Pop Up21.05.2011 // Leipzig – Verschiedene Locations
Man muss schon genauer hinsehen, um die Leipziger Pop Up in ihrem Jubiläumsjahr zu bemerken. Die gemeinschaftliche Atmosphäre, die in den vergangenen Jahren durch die tagsüber stattfindende Messe fast ein Selbstläufer war, blieb dieses Jahr leider über weite Teile aus. Grund dafür war ein mangelndes Interesse von Ausstellern, wie es Anfang April in einer Pressemitteilung bekannt gegeben wurde:
„Musikmacher wollen diese Art Plattform offensichtlich nicht mehr oder können sie sich nicht mehr leisten, zumindest in unserer "Zielgruppe".“
Die Organisatoren waren damit mehr oder weniger gezwungen sich auf die Veranstaltung von drei Podiumsdiskussionen, zwei Filmvorführungen und natürlich den beiden Konzertabenden zu beschränken. So muss es eigentlich überraschen, dass diese mit ca. 2000 Besuchern ein positives Resümee ziehen konnten. Denn wenn es auch ganz fraglos ist, dass man dem Engagement der Menschen, die dieses Festival nun schon seit einem Jahrzehnt auf die Beine stellen, unbedingt eine Belohnung (zumindest aber die Vermeidung roter Zahlen) wünscht: Das Connewitzer Kreuz wirkte dieses Jahr etwas leer.
Fast schon programmatisch wirkte auf lakonische Art deshalb der Titel des ersten Panels „Neue Herausforderungen für Musikvertrieb und -vermarktung“. Die Diskussionsbeteiligten, die sich in ihrer Arbeit mit alternativen Vertriebsstrategien auseinandersetzen und von denen keiner von diesem Job alleine seinen Unterhalt bestreiten kann, sind sich relativ einig: Die Interaktion von Musiker und Fan wird immer entscheidender. Auffällig im Widerspruch zu der nach wie vor gültigen Forderung nach der Authentizität des Künstlers, steht die Aufgabe rentabler Musik, sich selbst die Fangemeinde zu kreieren, zum Beispiel durch Konzepte wie Crowdfunding, wo musikalische Projekte durch Spenden realisiert werden, der Fan an der Entstehung der Musik also direkt beteiligt und zum individualisierten Hörer wird.
Genau ein solches Projekt half auch der ersten Band bei der Finanzierung ihrer aktuellen EP. Das ortsansässige Trio A Forest eröffnet musikalisch das Festival mit atmosphärischen Electronica-Ausflügen und dem eingängig-konstrastvollen Duett der beiden Stimmen von Franziska Benkert und Fabian Schuetze. Nebenan im UT Connewitz präsentiert die kurzfristig für Anna von Hauswolff eingesprungene in Berlin lebende Italienerin Missin Cat ihre ruhigen, auf viel Niedlichkeit setzenden Songwriter-Skizzen, die eigentlich nicht mehr als den Fakt einer weiblichen Sängerin mit der anschließend folgenden Musik von Chinawoman gemein hat. Die Kanadierin, Tochter einer russischen Ballerina, der sie eines ihrer schönsten Lieder gewidmet hat, verbindet trockene New Wave-Gitarren mit einer Schwermut, die ihr seit Erscheinen ihres Debüts mit dem, ohne die Musik zu kennen, ziemlich irreleitenden Titel „Party Girl“ in Osteuropa eine große Beliebtheit eingebracht hat. Wenn der musikalische Ausklang auf der alten, eindrucksvollen Theater-Bühne des UT so distanziert wie möglich schon seinen frühen Ausklang findet, durfte man zurück im Werk II mit sehr vielen, sehr jungen Isländern fast das genaue Gegenteil erleben. Afro-Pop leuchtet unter einer allzu großen und schillernden Disco-House-Kugel auf, wird von Metal-Anleihen flankiert und mit jugendlichen Animationsversuchen immer wieder versucht ins Publikum zu tragen. Was im „Wall of Love“ kulminiert ist die grenzenlose Euphorie von Retro Stefson, die vergangene Woche ihr zweites Album „Kimbabwe“ veröffentlichten. Nicht weniger eindrucksvoll, dafür ohne den juvenilen Hüpfzwang, sind die Energie-Ausbrüche von Bored Man Overboard, die zu siebend auf der winzigen, das Konzert allerdings umso intensiver wirken lassenden, Bühne des Ilses Erika zusammengepfercht sind. Die liebenswert dankbaren Schweden geben das überraschendste und wahrscheinlich schönste Konzert des Festivals. Wer ein Herz für latent destruktive Melancholie im Stil von „Black Sheep Boy“ hat, sollte sich nach ihnen umsehen; wer sie sah, der konnte es die ganze Nacht auf sich wirken lassen.
Ausgeruht und wieder aufnahmefähig erwartet ein gefühlsmäßig gewachsenes Publikum am nächsten Tag nach den Panels zu den Themen „Erwachsenwerden in der Popkultur“ und „Laptops auf der Bühne“ der Auftritt von Me Succeeds aus Hamburg. Das sympathische Trio versteht es wieder einmal zu verzaubern mit seinen verschiedenen Gratwanderungen: zwischen Zurückhaltung und Aggression, Skizzenartigkeit und wohl überlegtem Nachdruck, einem Lächeln nach innen und nach außen. Das mit Spannung erwartete Konzert von Animal Collective aus New York im Anschluss, die zehn Tage vor Festivalbeginn noch für die Pop Up gewonnen werden konnten, bewies dagegen leider hauptsächlich, dass auch eine fantastische Bühne, wie die des UT Connewitz, es nicht vermag, jeder Band eine gute Ausstrahlung zu verleihen. Die Intimität, auf die man sich hätte freuen können, vergrößerte nur den Abstand zwischen einer souverän lauter neue Stücke spielenden Band und dem Publikum, das ohne hörbare Rhythmik und Melodik etwas verloren war und wenn überhaupt, dann nur einzeln vor sich hin wackelte. Legen sich auf den Alben der Amerikaner die zahlreichen verschiedenen Schichten, aus denen sich ihr tapfer verteidigter Avantgardismus zusammensetzt, noch unterscheidbar und subtil übereinander, entspricht der Live-Eindruck eher einer chaotischen Karusselfahrt, bei der es gleichzeitig in jede Richtung geht.
Mit einer dazu fast entgegengesetzten Geradlinigkeit toben die Kölner MIT ihr ganzes Konzert auf der luxuriös abgedunkelten Bühne. Kann man ihnen die fahrlässige Zerstörung der Zuschaueraugen durch beinahe konstantes Stroboskop-Geschieße auch sehr zu Lasten legen, geben sie dafür einen von einigem bandeigenen Progress zeugenden Auftritt, der sie wie eine Rakete über die Ruinen der neuen deutschen Welle trägt.
Schade nur, dass es nicht so viele mitbekommen haben.





















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