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Apparat09.11.2011 // München – Kammerspiele

seit einiger zeit wird pop immer mehr und lieber in sphären der ernsten musik gerückt: konzerthaus statt club, sitz- statt stehplätze, andächtiges schweigen zwischen den stücken. von letzterem publikumsbann schwärmte sascha ring alias apparat auch besonders, als er diese woche den auftakt zu einer reihe exklusiver popkonzerte in den kammerspielen münchen gab.

pop in einem theater? darf man das? das konzerthaus dortmund lockt schon länger mit regelmäßigen konzerten diverser hochkaräter in die heiligen hallen. der fokus liegt natürlich auf filigranen arrangeuren, und nach seinen großen verdiensten als techno-produzent manövriert sich apparat dieser tage mit seinem neuen album 'the devil's walk' genau in diese sphären.

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kuratiert von dachaus kulturamtsleiter tobias schneider, der regelmäßig schwergewichte wie the national an münchen vorbei nach dachau schleust, symbiosiert an diesem abend das beste von pop- und hochkultur. die kammerspiele sind ausverkauft, davor wird noch heftigst um restkarten gebettelt. beste voraussetzungen also für apparat und seine vorband warren suicide, deren kopf patrick „nackt“ christensen auch maßgeblich an der entstehung von 'the devil's walk' beteiligt war. manisch sitzt er an einem e-piano, bedient eine menge effektgeräte und singt mal, mal kreischt er über die soundflächen, die seine drei mitstreiter generieren. neben einer publikumswirksamen, sich in extrovertieren manierismen übenden sängerin bedienen zwei mann ein cello und eine geige, die erst einmal durch eine apparatur aus analogen und digitalen klanggeräten geschickt werden. die brodeln, setzen ätherische tüpfchen, gießen kakophonie in den saal. warren suicide kommen aus dem punk, und das merkt man auch. mit klassisch und nostalgischem gerät wird die freude an überladung und spannung zelebriert, zu der auch mal eine bohrmaschine heftig arbeitend ans mikrofon gehalten wird.

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die apparat-band destilliert dagegen aus ähnlichem instrumentarium den kompletten gegensatz. prominent vorne rechts das schlagzeug, vorne links sascha ring selbst mit gitarre und einer aufwändigen mikrofonkonstruktion, und hinten in der mitte zwei tische im neunzig-grad winkel, vollgestellt mit synthesizern und keyboards, die von zwei herren im dunkeln bedient werden, einer davon eben erwähnter „nackt“. zärtlich beginnt man mit „your house is my world“, aus zwei gitarrentönen erwächst rings sanfte falsettstimme, und nach nicht einmal einer minute ist das publikum gefangen genommen. wo die musik mit allerhand instrumenten im hintergrund weite flächen verliehen werden, bildet der schlagzeuger mit einer beeindruckenden performance das rhythmische fundament. ganz fein werden triolen auf dem becken gespielt, synkopfen getrommelt, das thema ständig variiert, ein nährboden für die gruppe und vom anspruch dem jazz sicherlich ebenbürtig. kaum ist das erste stück mit rings stimme ausgeklungen, applaudiert das publikum schon wie wild und jubelt. beeindruckend, wie souverän diese band solch komplexe arrangements nach so kurzer schon auf die bühne bringt, wie musikalisch das ganze sich ankündigt. wo hat sich ring nur all die zeit hinter seinem laptop versteckt? ein wenig gesangsunterricht hat er genommen, meinte er kürzlich – seine stimme und präsenz fesseln wie die eines lange jahre erprobten frontmanns.

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nach zarten tönen erst einmal das harte erwachen: hier wird nicht nur geträumt, sondern auch richtig radau gemacht. 'arcadia' bildet gleich zu beginn eine der wenigen ausnahmen, live gespielt zu werden, obwohl das stück noch nicht zu bandzeiten entstanden ist. über die schnellere hälfte der neuen platte steigert sich die gruppe schließlich zu 'rusty nails', dem überhit von moderat, der kollaboration von apparat und moderat. damals schon stand ring am mikrofon, und der dubsteppige beat entlockt dem publikum die letzte entzückung. verglichen mit dem original auf platte wird eine qualität der bandperformance klar: was aus dem laptop gespielt manchmal trocken und kalt klingt, wird durch das echte live-spielen um die dimension des unvorhersehbaren und menschlichen erweitert. „nackt“ wechselt während des stückes vom bass zur gitarre zum keyboard, ring selbst fühlt sich sehr wohl am mikrofon und schraubt an seinem effektgerät, das am mikrofonständer befestigt ist; während der rest der truppe mal vor anstrengung die zähne zusammenbeißt oder sich verloren im rhythmus wiegt. hier wird nicht gedacht, hier wird gefühlt. nach einer stunde seligen schwebens verabschiedet sich die gruppe, doch natürlich lässt sich das publikum nicht zweimal bitten. es hagelt zugaben, bis „black water“, die vorabsingle, das letzte stück ankündigt. traurig wummert ein synthesizer, stampft das schlagzeug langsam vorwärts, steht der bass. so klängen coldplay, wenn sie die technik und elektronik ihrer weiterentwicklung gut und kreativ einsetzen würden und nicht in den mainstreampop und mittlerweile r'n'b gedrängt würden. sehnsüchtig, herzlich, aber nicht kopflos, sondern erwachsen und bedacht. man wartet auf einen ausbruch, eine erlösung, aber die spannung behält die band lieber bis zum letzten ton bei.

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quittiert wird der abend mit standing ovations, die band verneigt sich wie eine fußballmannschaft. schön, dass apparat selbst nicht der star ist, sondern nur vordenker einer demokratisch agierenden einheit. es löst im moment wohl niemand besser die frage, wie eine band in zeiten von techno, house und elektronik allerorten klingen muss, um fortschrittlich, aber immer noch eine band zu sein.

Weitere Fotos: Apparat & Warren Suicide

09.11.2011 // jakob
 

2 Kommentare

Roland am 11.11.2011 um 12:30 UHR

Na da bin ich ja mal auf Dresden gespannt! Psst: Modeselektor + Apparat = Moderat

jakob am 16.11.2011 um 01:02 UHR

ja, stimmt, im fluss der verschreiber ;)

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