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Orange Blossom Special 201112.06.2011 // Beverungen – Glitterhouse Garten

Zu Hause bei Freunden.

Bei der Beschreibung kleiner, der Gigantomanie trotzenden, Festivals wird ja immer wieder gern der „familiäre“ Charme solcher Veranstaltungen besonders heraus gestellt. Wie es allerdings tatsächlich anmutet, sich im Kreise Gleichgesinnter wohlig empfangen zu fühlen, erlebt man eigentlich nur im liebevoll ausstaffierten Garten der Glitterhouse Villa im beschaulichen Beverungen. Jahr für Jahr stellt Festival Urgestein Rembert Stiewe dort ein exquisites Line- Up zusammen, was ihm und seinem Team nicht nur die Anerkennung der auftretenden Künstler, sondern auch eine treue, immer wiederkehrende Fangemeinde beschert. Kaum überraschend, dass an diesem Wochenende, nebst Dutzender Hasenohren, auch wieder einige selbstgefertigte T-Shirts gesichtet werden, die dem gesamten Glitterhouse Team ehrlich empfundene Dankbarkeit für dieses wunderbare Festival ausdrücken. Zu Recht.

Denn auch, wenn trotz verstärkter Hasenpräsenz an Pfingsten überraschenderweise kein einziges Osterei aufzufinden war, gab es doch wieder einige musikalische Feinheiten zu entdecken.

Konzentrierte sich das OBS in seinen Anfangstagen noch eher auf die Roots/Americana Schiene, so wurde auch in diesem Jahr, die in jüngerer Vergangenheit eingeläutete stilistische Bandbreitenöffnung weiter kultiviert, mit der Folge, dass der kleine Ort im Weserbergland mittlerweile auch festes Ausflugsziel für ansonsten eher genrefixierte Indiepruristen geworden ist. Nichts desto trotz liegt der Fokus beim OBS nach wie vor auf anspruchsvoller Singer /Songwriter Kunst, wenngleich auch Freunde breitbeinigen Northern- Poserrocks mit ehrlicher Gitarrenarbeit, wie ihn die Schweden von Hellsingland Underground am Freitag darboten, nunmehr auf ihre Kosten kommen. Mit Golden Kanine einem der Abräumer des letztjährigen Festivals, sollte der erste Abend in einem bunten Meer aus Knicklichtern enden. Zuvor hatte das schwedische Quintett mit seinem temporeich- opulenten Folkrock ala Mumford und Söhne das Publikum nach etwas Anlaufschwierigkeiten schnell auf die schon traditionelle Aftershow Party im Stadtkrug eingestimmt. Der engagierte Versuch jeglichen Schwermut, der kennzeichnend für ihr Studiomaterial ist, einfach mal mit Unterstützung der Bläser Combo der Great Bertholinis wegzufegen, traf allerdings nicht unbedingt den Geschmack aller Anwesenden. Dennoch ein würdiger Abschluss des musikalischen Teils des ersten Festivaltages.

Der Samstag wartete mit einem, dem geneigten OBS Besucher alles andere als unbekannten, Surprise Act auf. Die mittlerweile Wahl- Berliner Washington hatten sich kurzerhand, nach quasi schon vollzogener Bandauflösung, entschlossen doch Material ihrer im Herbst erscheinenden Platte vorzustellen. Dies bewegte sich zu“ nachtschlafener“ Zeit auf gewohnt wavelastigen Leidenspfaden gespickt mit emotionalen Ausbrüchen von Frontsänger Rune Simonsen.

Ähnlich melancholisch präsentierte sich die dänische Songwriterin Marie Fisker, die umweht vom Geist der Unnahbarkeit, ihre Songs in schier endlosen Velvet Underground-artigen Feedback Schleifen zu verbergen wusste. Vollkommen gegensätzlich auf ganz leisen Sohlen zog die Amerikanerin Emily Jane White in der Folge das Auditorium mit balladesken Folk Perlen in ihren Bann. Gänzlich in ihre Musik versunken, präsentierte die junge Dame von natürlicher Würde getragene, bittersüße Lieder vom Scheitern bis hin zur Depression, die sicherlich einen der emotionalen Höhepunkte des Wochenendes bildeten. Vergleiche mit Cat Power sind hier keineswegs zu hoch gegriffen. Aufgrund der Homogenität des Songmaterials konnte man sich jedoch gerade im Festivalkontext des Eindrucks einer gewissen Langatmigkeit nicht erwehren.

Dan Mangan der grundsympathische Songwriter aus dem kanadischen British Columbia konnte den Vorschusslorbeeren, die ihm u.a. sein Szene Hit „The indie queens are waiting“ eingebracht hatten, vollends gerecht werden und muss zwingend als eine der Entdeckung des diesjährigen OBS angesehen werden. Mal balladesk, mal mit Uptempo Folk- Rock Nummern überzeugte er vollends und schaffte es bei „Robots“ sogar die versammelte Festivalgemeinde zu einem einzigen gewaltigen Resonanzkörper zu verschmelzen.

