Haldern Pop Festival 2011 (#2)13.08.2011 // Rees – Haldern
St. Vincent hat vor ein paar Tagen ein neues Video zu ihrem Lied „Cruel“ veröffentlicht. Es handelt von Familie, trieft vor Sarkasmus und ist unbedingt sehenswert. St. Vincent hat zwar nicht auf dem Haldern Pop gespielt. Nur James Vincent McMorrow, und dessen Auftritt braucht sich auch keineswegs hinter dem Kaliber der Dame zu verstecken.

Zumindest dreht sich aber viel beim Haldern Pop um Familie. Und wie das so ist bei einem Ausflug mit der Familie: Man macht einen Wochenendausflug zu Freunden in die Pampa und fährt bei schönstem Wetter auf die Autobahn. Kurz bevor man am Ziel der Reise ankommt, ziehen rabenschwarze Wolken auf, und wenig später entschließt sich der Regen, die drei Tage heile Welt in einer Schüssel Wassersuppe zu versenken wie eine Fliege. Aber was soll man machen? Papa hat den Schlüssel, das Geld und den Masterplan: Gute Musik. Wozu also flüchten?

Schon bevor der Regen einsetzt, befinden sich die meisten Menschen am Donnerstag noch auf dem Zeltplatz, essen die ersten Vorräte nach teilweise zehnstündigen Fahrten und bespielen sich mit Rap und Metalcore (je nach Zeltlager). Für viele spielt erst am Freitag die Musik, und sowohl übertrieben lange Schlangen vor dem Spiegelzelt als auch selbst marinierte Steaks vor dem Zelt rechtfertigen diese Entscheidung.
Statt Konzerten am Donnerstag: Ein Interview mit einem sehr gut aufgelegten Alexi Murdoch, der regelrecht in den gestellten Fragen versinkt. Kinder rennen durch ein noch leer stehendes Zelt, ein Verantwortlicher fragt uns, ob das hier etwa das Pressezelt sein soll, eine Camel- Werbung glitzert im Hintergrund wie die Tanzfläche einer schlechten Neunziger- Disko. Als ich Alexi Murdoch frage, wovon er zuletzt geträumt hat, malt er eine Viertelstunde auf der Schiefertafel herum, aber die Farben sind ihm zu hell für seinen Traum. Er geht aus dem Zelt und kommt mit einer Hand voll Erde zurück, die er über die Tafel streut. Erst dann ist er zufrieden, und erst dann hört draußen der Regen auf.
Auf dem Weg zurück zum Zelt wird klar: Meine Reisegruppe hat sich gut aufgestellt, und obwohl man müde ist hört man gern noch bis spät in die Nacht einem fähigen DJ- Team zu, dass „Füchse“ von den Beginnern zwischen Elekrobeats packt. Willkommen im Revier. Gegenüber spielt jemand Massive Attack, und tatsächlich greifen beide Geräuschquellen wie von Geisterhand ineinander.

Als Freitag der Regen einsetzt, fahren Autos spritzend Pfützen auf am Rand stehende Zeltwände, die mit Platten ausgelegten Wege entwickeln sich zu Schlammvulkanen, doch die Menschen bleiben entspannt. Der Regen stört nicht und ist bei James Blake beinahe schon willkommen. Die roten Lampen der Helden verwehren ihm einen perfekten Auftritt, weil der Bass so tief und durchdringend ist, dass sie scheppern wie Geschirr beim Aufwasch. Gisbert zu Knyphausen steht Backstage und geht zu den unfassbaren Beats ausgelassener mit als irgendjemand sonst im Publikum. Matthew & the Atlas spielen in der Haldern Pop Bar ein komplett anderes, nur ähnlich großartiges Konzert und lassen sich noch bis Sonntag zu viert und mit Regenjacken zwischen den Menschen blicken, um sich die Fleet Foxes anzuschauen. Bands als Band- Fans.

Auf dem Haldern gibt es unzählige solcher Bilder. Shara Worden, besser bekannt als My Brightest Diamond, erzählt mir vor dem Interview, dass ihr Sohn im Wohnwagen von Alexi Murdoch seinen Mittagsschlaf hält. Später ist sie bei seinem Konzert in der Menge zu sehen. Alexi Murdoch versetzt das Zelt schon beim Soundcheck in eine tiefere Ruhe, indem er zwanzig Minuten lang seine zwei Mikrofone aufeinander abstimmt, und Melodien hineinsummt, die den Kopf weit über das Zelt hinaustragen. Aus dem vielfach betrunkenen Publikum erhebt sich ein bösartig zischendes „Schhhh“, das irgendwann nicht mehr dazu dient, um Ruhe zu bitten, sondern von dort an alle Musiker, die es wagen, ruhige Lieder zu spielen, verhöhnt. Immer wieder die Frage in meinem Kopf: Wer geht den nur auf ein Festival, dessen Musik er nicht mag? Alexi Murdoch bekommt diese Schlangengrube stillgelegt, auch wenn Okkervil River gut hörbar von der Hauptbühne herüberschwappt und man sich enttäuscht fragt, warum nach so vielen Jahren noch nicht zwei Lautstärken aufeinander abgestimmt werden- er überragt alle Probleme und Zweifel. Das Licht ist weit heruntergedreht.
Natürlich haben viele gute Bands gespielt auf diesem Haldern Pop, es gäbe über jede etwas zu sagen aber es waren diese zwei Menschen, die wirklich erschütternd schöne Konzerte gespielt haben. Am Samstag kommt also Shara Worden auf die Bühne und verschluckt das Publikum. Sie ist den Tränen nah, als sie vom Tod von Laurie Andersons Mutter erzählt, reißt kurz darauf die Augen auf und sagt „Most of these songs I never played solo. So tonight is gonna be DANGEROUS!“, lacht dann laut, verspielt und ärgert sich kurz, und so klein sie auch ist, so groß spielt sie auf, ganz allein mit sich und dem Rest der Welt. Sie spielt mit dem Publikum, sie setzt sich eine Puppenmaske auf und tanzt, als wäre sie auf einmal durch einen anderen Charakter ersetzt worden, dann steht sie wieder da als wäre nichts gewesen und spielt die ihr manchmal unumgängliche E-Gitarre. Nach dem Konzert ist alle Energie wie weggeblasen, und manche sacken vor Erschöpfung am Zeltrand auf den Dielenboden. Das Holz quietscht, manche Bretter sind lose, man möchte die gewonnen Schätze sofort darunter verstecken, bevor sie verblassen. Das ist das Besondere am Haldern: Teilweise unschätzbar wertvolle Musik an einem außergewöhnlichen Ort, im Kreise der Familie.

Und auch wenn es mit der Familie eben manchmal schwer ist und man von Zeit zu Zeit sehr unzufrieden ist, so sind es all diese Momente, die einem bewusst machen, wie furchtbar glücklich man doch sein kann, einander zu haben. Der größte Unterschied zu anderen Familien: Diese hat man sich ausgesucht. Und man hat es gern getan.
Ein Kommentar
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linne am 02.09.2011 um 21:23 UHR
super text.