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Sufjan Stevens07.05.2011 // Berlin – Admiralspalast

"Guten Abend, mein Name ist Siegfried Stevens und ich spiele Musik aus ganzem Herzen". Mit einem Augenzwinkern formulierte ein merklich gut aufgelegter Sufjan Stevens diese Begrüßungsformel ans Berliner Publikum auf Deutsch und läutete einen Abend ein, der noch des öfteren zum Schmunzeln einladen sollte. Dabei demonstrierte der sympathische Wahl-New Yorker in jeder Sekunde des zweieinhalb stündigen Sets, dass sich unter dem leuchtenden Neon-Audruck seines Outfits ganz ohne Frage ein Herz verbarg, das spürbar mit jedem seiner Songs verbunden war. Vor einem rappelvollen Saal läutete er mit "SEVEN SWANS" und großen, ausgebreiteten Engelsflügeln auf dem Rücken eine Show ein, die wohl nur adäquat mit einer Reihe von Superlativen beschrieben werden kann. Von einem sternschnuppenartigen Regen begleitet, bei dem Unmengen an Lichtpunkten auf den Bühnenboden herab fielen, wurde das Publikum sanft auf das folgende Spektakel eingestimmt.

Dass dem Zuschauer Großes bevor stand, war auf klanglicher Ebene zu erwarten, doch bestätigte sich diese Annahme auch in visueller Hinsicht. So wurde der Auftritt unter anderem durch aufwändige Video-Projektionen, schillernde Laser-Schauspiele, ausgefallene Bühnenbilder und sogar zwei Tänzerinnen/Sängerinnen abgerundet. Alles in allem Dimensionen, die auf dem Papier nicht unbedingt dem klassischen Singer-Songwriter-Bild auf der Bühne entsprechen. Dimensionen, die ein Sufjan Stevens jedoch angesichts seines künstlerisch breiten Wirkungsgrads bestens auszufüllen vermag. Mit "The Age Of Adz" hat er seinem musikalischen Schaffen erneut eine weitere Facette hinzugefügt und sein Streben nach Innovation zum Ausdruck gebracht. Die auf dem Album zumeist groß angelegten Arrangements bedurften auch bei der Umsetzung auf der Bühne einem Rahmen, dessen Ausmaß etwas weiter gespannt werden musste. So versammelte sich gleich eine ganze Schar von Musikern um das Scheinwerferlicht und sorgte im Verlauf des Abends für ein imposantes, akustisches Erlebnis bei dem man stellenweise fast in seinen Sitz gedrückt wurde, diesen Moment aber gleichzeitig bewusst genoss.

Die Konzeption der Show machte deutlich, dass Sufjan Stevens bei der Planung mit so viel Eifer dabei gewesen sein musste, dass es fast nichts gab, was ihm dabei nicht im Ideenwahn untergekommen war. Mit viel Liebe zum Detail, einem ausgeprägten Sinn für Humor und der Vorstellung, dass nichts unmöglich oder unversucht gelassen werden sollte, tobte sich der jugendlich wirkende Protagonist des Ganzen mit einer gehörigen Portion Elan bis zum Anschlag aus und das konnte sich sehen lassen. Ob einstudierte Choreographien im Einklang mit seinen beiden Backing-Sängerinnen, die ihm so lässig von der Hand gingen wie die Akkorde auf der Gitarre, spontane Tanzeinlagen, zusätzliche Kostümwechsel oder auch künstliche Stimmeffekte - mit jedem weiteren Song wusste die farbenfrohe Darbietung auf's Neue zu überraschen und wanderte ein Stück weiter in Richtung Musiktheater oder gar Pop-Musical. Und dennoch gelang es Sufjan Stevens auf wundersame Weise seine Glaubwürdigkeit nicht in den Wind zu pusten, auch wenn man sich stellenweise herrlich über seine Aktionen amüsieren konnte. Der Wind war ausnahmslos für den Konfetti-Beschuss bestimmt, der die Zuschauer zu späterer Stunde in buntes Papier hüllen sollte. Man muss wohl von einem Kunststück sprechen, wenn man auf die Tatsache blickt, dass musikalische Gegensätze an diesem Abend so wunderbar miteinander harmonierten. Wurde in einem Moment noch durchaus wild die Ausgelassenheit par excellence zelebriert und die Atmosphäre war im hohen Maße aufgeladen, wurde man einige Minuten später durch ausnahmslos schlichte Interpretationen berührt, deren Größe sich allein in ein paar Akkorden auf der Gitarre oder am Piano und Sufjans klarer Stimme widerspiegelten. Beides miteinander zu vereinbaren war gewiss keine leichte Aufgabe, schien den Akteuren auf der Bühne aber keine Probleme zu bereiten.

Zwischendurch blieb hier und da sogar noch Zeit für kleine Ansprachen des Ausnahmekünstlers. Auch bei diesen blitzte dessen Sinn für Humor des öfteren durch, selbst wenn er offenherzig von den emotional schwierigen Auseinandersetzungen mit sich selbst während des Schreibens der Songs sprach. Sogar ein kurzer, improvisierter Vortrag über den von ihm sehr geschätzten Royal Robertson aus Louisiana fand seinen berechtigten Platz im Set und bot einige Hintergrundinformationen zu dem Mann, der hinter dem Artwork von "The Age Of Adz" steckt. Überhaupt wurde genau dieses Album mit viel Aufmerksamkeit bedacht und es fanden sich bis auf kleine Ausnahmen fast alle Songs darauf auch im Live-Set wieder. Selbst das abschließende, 25-minütige "Impossible Soul" wurde gebührend gefeiert und sorgte für ekstatische Zustände im Saal. Sufjan Stevens mit Sonnenbrille im schillernden Kostüm, einer Mischung aus Discokugel und Diamant, und ein wirbelndes Treiben aus Konfetti in der Luft - spätestens zu diesem Zeitpunkt mochte niemand mehr länger das Sitzpolster wärmen und knapp 1,750 Menschen riss es mit aufgescheuchtem Endorphinhaushalt zum Tanz auf die Beine.

Als wenn nichts gewesen wäre, erschien Sufjan für die Zugaben allein, in Zivilkleidung und zunächst mit zwei Balladen, wie z.B. "John Wayne Gacy, Jr.", zurück auf der Bildfläche, wobei eine andächtige Stille die zuvor herrschende Euphorie ablöste. Zum Abschied gesellte sich zum letzten Mal die ganze Band dazu und versetzte die Zuschauer mit einer bezaubernden Fassung von "Chicago" in allgemeines Entzücken. Nicht nur die vielen bunten Luftballons glitten erst von der Decke hinab und dann eifrig von einer Hand zur nächsten, sondern auch der Gesang aller Anwesenden schwebte harmonisch mit Sufjan und dem Chor durch den Raum bis das letzte Mal die Zeile "All Things Go, All Things Go" etwas wehmütig verklang. Auch die guten Dinge gehen leider irgendwann einmal zu Ende. Im Fall von Sufjan Stevens wünschte man jedoch, es wäre nicht so.

07.05.2011 // annett
 

Ein Kommentar

hanswulf am 13.05.2011 um 23:13 UHR

und ich wünschte, ich wäre dabei gewesen.

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