs besonders auf jack am schlagzeug zu achten, da er es nur unter beobachtung schaffe, seine stimme richtig zu spielen. natürlich verlangt ben danach eine strenge bewertung, das atomic café jubelt und johlt jack zu. die begeisterung kann nur gesteigert werden, als 'welcome home' angestimmt wird, der hit, den radical face nie bewusst so schrieb, aber von allen sehnsüchtig erwartet werden. alle kehlen johlen den refrain mit, man fühlt sich berührt und ergriffen, ohne dass unangenehm die sentimentalitätsschiene gefahren würde. radical face ist eben berichterstatter, erfinder großer geschichten, die das leben überhöhen, und nicht narzisst, der seine eigene biographie in den fokus stellt.
als die band schon von der bühne verschwindet, ist der jubel so groß, dass es noch einige zugaben gibt. auf zuruf spielt ben publikumswunsch nach publikumswunsch, während jack und jeremiah von einem bühnenrand zum anderen rennen und die percussion bedienen. als sei das noch nicht genug, brennt cooper zuletzt ein feuerwerk an covern ab, das in sinead o'connors 'nothing compares 2 u' mündet. ganz unironisch und authentisch.





















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