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immergut festival 200701.06.2007 // neustrelitz

Freitag, 1. Juni 2007

Das Immergut hat eine lange Tradition und einen heimeligen Hintergrund. Warum sonst sollte man irgendwo in Neustrelitz, fernab einer Autobahn, ein Festival initiieren - gewollt klein und gewollt charmant? Die Organisatoren kommen alle selbst aus dem kleinen Ort an der Seenplatte und dachten sich vor acht Jahren, man könne ja im eigenen Örtchen ein Festival mit persönlichem Charakter veranstalten.
Das ist auch weswegen die Menschen dorthin strömen, der Charakter, das Liebenswerte daran. Daher war auch dieses Jahr wieder das auf 5000 beschränkte Kartenkontingent schnell ausverkauft.

Mein erstes Immergut sollte es sein, und das erste wirkliche Festival, der gerade beginnenden Saison.
Die Tatsache, dass am gleichen Wochenende Rock am Ring stattfindet, beeinträchtigt weder Besucherzahlen noch die auftretenden Bands.
Doch der Reihe nach, wir wollen uns hier ja nicht überschlagen.

Eröffnet wird das Festival von "A Hawk and a Hacksaw". Folklore nach bester Balkan-Manier, und überraschender weise gespielt von Amerikanern. Diese etwas ungewöhnliche Mischung, macht die Musik leider aber auch nicht mitreißender, nicht fesselnder, so dass mein Interesse bald mehr den Menschen in meiner Umgebung gilt, als der Band auf der Bühne. Das ist aber nun auch das schwer gezogene Los einer Band, die einerseits die Ehre besitzt ein Festival zu beginnen, und andererseits das Manko der noch nicht eingestimmten Menge.

Als nächstes geben sich Polarkreis 18, im Zelt, die Ehre. Als geschlossene Assoziation stelle man sich die Herren vor, in schwarzen Hosen und weißen Hemden. Ein Schwall der Überraschung und Desillusionierung überfällt bei dieser Band. Überraschung, weil ich sie mir live anders vorgestellt hatte, und die Musik mit dem auf der Platte gehörten nicht zu vergleichen ist. Desillusionierung, weil es dennoch gefällt und in einen leichten Trancezustand versetzt. Was einzig da hinaus reißt, ist das Huhn-artige Kopfnicken des Sängers.

Tele folgen auf der Bühne. Ich durch zittere und genieße jeden Moment dieses Konzerts, denn die Uhr bleibt nicht stehen, und das Interview mit Superpunk und die musikalische Wohltat von Tele überschneiden sich. Stücke des neues Albums werden gespielt, aber genauso Stücke aus älterer Zeit. Tele haben haben nichts verloren an Charme und an Kunst. Konzerte wie ein einziger Urlaub, Gänsehaut all over your body. Das waren Tele und das sind sie noch immer.
Es ist gut zu wissen, dass es Phänomene gibt, die sich nicht verflüchtigen und an Magie verlieren.

Man stelle sich das Zelt groß vor. Groß und überfüllt. Jene, welche nicht frühzeitig den Trick herausfanden, sich an der linken Wand entlang zu schlängeln, um weit nach vorne zu kommen, werden vermutlich herzlich wenig der Konzerte wirklich gesehen haben. Stickig war es auch, und rauchig, denn wer hält sich denn schon an Rauchverbote. Rauchen tötet - who cares - wir sterben doch irgendwann alle.
Friska Viljor ist eine schwedische Band. Nein, sie treten nicht so schnittig auf, wie Mando Diao oder The Horror The Horror. Der Kern der Band, Daniel Johannsson und Joakim Sveninjson, erinnern mehr an Menschen vom Lande, als an Rock n´ Roller. Alle anderen "Teilnehmer" der Band, wechseln immer wieder, man tauscht mit anderen Musikgruppen. Die Musik ist dynamisch und wild, der Boden des Zeltes wackelt und wirft mich fast in Luft. Die Stimmung könnte nicht besser sein, die Luft brennt. Friska Viljor scheinen sich auf keine musikalische Richtung festgelegt zu haben, sondern durchspielen jedwede Genres mit Sicherheit und Hingabe. Manches klingt elektronisch, dann hört man Folk oder Pop, um wieder beim Rock n´Roll zu landen.

