Berlin Festival 201110.09.2011 // Berlin – Tempelhof
das dritte jahr in folge findet das berlin festival am historischen flughafen tempelhof statt und nach zwei chaotischen jahren sollte dieses jahr alles besser werden. und um es gleich vorwegzunehmen - das wurde es teilweise auch. das neue konzept mit drei offenen bühnen ging sowohl zuschauerfreundlich als auch soundtechnisch auf. und trotzdem hat das festival noch einen langen weg vor sich um sich einen platz in den herzen der festivalfreunde zu erspielen und dazu gehört mehr als nur gute bands zu buchen, sondern eben auch den besuchern das gefühl zu geben, dass sie nicht nur gewöhnliche flughafenbesucher sind.

bestes beispiel dafür ist am freitag der opener james blake auf der hauptbühne. die belegung dieses slots ist eine solch offensichtliche verkaufs- und anwesenheits-fördernderne marketingstrategie, dass die masse wie bei einem festgesetzten check-in-termin notgedrungen trotzdem anwesend ist. der junge engländer ist selbst überrascht hinsichtlich des zahlreichen jubels und der bewunderung, die ihm zu dieser frühen stunde entgegen schlägt, dafür drückt er langsam den bass über den hangarboden in die beine und seine stimme atmosphärisch in die brustkörbe und in die herzen der anwesenden. sein post-dubstep setzt so das erste grelle leuchtzeichen und legt die meßlatte für die folgenden künstler auf ein beeindruckendes niveau. austra bekommt das auch gleich umgehend zu spüren und lieferten einen eher belanglosen auftritt ab. den schweden folgen the rapture, die wie so viele der festival acts mit einem neuem album im gepäck nach berlin kommen. anfänglich wirken die vier new yorker etwas steif und technische probleme sollen sie den ganzen auftritt lang begleiten, doch spätestens nachdem gabriel andruzzi am saxophon in tanzlaune ist und zeigt was man in so einer 90er-jahre-jeanskluft auf einer bühne alles abliefern kann, wird der nachmittag endlich etwas lockerer. und nachdem frontman luke jenner und das publikum bei "house of jealous lovers" im unvergleichlich treibenden the rapture-beat stehen, haben auch sie grund genug das ganze ausgiebig zu genießen. der neue überhit "how deep is your love" beendet den auftritt des quartetts und sie geben den stab gleich weiter an den nachwuchs von the drums, die das festival mit indie-surfsounds und dem grellen "money" in die anbrechende dunkelheit spielen.

langsam gehen die lichter auf dem ehemaligen flughafen an und unter dem dach mit blauem neonschriftzug findet man, ganz im sinne der ambivalenz berlins, zum einen das art-village mit viel interessanter street-art und verschiedensten skulpturellen arbeiten um auf der anderen seite unverständlicherweise über eine automobilstudie zu stolpern, die sich da irgendwie zwischen fressmeile und fashionmarkt silbrig glänzend und aliengleich eingefunden hat. kontrast dazu bietet zwischen den lieblos abgestellten bierständen, cocktailbars und promo-ständen auf dem rollfeld ein kleines bunt leuchtendes juwel: der autoscooter - und auch wenn die zu erwartetende schlechte budenmusik fehlt, so ist dies doch ein lohnenswerter ausflug zurück in die kindheit, der trotz kaputten knien und aufgeschlagenen schienbeinen mit einem glücksgefühl endet.

im hangar macht madame luísa "lovefoxxx" hanaê matsushita, ihres zeichens frontfrau von css, ihrem namen alle ehre, sie zieht die maske ins gesicht, das oberteil des öfteren aus, fliegt mit ihrem umhang mehrmals über die bühne und schiebt dabei ihre wuchtige stimme mit "music is my hot hot sex" und "let's make love and listen to death from above" über die köpfe hinweg aufs rollfeld. die brasilianer haben damit die bühne perfekt für hercules & love affair vorgewärmt. die fünf new yorker kommen so unglaublich gut gelaunt auf die bühne, dass sie einen ihrer besten auftritte abliefern und andy butler strahlend und passend das erlebte disco-wunder wie folgt zusammenfasst: "it's like coming home" im anderen hangar beschließen clap your hands say yeah mit der potentiellen revolutionshymne "upon this tidal wave of young blood" ihre von vielen fans lang ersehnte rückkehr nach deutschland und machen den weg frei für einen berliner helden: apparat betritt mit band die bühne und was am melt-festival nur bedingt geklappt hatte, funktioniert hier im hangar perfekt. apparat hebt mit seiner band die atmosphäre ein bisschen an und schickt die anwesenden auf eine melancholische traumreise, dabei klingt "rusty nails" besser als das original. bei "ash black veil" umhüllt einen der vielschichtige klangraum und die durchdringende weiche stimme von sascha ring um bei "black water" die emotionale überwältigung perfekt zu machen. passend zur melancholischen stimmung geht es dann zurück aufs verregnet rollfeld - verwirrt aber irgendwie glücklich. einzig der verschwitzte, wild tanzende und begeisternde brett anderson von suede lässt einem auf dem weg nach draußen nochmal kurz inne halten.

der samstag beginnt mit sonne, funk von aloe blacc und leichtem dubstep von mount kimbie - perfekt wenn man auf dem sich aufwärmendem rollfeld liegt. auf der hauptbühne überraschen the naked and famous mit ihrer sprengenden mischung aus synthies, pop und rock-versatzstücken. all das ist live so abwechslungsreich und die neu vorgestellten songs klingen nochmals interessanter, so dass die neuseeländer für das nächste solo-konzert definitiv vorgemerkt sind. dem quintett folgt der grund warum viele am samstag erst den weg nach tempelhof gefunden haben: beirut! zach condon ist dabei auf der bühne von seinen beeindruckenden bläsern flankiert, während er mit seiner unvergleichlichen stimme den aufgang des vollmonds über dem tempelhofer feld begleitet und die träumer auf reisen schickt in die sonnendurchströmten stoppelfelder ihrer phantasielandschaften.

ein schlimmeres kontrastprogramm als der ihm folgende boys noize ist wohl kaum zu bieten und so lassen die 90 minuten dumpfer rave genügend zeit den dunklen pantha du prince und die sexgeladenen buraka som sistema ausreichend zu würdigen. letzere füllen einmal die hangarbühne mit weiblichen fans und bouncen tanzend in die frühe nacht.

nachdem auf der hauptbühne nebel, boys, feuer und noize verglüht und verklungen sind, ist endlich alles bereit für das absolute highlight des festivals: die rückkehr der (absoluten) beginner nach sieben jahren live-abstinenz! dj mad dreht die platten und denyo und eißfeldt krachen durch den nebel ins publikum. ein klassiker jagt den nächsten, schuhe werden in die luft gehalten, alles bounct und singt, dendeman sieht über dem absperrzaun staunend dem treiben zu und jeder ist nochmal 13 jahre jünger. bambule überall, beginner überall, lachende menschen überall - besser kann man ein festival nicht beenden – niemand kann uns stoppen, wir werden weiterrocken!
Alle Fotos (von Nadine Elfenbein) gibt es in unserer Galerie.





















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