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Haldern Pop Festival 201113.08.2011 // Rees – Haldern

Schon erstaunlich wie die Festivalmacher um Stefan Reichmann Jahr für Jahr die perfekte Balance zwischen hoffnungsvollen Newcomern, angesagtem Hype und bereits etablierten Acts finden, die das Haldern Pop Festival zu einem Mekka nicht nur für trendgeschulte Independent- Jünger werden lässt. Restlos vergriffene Tickets bereits im Januar sprechen eine deutliche Sprache, auch wenn das Line Up in diesem Jahr nicht unbedingt mit den ganz großen Namen aufwarten konnte.

Nicht ganz so ausbalanciert präsentiert sich in diesem Jahr hingegen das Wetter am Niederrhein. Dieses wollte sich nicht so recht entscheiden zeigte sich in seiner ganzen Bandbreite von strahlend schwülem Sonnenschein bis hin zur kräftig andauernden Regendusche.

Der Donnerstag, traditionell dem Spiegelzelt vorbehalten, bot dann zunächst das gewohnte Bild. Eine schier endlose Schlange vergeblich auf Einlass Hoffender formierte sich schnell vor dem Zelteingang und das obwohl in diesem Jahr erstmals neben der Halder Pop Bar auch die örtliche St Georg Kirche, in der am Nachmittag das Haldern Pop Records Signing Isbells das Festival eröffnet hatten, paralleles Programm boten. Dies konnte den Unmut der teils in strömendem Regen wartenden Besucher nur unwesentlich besänftigen, so dass wiederholt der Ruf nach einer zweiten Bühne bzw. dreitägiger Öffnung der Mainstage laut wurde.

Wer es dann doch in die verspiegelte Spielstätte geschafft hatte, wurde mit dem Auftritt der Londoner Yuck für die Wartezeit mehr als entschädigt. Den Briten um den stoisch gelangweilt dreinblickenden Frontmann David Blumberg passte das Retrogewand nicht nur optisch glänzend, ihr noisigerIndierock in bester Pavement / Dinosaur Jr. Manier versprühte auch musikalisch eine angenehme Prise 90er Nostalgie. Etwas weniger Drama hätte hingegen den opulent ausstaffierten Popsongs des polnischen Label Import Julia Marcell im Anschluss gut zu Gesicht gestanden. Wenig Raum fürkrtische Töne ließ dagegen der Auftritt der Avett Brothers. Innbrünstiger, voller Spielfreude dargebrachter Bluegrass-Punk verwandelte das wohl temperierte Spiegelzelt in eine muntere Square-Dance Arena, bevor Anna Calvi den ersten Festivaltag äußerst überzeugend ausklingen ließ. Wohl eine der letzten Gelegenheiten die schwer gehypte Britin mit der sonoren Gänsehautstimme und dem filigranen Gitarrenspiel noch einmal in intimen Rahmen zu sehen. Aber: Dieser wunderbar antiquierte Bluesrock, der in seiner Schwermut alte Heroen wie Scott Walker evoziert, gehört einfach auf die große Bühne.

Freitag. Zu nachmittägliche Stunde im Spiegelzelt mühen sich Bodi Bill im Spiegelzelt vergeblich die richtige Rave Stimmung zu verbreiten. Trotz gewohnt extravaganter Bühnendeko und unermüdlichem Sequenzer Gefrickel will sich das erhoffte Ravefeeling einfach nicht einstellen. Kein Wunder, bis Mitternacht sind es ja auch noch etliche Stunden. In der Folge shoegazen sich die Wild Beasts munter durch die 80ies, bevor die Antlers auf der Mainstage für erste Ernüchterung sorgen. Der von vielen heiß erwartete Auftritt der New Yorker gestaltet sich doch recht langatmig. Passend zur eintönigen Witterungskulisse, plätschert das wavelastige Indie-Set ohne große Höhepunkte irgendwie so dahin. Vielleicht hätte sich die Band um Peter Silberman vor ihrem Auftritt doch lieber etwas ausruhen sollen. Festival- Tourist Gisbert zu Knyphausen überzeugt derweil gewohnheitsrechtlich mit knackiger Bandunterstützung und alltäglicher Melancholie. Im Spiegelzelt stechen Dry The River aus dem überrepräsentierten Folk Genre des Festivals angenehm heraus. Das Wechselspiel aus emotionaler Tiefe und mitreißenden Uptempo Folk, vorgetragen in mehrstimmigen Harmoniegesang überzeugt die Anwesenden restlos, auch wenn sich die Band nicht unbedingt als Anwärter für einen Innovationspreis empfehlen kann.