Es folgen Superpunk. Lange hat man sie nicht gesehen, lange waren sie von der Bildfläche verschwunden, und melden sich jetzt zurück, mit neuer Selbstsicherheit und neuem Elan. Ganz neue Stücke werden gespielt und ältere Klassiker, wie schon im Interview angekündigt wurde. Das Publikum besteht zu einem Teil aus Menschen, die sich über das Konzert freuen und euphorisiert mitsingen, und zu einem anderen Teil, der scheinbar nicht weiß, wer die mit leichtem Alter angehauchten Herren auf der Bühne sein sollen. Sänger Carsten Friedrichs vereint zwei Menschen in einem: die Statur erinnert auf der Bühne verblüffend stark an die des Kettcar-Sängers Markus Wiebusch. Die schnittigen Dancemoves an die Unbeholfenheit eines Bernd Begemanns. Keyboarder Thies Mynther springt in seinen Pausen gerne mal unkoordiniert über die Bühne und tanzt seine Bandkollegen an. Ein sehr nostalgisch - energetischer Auftritt, der auf weitere Konzerte und das neue Album freuen lässt. Die neuen Songs zeugen davon, dass Superpunk es geschafft haben, sich nicht zu wiederholen, aber gleichzeitig ihrem Stil treu zu bleiben. Hut ab, vor dem, von den Anti-Punkern selbst so hervorgehobenen, Alter.

Das Jeans Team musste leider absagen und Muff Potter sprangen ein. Muff Potter ist eine Band, welche die Gemüter teilt. Man findet sie toll oder man verachtet sie. Ich persönlich mag nur "Photoautomat", ein Stück ihrer aktuellen Platte "Steady Fremdkörper", und bin dieser Kombo sonst weitestgehend abgeneigt. Dennoch rechne ich ihnen ihr kurzfristiges Einspringen sehr hoch an. Was wohl auch der Rest des Zeltes tut, man feiert und vergisst bald, dass eigentlich das einzigartig-ungewöhnliche Jeans Team auf der Bühne hätte stehen sollen.

Laut Spielplan sollen nun Monta vs. Naked Lunch, auch im Zelt, folgen, doch irgendwie spielen beide ihre eigenen Konzerte, unabhängig von der anderen Band. Monta berührt bis ins Herz, was dem ein oder anderen vielleicht zu schnulzig ist, aber im Grunde einfach bloß als wunderschön zu bezeichnen ist. Selbstredend spielt er auch "I´m sorry", kaum jemand scheint nicht mitzusingen, man hätte das Lied auch noch zwei, drei, vier Mal hören können, live ist es einfach noch viel eindringlicher als über die Stereo daheim.

Der Abend klingt mit Naked Lunch, Erobique und einer netten Disco aus. Nur zu spät sollte man nicht schlafen gehen, denn das Immergutzocken beginnt bereits um 11 Uhr am nächsten Morgen.


Samstag, 2. Juni 2007

Ein neuer Tag und noch immer schönes Wetter. Nun etwas zum Gelände, schließlich beeinflusst die Umgebung ja bekanntlich ungemein, wie man Musik wahrnimmt. Ein Campingplatz, überschaubar, voll mit Mücken und teilweise liebevoll gestalteten Fahnen und Zelten. Eine Bimmel-Bahn, wie man sie sich vom Kasper und vom Seppel vorstellt, verfrachtet die Festivalbesucher zu den nahe gelegenen Seen. Das Konzertgelände ist natürlich nicht sehr groß, bei 5000 Menschen, einer Bühne und einem großen Zelt wäre alles andere bloß Übertreibung gewesen. Außerdem gibt es das Label-Zelt, in dem man schmucke T-Shirts von Jack Fou (Human Empire??) erwerben, und sich mit Vertretern von einzelnen Labes (u. A. Alison Records) unterhalten kann. Band Merch gibt es natürlich auch und personal-Designerschick noch dazu. Draußen steht der Immergutstand, mit neuen T-Shirts und denen der vergangenen Jahren, eine Kompilation, und Postern, wenn man einen kleinen Fragebogen ausfüllt. Sehr nett das Ganze.
Nicht zu vergessen ist auch das hervorragende Festivalradio Alma 92,6 , welches man in ca. acht Kilometern Umkreis hören kann. Über ungewöhnliche Gespräche ist hier zu schmunzeln und Interviews zu belauschen, neben einer Auswahl von ungewöhnlich guter Musik. Und als wäre das nicht genug, sind es auch noch unwahrscheinlich freundliche Menschen, die da von Campusradios etc. ihr Equipment zusammentrugen und die Zeit ohne Konzerte (und auch die mit, da das Radio durchgehend sendet) versüßen.

Am Morgen findet das altbekannte "Immergutzocken" statt. Für die Band Lichter spielen ausschließlich Besucher des Festivals und gewinnen auch noch.
Weiter geht der Tag dann mit Sir Simon Battle. Ein wunderschönes Konzert, zu dem man kaum mehr sagen möchte. Sänger Simon zeigt sich nervös und liebenswert auf der Bühne, und singt mit so einem Gefühl in der Stimme, dass Gänsehaut eine natürliche Reaktion ist. Das Keyboard wird nur an besonderen Stellen angewendet und ist dadurch sehr passend und erfrischend, durch den pointierten Einsatz.

