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Matthew Herbert17.11.2011 // Berlin – Berghain

Der Gedanke war albern, aber die bloße Ankündigung einer Live-Umsetzung von Matthew Herberts jüngstem Konzeptalbum "One Pig" rief schon das ein oder andere Bild von wilden Gestalten mit Knochen-Gitarren und hautfetzenverhangenen Mikrofonständern hervor. Statt auf eine zombieske B-Movie-Schweinerock-Band setzt der experimentierwütige Herbert auf seiner europäischen Tour de porc aber lieber auf eine nerdige Crew mit kurzen Vollbärten, die, wie er selbst, in weißen Tierarzt-Kitteln aufmarschiert.

Als Introduction der so betitelten “Death Show” raschelt im Berliner Berghain einer mit Stroh ins Mikro und atmet dazu animalisch wüst, danach verteilt er einen ganzen Strohballen über den Bühnenboden. Was die Herren daraufhin mit ihrem angerichteten elektronischen Firlefanz veranstalten, hat dann auch weiter wenig mit den voluminösen Beats zu tun, die üblicherweise aus der legendären Anlage des Clubs schallen. Das Leben eines Schweins im Klanggewand frickeliger Electro-Sounds lädt einfach nicht zum Tanzen ein, eher zum Schmunzeln. Optisch wie akustisch extravagant: die so genannte Schweinestall-Harve, eine Erfindung eigens für die Tour zu “One Pig”. Dafür wurden rötlich schimmernde Saiten - gefertigt aus Kunststoff und nicht wie zunächst gemutmaßt aus Schweinegewebe - durch an Herberts Laptop gekoppelte Bewegungs-Sensoren gezogen, die ansonsten in 3D-tauglichen Spielekonsolen zum Einsatz kommen. Yann Seznec, der schottische Konstrukteur der Sty Harp, steht dann auch gleich selbst mit beinah kindlicher Spielfreude an diesem eigentümlichen Gerät und bringt es durch wildes Malträtieren der äußerst elastischen Saiten zum fiepen, oinken, quieken und piepen. Eingebettet sind die derart spektakulär nachgeahmten Schweinelaute in noisigen Industrial-Dub, gespielt auf E-Drums und Synthesizer.

Alles durchaus Geschmacksache, aber bei Weitem nicht so unappetitlich, wie manch Vegetarier befürchtet hatte. Nur einmal wird ein kleiner Knochen in Kombination mit einer Säge als Klangkörper zweckentfremdet. Ansonsten bleibt sogar der vertonte Monat, in dem das auserwählte Mastschwein seinem grausamen Lebenssinn zugeführt wird, komplett blutarm: Um die Schlachtung zu symbolisieren, greift Harfenspieler Seznec lediglich zu einem knallroten Kittel, nachdem er sich zuvor schon jeweils passend zu den Tracks verschiedene Jacken mit Aufschriften der neun Lebensmonate des Schweins übergestreift hatte.

Gerde mal eine dreiviertel Stunde ist vergangen, da leitet das Erscheinen eines weiteren Mannes in weiß das Grande Finale der "Death Show" ein: Der Koch tritt an die Pfannen. Thomas Kaiser vom Berghain-Restaurant “Kreuz Friedrichs” brutzelt im Bühnenhintergrund in aller Ruhe Schweinefilets und Gemüse und schaut dabei fast noch grimmiger drein als die Türsteher des Clubs. Als den ersten Nicht-Vegetariern angesichts des sich ausbreitenden Fleischgeruchs das Wasser im Mund zusammen läuft, reihen sich Herbert und seine Begleiter am Büffet-Tisch auf und erweisen der ins Rampenlicht gerückten Sau sozusagen das letzte Geleit. Dazu spielt der Keyboarder das traurige Ambiente-Stück, das auch die Platte moralisch mit den Worten umrahmt: "A simple life is all we need. Enough to multiply, magnify, dignify each day. And so to rest upon my head, let you occupy my thoughts instead." Statt sich vor aller Augen den Bauch voll zu schlagen, verbeugen sich die Musiker anschließend artig und verschwinden von der Bühne. Eine Zugabe gibt es nicht zu hören, nur zu schmecken.

Ein Weilchen dauert es, dann wird der Tisch mit Beef und Tellern in die Mitte des Dancefloors getragen und das große Fressen nimmt seinen Lauf – fast so rasant wie in einem Schweinegehege, nur ein klein wenig disziplinierter. Nur, wer da noch grübelt, hat erstmal keinen Hunger auf Schwein.

17.11.2011 // burned
 

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