Dann folgt der bisherige Höhepunkt des Tages. Die Texaner Okkervil River um den nur anfangs bebrillten Will Sheff verwandeln den Alten Reitplatz vor der Hauptbühne in ein kollektives Mitklatsch Areal. Mühelos gelingt der Spagat zwischen akustischer Ballade und fröhlich voranpreschendem Indie-Pop. Das macht Laune und reißt die Besucher schlagartig aus der bisweilen etwas eingetrübten Stimmung. Nachdem die Sehhilfe wieder an ihrem Platz sitzt, blickt der Protagonist jedenfalls in ein Meer aus zufriedenen Gesichtern.

Die skurrilste Begebenheit des Abends sollte jedoch noch folgen. Ein unfreiwilliger Wettstreit um die Gunst der Zuhörer im Spiegelzelt zwischen dem Songwriter James Vincent McMorrow und den parallel die Hauptbühne beschallenden The Wombats.Diese reihten ihre Indiediskotheken Hits in einer derartigen Lautstärke aneinander, dass sie McMorrows fragilen Falsettgesang im hunderte Meter entfernten Zelt im Keim zu ersticken drohten. Der junge Ire nahms jedoch gelassen, kokettierte schelmisch mit den widrigen Umständen und brachte schließlich „If I had a boat“ sogar gänzlich ohne Mikrofon dar. Auch wenn das keine sonderlich gelungene Idee war, landete der charismatische Ire spätestens mit dem „Wicked Game“ Cover einen klaren Punktsieg gegenüber seinen „Widersachern“.

Samstag. Dritter Tag in Haldern. Der Regen hält sich, Gummistiefel sind mittlerweile mehr als nur notwendiges Accessoire . Immerhin weist Destroyer am frühen Nachmittag Regen und trübe Gedanken zumindest kurzzeitig in die Schranken. Das achtköpfige Projekt um New Pornographer Dan Bejar ebnete mit introvertiertem Nostalgie-Pop den Weg für den sehnlichst erwarteten Auftritt von Shootingstar James Blake. Der dann leider einen ziemlich fahlen Nachgeschmack hinterließ. Die Melange aus Dubstep Elementen und feinsinniger Electronica wollte so gar nicht auf das Publikum überschwappen und ließ lediglich bei „Limit toyourlove“ aufhorchen. Sicher eine, wenn nicht die Enttäuschung dieser Veranstaltung!

Deutlich besser kam da schon Dan Mangan im Spiegelzelt an. Der Kanadier mit dem rauen Timbre unterstreicht seinen typischen Americana Sound mit der nötigen Prise Folk-Rock und bestätigt nochmals den hervorragenden Eindruck, den er unlängst beim Orange Blossom Festival hinterlassen hat. Auch so ein Kandidat, für den der diesjährige Auftritt im Spiegelzelt ein Karrieresprungbrett bedeuten sollte. Nein müsste. Zumindest könnte man sich den sympathischen Songwriter im nächsten Jahr gut auf der Hauptbühne vorstellen.

In der Folge wurde endlich einmal Schwerstarbeit an der Partyfront geleistet. Zunächst bringen LaBrass Banda mit von bayerischem Dialekt durchfärbter Weltmusik die Menge zum abfeiern, bevor Wir Sind Helden retrospektiv all die Hits ihrer bisherigen Alben aneinanderreihen. Songs wie „ Denkmal“ oder „Guten Tag“ lassen dann auch mal einsetzenden Dauerregen vergessen. Es schien zumindest so.

Nach diesem denkwürdigen, magisch- intimen Set von The Low Anthem im letzten Jahr im Spiegelzelt, konnte das Experiment die vier Indie- Folker aus Rhode Island dieses Mal zur Primetime auf der Hauptbühne zu platzieren eigentlich nur schiefgehen. Und so kam es auch. Vielleicht war das Publikum auch einfach nur zu malträtiert angesichts der wechselhaften Witterungsbedingungen der letzten Tage, aber das sparsam zurückhaltende Set wirkte recht verloren auf der großen Bühne und vermochte kaum den Zauber des letzten Jahres zu wiederholen.

Kurz bevor sich das Haldern Pop zum Endspurt aufschwang, folgte dann doch noch ein ausgesprochenes Highlight. Warpaint, das Girls Quartett aus Los Angeles verzauberte mit dicht verwobenen, hypnotisierenden Songs, die auf vertrackten Gitarrenlinien basieren und sich von treibender Postpunk Rhythmik schwermütig treiben lassen. Nicht wenige halten den Auftritt schließlich für den besten des gesamten Festivals. Zu Recht. Immer noch geflasht war es nun an der Zeit sich dem eigentlichen Headliner des Abends, den Fleet Foxes zu widmen. Diese werden ihrer Rolle als Speerspitze der Neo-Folk Bewegung durchaus gerecht und präsentieren in solider Manier zarte Folk Perlen aus längst vergangenen Zeiten. Perfekte Harmonien lassen einen auf sanfter Psychedelica in die Nacht gleiten oder vielleicht doch noch zu den Explosions in The Sky.

Das wars für dieses Jahr. Man sieht sich 2012. Bestimmt.

13.08.2011 // thorsten
 

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