Ex 16- Horsepower Slim Cessna brachte mit seinem Auto Club dann deutlich mehr als 16 Pferdestärken auf die Bühne und heizte dem Publikum in wilder Prediger Manier dermaßen ein, dass er am Ende des Sets vermutlich auch den letzten Zuhörer zu seiner abgefahrenen Mixtur aus Southern-Gospel Rock bekehrt hatte. Im Anschluss musste unser liebster Liedermacher Gisbert zu Knyphausen als Headliner, und sicher auch einer der Publikumsmagneten, die Gemüter erst einmal wieder etwas beruhigen, was ihm mit seiner leidenschaftlich charmanten Art wie immer spielerisch gelang. Der dringlichen Melancholie von Songs wie „Kräne“ oder „Seltsames Licht“ kann man sich nun einmal einfach nicht entziehen und Freiherr von Knyphausen stellte eindrucksvoll unter Beweis, wie gut die Songs dank ausgefeilter Arrangements auch im Bandkontext funktionieren. Nicht erst seit diesem Auftritt ist Gisbert kaum mehr aus der ersten Liga der deutschsprachigen Songwriter wegzudenken.

Der abschließende Sonntag hätte gewissermaßen auch unter dem Motto „in 12 Stunden um die Welt“ stehen können.

Das unglaublich charmante Berlin/ Leipziger Duo Florian Sievers und Claudia Göhler aka Talking To Turtles (live zum Quartett aufgestockt) verzauberte zum Auftakt mit zauberhaft schüchternem Indie/Folk-Pop, fein akzentuiert durch Glockenspiel und Siever’s fragiles Gesangsorgan, das durchaus in einer Liga mit Connor Oberst anzusiedeln ist. Das Publikum zeigte sich jedenfalls sehr angetan und feierte eine weitere Entdeckung des diesjährigen Festivals.

Glitterhouse Afrika Import Tamikrest entführet danach in die heiße Wüstenlandschaft Mali’s und hypnotisierte mit Trommel- dominiertem Psycho- Tuarek Rock, bevor die Isländer Who Knew den gesamten Glitterhouse Garten in eine riesige Tanzfläche verwandelten. Entgegen der vorherrschenden isländischen Mentalität servierte das Sextett fröhlichen Synthie- geschwängerten Gitarrenpop, der sich in mehrstimmigen Falsettgesang steigert. Wirbelwind Armann Ingvi Armannsson bewieß dabei zum einen enorme Ausdauer (ne Stunde wildes herum hüpfen fordert bei solchen Witterungsbedingungen normalerweise irgendwann seinen Tribut) zum anderen , dass er den Hang zur großen Geste keineswegs scheut.

Das kanadische Duo Madison Violet lieferte in der Folge Balsam für die Seele. Brenley Mac Eachern und Lisa Mac Isaac zelebrierten, begleitet nur von einem Kontrabassisten, herzergreifenden Country/Folk-Pop mit gesteigertem Bluegrass Anteil, der seine Stärken aus dem traumhaften Harmoniegesang zog. Das erinnerte in den Gesangspart bisweilen an die Schweden Schwestern von First Aid Kit, die sich in ähnlichen engelsgleichen Harmoniesphären aufhalten. Nebenbei gaben sich die charmanten Jungen Damen alles andere als wortkarg und überbrückten die Songpausen mit allerlei unterhaltsamen Anekdoten aus ihrer Jugend. Klarer Sympathiebonus.

Zu den OBS Veteranen The Great Crusades – mittlerweile zum 6. Mal dabei- muss eigentlich nicht mehr viel gesagt werden. Ihr gewohnt energetisches, dreckiges Rockset traf genau den Nerv der Zuschauer, was nicht zuletzt daran gelegen haben dürfte, dass die Fans im Vorfeld bei der Setlistgestaltung ein bedeutendes Wörtchen mitzureden hatten. Nach dieser ausgelassenen Party stellte es für das Young Rebel Set eine besondere Herausforderung dar dieses Stimmungshoch aufrecht zu erhalten. Der rollende“ Irish” Pub aus Stockton on Tees meisterte diese Aufgabe jedoch problemlos. Ihr gradlinig „ hemdsärmeliger“ Country-Rock, der bereits veritable Hits wie „If I was“ oder das von Rembert hoch geschätzte „Lion’s mouth“ hervorgebracht hat, entlockte auch dem hartnäckigsten Tanzbodenverweigerer ein Zucken im Knie. Matty Chipchase’s Whiskey- gestähltes Reibeisen pendelte dabei galant zwischen Dylan, Springsteen und dem Besoffski- Folk der Pogues und versprühte ehrlich bodenständige Arbeiterklassenromantik. Das kommt an. YRS sind und bleiben halt die prototypische Liveband.

Als letzter musikalischer Act betraten dann Holmes aus Schweden die kleine Glitterhouse Bühne. Die gelungene Melange aus Americana Elementen und skandinavischer Schwermütigkeit evozierte bisweilen Vergleiche mit Jason Molina und sorgte jedenfalls für einen würdigen Ausklang des Jubiläumsfestivals.

Im Anschluss an das Konzert versammelte sich dann noch einmal die komplette „Hasenbande“ auf der Bühne und brachte dem gerührten Rembert ein Dankesständchen für 15 Jahre lohnender Arbeit. Good job. Ein schöneres Ende hätte das 15. OBS kaum nehmen können. You’re at home baby!

P.S. Wer sich auch mal einen visuellen Eindruck vom 15. OBS machen möchte, dem sei die WDR- Rockpalast Aufzeichnung ans Herz gelegt, die in der Nacht vom 31.07. auf den 01.08.2011 ausgestrahlt wird.

12.06.2011 // thorsten
 

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