Owen Pallett20.04.2011 // Erlangen – Markgrafentheater
Ein Gong, der dezent, aber nachdrücklich zum Einnehmen der Plätze ruft. Allerlei Zierrat und güldene Engel an der Decke. Uniformierte Platzanweiserinnen. Mit rotem Samt bezogene (auf Dauer leider etwas unbequeme) Stühle. All das kann nur eines bedeuten: Pop! im Theater, die im vergangenen Jahr ins Leben gerufene Konzertreihe im barocken Erlanger Markgrafentheater, geht in die nächste Runde.
Schon letztes Jahr ließen sich die Veranstalter, denen an dieser Stelle mal ein großes Lob für ihre hervorragende Arbeit ausgesprochen sei, nicht lumpen und holten mit William Fitzsimmons, Heather Nova, Nils Frahm und Òlafur Arnalds echte Hochkaräter in das etwas kitschige Schmuckkästchen im Herzen der Hugenottenstadt. Obwohl sich die Konzertreihe damit längst etabliert hat, ist es dennoch als mindestens mittelgroße Sensation zu werten, dass nun auch Owen Pallett für einen seiner zur Zeit eher raren Deutschland-Auftritte ins beschauliche Erlangen gelockt wurde.
Bevor der gerne mit dem etwas schmierigen Titel “Teufelsgeiger” geadelte Kanadier auf die Bühne darf, gibt es allerdings erst noch die eigentliche Überraschung des Abends zu erleben, nämlich den kurzfristig engagierten Support Il Tempo Gigante. Hinter dem großspurigen, an italienische Monumentalfilme erinnernden Namen verbirgt sich Rolf Hansen, ein unglaublich sympathischer junger Mann aus Kopenhagen, der hin und wieder mit einer vielköpfigen Band auftritt, sein knapp 45minütiges Set in Erlangen aber allein mit Hilfe seiner Loopstation bestreitet. Geschenkt, dass wohl kaum einer im bestens gefüllten Saal schon einmal etwas von dem Dänen gehört hat - Rolf Hansen erobert die Herzen im Sturm. Mit seiner liebenswerten Art, seiner ehrlichen Begeisterung darüber, an diesem Ort spielen zu dürfen und natürlich mit seiner Musik. Auch da ist der Name Il Tempo Gigante ziemlich irreführend: Südländisch klingt da nämlich gar nichts. Vielmehr sind die vielschichtig aufgetürmten, ellenlangen Stücke des Skandinaviers, die unter anderem vom Arcade-Klassiker “Frogger” (“Level Up”) handeln, stark amerikanisch geprägt, was sich allein schon an der aus E-Gitarre, Lap Steel und Trompete bestehenden Instrumentierung festmachen lässt. Nach dem letzten Song kommt Rolf Hansen noch einmal mit einer wichtigen Botschaft auf die Bühne: “Come to Facebook and be friends”, ruft er in die Menge. Dass seine vielen neuen Freunde auch gerne sein Album “Lost Something Good” gekauft hätten, hat der freundliche Däne, der vor lauter Aufregung die Merchandise-Kiste zu Hause hat stehen lassen, glatt vergessen.
Ein großartiges Konzert bereits erlebt und Owen Pallett noch vor sich - wesentlich bessere Aussichten kann es wohl kaum geben. Einem, der wie der aus Toronto stammende Musiker bereits mit allen Superlativen überhäuft wurde, könnte man ein wenig Überheblichkeit kaum übel nehmen, aber erstaunlicherweise gibt sich Owen Pallett ähnlich unprätentiös wie zuvor Il Tempo Gigante. Kein Anflug von Größenwahn, nichts davon zu merken, dass die halbe Musikwelt dem schmalen Herrn, der deutlich jünger aussieht als 31, zu Füßen liegt. Schon nach wenigen Songs erzählt er munter von seiner neuen, billigen Violine und beantwortet eine Zuschauerfrage nach dem Aufdruck auf seinem T-Shirt (das, wie man erfährt, vom Metal-Label Southern Lord stammt). Dass seine Musik freilich nicht ganz so unkompliziert ist wie er selbst, wird auch schon bald mehr als deutlich. Da wird auf jede feste Struktur verzichtet, die allerschönste Geigenmelodie rücksichtslos zerschreddert, eigentlich ganz schlimme 80er Jahre Grausamkeiten auf dem Keyboard (wie beim grandiosen Caribou-Cover “Odessa”) eingestreut und, und, und. Kurzum: Es ist von Anfang bis Ende eine riesige Freude, dem theatralischen Kanadier zuzuhören und zuzusehen.
Nur die Veranstalter haben nach diesem heißen Anwärter auf das Konzert des Jahres ein kleines Problem: Wie wollen sie diesen denkwürdigen Abend in Zukunft noch toppen? Zweifel daran, dass das wirklich gelingen könnte, bleiben - aber wer Owen Pallett nach Franken holt, wird sich schon was einfallen lassen…





















Kommentare müssen nach dem Absenden per E-Mail bestätigt und aktiviert werden. Achtet daher bitte auf die korrekte E-Mail-Adresse. Kommentare die in der Vergangenheit schon einmal aktiviert wurden, werden sofort veröffentlicht.