Im Zelt folgt die Band "Someone Still Loves You Boris Yeltsin", welche ebenfalls mit Gefühl überzeugt. Pop-Musik mit Herz und Ehrlichkeit, die an den Sommer und das Meer erinnert. Das durfte ich auch beim Interview mit den drei der Herren von SSLYBY fest stellen. Lustige Gesellen, mit viel Hingabe für ihr Schaffen.

Das Tied and Tickled Trio folgt auf der Bühne und war schlichtweg faszinierend. Ohne Gesang (wer braucht denn den schon?) könnte man fast meinen, die Musik würde langfristig langweilen, aber das tut sie nicht. Sie spielen eine Art Jazz, in seiner abgewandeldsten Form und Improvisation scheint bei dieser Kombo ganz groß geschrieben zu sein. Die Melodien und die Beats lösen eine innerliche Blockade aus, weg zu gehen und sich diese musikalische Besonderheit entgehen zu lassen.

Kommen wir zu einer Band, über die ich jetzt einige böse Worte verlieren würde, wenn dies der richtige Ort dafür wäre. Da er es aber nun nicht ist, versuche ich mich auf das Konzert zu beschränken. Ein großes Ziel haben die Herren von Virginia Jetzt!: das beste Konzert des Festivals spielen. Im Grunde unmöglich, aber Mühe geben sie sich sichtlich. Mit aller Kraft versuchen sie die Bühne zu rocken, das Publikum zum Toben zu bringen. Das schaffen sie, zugegeben, aber weniger gekünstelt wirkt ihr Auftritt deswegen nicht. Gegen Ende der Show zeigen sie sich sich empört über den Umstand "nur" im Zelt zu spielen und meinen zu wissen, das nächste Mal die große Bühne rocken zu müssen. Arroganz steht den Jungs gut, mindert aber meine Sympathie ihnen gegenüber wieder immens. Zugute kann man ihnen halten, dass sie einen hohen Anteil älterer Stücke spielen. Ein Umstand der mir gefällt, weil das aktuelle Album " Land unter" mich schlicht weg enttäuschte. Es war ein nettes Konzert, ein energetisches und ein emotionales, aber nicht das beste des Festivals.

Tocotronic. Eine Band, der einige andere nacheiferten, welche wieder Nacheiferer nach sich zogen. Eine Kette, die zeigt, wie lange es Tocotronic schon gibt und wie prägend diese Band für die deutsche Musiklandschaft ist.

Ein neues Album folgt bald, und wenn man sich an den neuen Stücken orientiert, die gespielt werden, dann macht die Band mit dem weiter, was sie kann, gute Musik machen. Ehrlich und mit Poesie im Blut. Ein Konzert mit dieser besonderen Atmosphäre. Man weiß, dieses Wochenende ist praktisch zu ende und man sollte ein wenig Wehmut zeigen, doch das tut man nicht. Die Musik, welche man gerade hört, ist dafür zu bestechend und zu eindringlich. Es kommt fast so vor, als würden die Herren niemals aufhören zu musizieren. Und tun es doch. Ein Schleier liegt in der Luft, der die Menschen noch einmal mit dem Zauber der Festlichkeit umgibt, um sich dann zu verflüchtigen.

Und während dieser Schleier von Dannen zieht, ereignete sich noch ein Vorfall, der aus redaktioneller Sicht nicht unerwähnt bleiben soll, einfach weil er so unfassbar ungeheuerlich ist. Man stelle sich vor, da gibt es einen netten Fotografen, der sich bemüht dieses faszinierende Wochenende bildlich festzuhalten. Für all jene, die nicht da sein können, und für diejenigen, die sich später erinnern wollen. Und was passiert, als das Festival im Grunde vorbei ist? Man klaut ihm seinen Laptop und damit eine wichtige Grundlage. Im Radiopark auf dem Gelände, im Beisein von einigen Menschen. Ich will die Beschimpfungen auf den dreisten Dieb hier nicht wiederholen (Und die gab es, oh ja!), aber man wünsche ihm alles erdenklich Schlechte, für seine Selbstsucht und Ignoranz!

Wenn man davon absieht war das Immergut ein schönes Festival. Ein gelungener Auftakt der Saisons des Zeltens, der Mücken und Dixie-Toiletten, der Gruppenduschen. Der Sommer steht noch vor der Tür und man freut sich auf einige andere Ereignisse. Und irgendwie auch jetzt schon auf das nächste Wochenende in Neustrelitz. Klein und heimelig, mit Freunden und guter Musik.

01.06.2007 // tamara
 

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