Tocotronic29.10.2010 // Berlin – C-Halle
Im Herbst werden wir uns noch einmal die Instrumente umhängen und auf Tour ziehen, bevor wir nächstes Jahr unseren wohlverdienten Sabbat feiern! […] Dieser Abend wird definitiv die allerletzte Gelegenheit sein, unserer Musik lauschen zu können, bevor diese verstummt und wir für längere Zeit in der Versenkung verschwinden.
Nun, Sabbat und Versenkung schürten natürlich die Erwartungen der Genossinnen und Genossen, der Tocotronisten und auch aller Anderen, die gekommen sind. Die Vorfreude der gut vom Parterre der C(olumbia)-Halle aus beobachtbaren Fans auf den gestuften Rängen ist jedenfalls sichtbar, genau wie ihr selten so klar gesehener typischer Tanz, eine Mischung aus glücklichem Gewackel und rhythmischem Geschlenker, während des Konzertes.
Besuchte man das Konzert aber nun mit der Einstellung etwas ganz Besonderes miterleben zu dürfen, konnte man wohl leicht enttäuscht werden. Die abenteuerliche Setliste – es ist beinahe die gleiche wie einige Tage zuvor in Augsburg – führt von den weniger beachteten Stücken der letzten beiden Alben tief hinein in die verlorene Zeit: Zu zwei wahrhaft künstlerischen Performances von Arne Zank folgen „Ich werde nie mehr alleine sein“ und „Bitte gebt mir meinen Verstand zurück“, von dort geht es auf zu den frühen Hymnen für die Enthusiastischeren in der Bewegung (vorn, mittig), dann wird der Bogen noch einmal zurück gespannt zu Schall und Wahn, abschließend die schon bekannte Manier alle Verstärker in Rauschzustand zu versetzen: „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“. Fast möchte man meinen, wer solche Konzerte gibt, den ergriff bereits die Hybris „beim Bau dieses Narrenschiffs namens Tocotronic“. Wer könnte es jedoch verübeln, der Erfolg wächst scheinbar proportional zur narrativen Freiheit des gestisch wieder einmal überschwänglich brillierenden Dirk von Lowtzows, was heißen soll: Je verrückter sie sich geben, und nur ab und an etwas von der alten greifbaren Sloganhaftigkeit aufblitzen lassen, desto stärker werden sie verehrt, mutmaßlich ist es eine Liebe zu dem Unverstandenen, welche wohl auch die Band selbst in gewisser Weise pflegt. Andererseits könnte das Set auch einen anderen Zweck haben als eine Abwechslung zu schaffen zur letzten, noch nicht lange zurückliegenden, Tour, die sich bei fast 200 Stücken aus 17 Jahren Bandgeschichte eigentlich leicht bewerkstelligen lassen sollte. Vielleicht wollte das furiose Quartett mit dem Vergleich zu ihren Anfangstagen auch einfach zeigen, dass sie sich neben den allzu diskursiven Texten des Grafen, vor allem auch musikalisch entwickelt haben. Lohnenswert ist ein Konzert von Tocotronic heutzutage allein schon um Rick McPhail zuzuschauen beim verpeilten Schlagzeugspiel und schlauem Gitarrenumgang, weit entfernt von den drei-akkordenen Frühmelodien; oder um sich zu vergewissern, dass sich Jan Müller ja irgendwie auch kaum verändert hat. Wie man es auch drehen mag: Das „müde Imperium“ (eine weitere Selbstbezeichnung) hat einige Macht über seine Zuhörer. Die 17- bis 40-Jährigen heutzutage, die sich im deutschsprachigen Raum für Musik interessieren, wurden entweder mit oder ohne Tocotronic sozialisiert und wenn sie es nicht wurden, dann aus einer Haltung der Abgrenzung.
Nun eine Weile wieder nur die Soloprojekte, man kennt es ja schon.
Ein Kommentar
Kommentar abgeben
Kommentare müssen nach dem Absenden per E-Mail bestätigt und aktiviert werden. Achtet daher bitte auf die korrekte E-Mail-Adresse. Kommentare die in der Vergangenheit schon einmal aktiviert wurden, werden sofort veröffentlicht.





















Rockgitarre am 24.08.2011 um 23:25 UHR
die guten texte, die frische und einzigartige musik und das, was sie rüber bringen ist einfach genial. tocotronic rocken einfach – und das schon so lange. auf www.schule-der-rockgitarre.de/de/magazin/178 habe ich einen artikel über die bisherige geschichte der band geschrieben – schau doch mal rein! :)