Appletree Garden Festival 201126.07.2011 // Diepholz – Bürgerpark
"Am Samstag endete die Karriere der Amy Winehouse", schreibt Spiegel Online, in Norwegen zeigte bereits am Freitag Rassismus seine verwirrte und hässliche Fratze und an der mecklenburgischen Ostsee wird in letzter Minute ein Festival abgesagt, weil das Wetter vollends durchdreht. Wer auf dem Weg zum Appletree Garden noch über den abseits der Zivilisation erscheinenden Ort Diepholz lästerte, könnte sich nun also sicher sein, alles richtig gemacht zu haben.

Man benötigt bis dato nicht einmal Grundkenntnisse in Wahrscheinlichkeitsrechnung, um diese wenig gewagte These zu untermauern. Doch das Fest unter sehr vielen Eichen, Buchen, Lichterketten, Seifenblasen, Konfetti und tatsächlich ein paar Apfelbäumen hat eine höllische Antithese gar nicht nötig, um selbst einmal mehr als Fanal der Friedfertigkeit zu bestehen. Gutmenschentum zeigt sich den über 3000 Besuchern hier bereits im luftigen Einlassbereich oder mit dem besten Kaffee der Welt auf der Zunge, einer erstmals zweiten Bühne, die nicht in ein Zelt gezwängt wurde und dem Verkauf von Becks-Flaschenbier (!) auf dem grünen Gelände ohne nennenswerte Reste von Scherben als Resultat.

Unspektakulär, und nur anfangs mit kleineren Strompatzern, verläuft zunächst der Freitag. Und das ist angesichts der Einleitung ja schon eigentlich das bestmögliche Resultat unter dem weitestgehend grau-trockenen Himmel. Moss aus dem nahen Holland springen für die verhinderten Champions ein, Go Back To The Zoo werden von wirren Botschaften auf niederländischen Pappplakaten begrüßt und "liefern ab", wie es sich für einen fortgeschrittenen Nachmittag gehört. Erste (gewollte) Disharmonien bringt Fee Kürten aka Tellavision mit auf die Picknickdecke. Passend zu den erzeugten Geräuschstrukturen ist der Boden vor der kleineren Bühne locker, etwas steinig und entbehrt an dieser Stelle jeder Idee von frischem grünen Gras. Beat!Beat!Beat! leiten fast ein wenig zu routiniert in den beginnenden Abend über, den The Black Atlantic eher gut abgehangen, Bombay Bicycle Club und die Elektro-Dänen When Saints Go Machine akkurat für das Finale mit den gewohnt hedonistischen Metronomy ebnen.

Wer sich von den Weltnachrichten weiterhin nicht irritieren lässt, beginnt Tag Zwei mit dem sympathisch-dauerverstrahlten Tim Neuhaus. Seine Band muss zwar ihren Schlagzeuger kurzfristig ersetzen, kompensiert den Umstand allerdings mit viel Gelassenheit. Trotzdem man sich beim Soundcheck von einem Nacktfoto-Projekt des Fotografen Gerrit Starczewski förmlich überfallen sah und für die kleine Runde hüllenloser Menschen einen Vorab-Song spielte. Who Knew bewegen, die Isbells verzaubern, Retro Stefson springen und hüpfen als gäbe es morgen keinen Hype mehr, Die zauberhaft spröde Kat Frankie und der Loopgenerator werden keine Freunde an diesem Tag und Bodi Bill fällt ein Mikro von der Stirn, bevor das Set sich zum Ende hin in Fulminanz ergeht und der Dynamik ihrer Studioaufnahmen einmal mehr weniger reduzierte Melodien und mehr Tanzwut schenkt.

Pause? Warum?! Future Islands kommen doch unmittelbar darauf als Union aus milder Henry Rollins-Attitüde und stoischen, frühen Depeche Mode. Die Post-Waver aus Baltimore arrangieren sich in einem steten Zweikampf mit dem Tontechniker, nehmen es jedoch gelassen und streichen den Tagessieg ein. Im Winter wird es ein Wiedersehen geben. Sie freuen sich. Dass danach mit Hundreds (stehen freiwillig gerne auf eher dunkler Bühne) und Junip (stehen beim ersten Stück unfreiwillig auf sehr dunkler Bühne) eine sichere Bank den Abend abrundet, war abzusehen. Johnossi kann man danach noch als Rauskehrer auf die Bühne stellen, muss man aber nicht.

Zurück in die richtige Welt wollen hier ohnehin die wenigsten jetzt. Das ändert auch die einsetzende nasse Kälte am Ende nicht wirklich. Amy Winehouse, Rassismus, ein abgesagtes Festival: Auf dem Weg vom Appletree Garden zurück in die Zivilisation kehrt der Alltag nur ganz sachte zurück.
Weitere Fotos gibt es hier.





















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