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Swans18.05.2011 // Leipzig – Centraltheater

Die Hagia Sophia ist eine Moschee, die für ihren architektonisch beeindruckenden Kuppelbau berühmt ist. Vier mal ist diese Kuppel bisher eingestürzt, und jedes Mal waren ein Erdbeben und die falsche Konstruktionsweise Gründe für ihre Zerstörung. Jetzt wurde aus statischen Gründen Stützmauern um die Kuppel herumgebaut, ein verzweifelter Versuch, den Prestigebau vor einem erneuten Einsturz zu schützen.

Aber hätten Swans eines ihrer Konzerte in der Moschee gespielt, keine Konstruktion der Welt hätte diesen Abend sie schadlos durch das Konzert bringen können. Und das beweist die Band eindrucksvoll bei ihrem Auftritt im Centraltheater Leipzig.

Als das erste Klingeln die Besucher langsam auf die Plätze ruft, ertönt schon der erste Ton von der Bühne. Manche verlassen aber gerade jetzt den Saal, zurück zum Einlass, wo Oropax verteilt werden. Der Mann am Einlass hatte nur gesagt: „Es wird sehr, sehr laut.“ Glaubt dem Onkel. Dieser erste eine Ton erklingt verdammt lang. Und er ist verdammt laut. Von Anfang an scheint es so, als solle das Publikum bestraft werden dafür, dass es sich tatsächlich auf dieses Konzert gewagt hat. Nach einer halben Ewigkeit kommt Christoph Hahn auf die Bühne und beginnt, auf seiner Autoharp zu spielen.

Einen Ton. Man hört also insgesamt schon zwei. Es sind schon fünf Minuten. Die Laustärke betäubt sogar das Wachs in den Ohren. Und die Zeit rast. Nach und nach erscheint die Band auf der Bühne, und Thor Harris schlägt die sakralen Umrisse einer Glockenmelodie auf ein paar Stahlplatten. Man hatte mir vor dem Konzert gesagt, dass Fotos nicht erlaubt wären, und ich hatte eine eindrucksvolle Bühnenshow erwartet. Aber die läuft im Kopf ab. Ganz plötzlich erscheint eine Szenerie vor dem inneren Auge. Eine kleine Stadt in der Wüste, gegen Abend. Plötzlich bebt die Erde, und die ersten Spalten ziehen sich durch den Boden. Nur eine Kirche läutet verbissen wachsam eine Warnung in den Lärm. Doch der breitet sich rasend schnell aus, und als schließlich auch Sänger Michael Gira auf der Bühne steht, explodiert alles. Die Häuser der Stadt stürzen eins nach dem anderen in die aufreißenden Schluchten hinab, bis nur noch die Kirche übrig bleibt, über einer klaffenden Tiefe hinweg klingt ihr Glockenspiel hohl und lächerlich. Und dann bricht die Erde auch unter ihr weg, und der Lärm überschlägt sich. Wer die Augen aufmacht, sieht Menschen unterschiedlichsten Alters und ganz sicher auch unterschiedlichen Musikgeschmacks gleichermaßen erschlagen von dem Ungreifbaren, an dem sie teilhaben. Der musikalische Weltuntergang dauert knappe zwanzig Minuten, bis die erste Stille sich in den Saal zurückkämpft. Zwar ist es nicht die Hagia Sophia, in der das Publikum sitzt, aber dass das Centraltheater dieses Lied überstanden hat, ist angesichts der lebendigen Bilder im Kopf ein schieres Wunder.

Es sind nur die ersten zwanzig Minuten eines langen Abends, dessen Ende das Publikum trotzdem viel zu früh trifft. Eines Konzertes, das nicht weiter zu beschreiben ist. Und vielleicht ist darum mit diesen ersten zwanzig Minuten auch schon genug gesagt. Und so subjektiv, wie diese Review bisher war, endet sie auch: In einer Zeit, in der man sich theoretisch hunderte neue Bands am Tag im Internet anhören und so ganz schnell von Musik übersättigt sein kann, hat dieses Konzert Großes geleistet. Es hat alle Unzufriedenheit in die Luft gesprengt und den Punkt markiert, an dem man die Möglichkeit hat, sich neu zu ordnen. Denn ich wusste gar nicht, dass man so überhaupt Musik machen kann. Es ist beinahe, als hätte ich ein neues Stück Land entdeckt.

18.05.2011 // timm
 

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