Berlin Festival 2010 (Freitag)10.09.2010 // Berlin – Tempelhof
Ambivalenz ist vielleicht das richtige Wort mit dem Berliner und Zugereiste ihrem Wochenende auf dem Flughafengelände Tempelhof ein Resümee geben können. Man sollte nicht so unfair sein wegen der Vorfälle, die in der Nacht zu Samstag um 2.30 Uhr zum Abbruch auf allen Bühnen führten von einer kompletten Desorganisation zu sprechen. Auf der anderen Seite sind aber Fehler begangen worden, die bei vielen Leuten mehr als Unverständnis auslösten. Aber von vorne.
Ganz behutsam steigt die Frequentierung des Bändchentausches an den Plätzen der Gepäckabgabe in der ehemaligen Abfertigungshalle am Freitag Nachmittag. Die riesige Halle, bereits Schauplatz seit Beginn der Berlin Music Week, deren Abschluss das Festival gewesen ist, schüchtert fast ein wenig ein mit ihrer Größe, in der man sich nur langsam zurecht findet. Aber dann stellt man fast, dass die alte Tafel der An- und Abflüge einen neuen ansprechend informativen Gehalt bekommen hat, um immer noch einmal wieder nachzulesen und nach kurzer Zeit auf dem Flughafen hat man dann auch die drei Hauptbühnen sicher identifiziert.
Als um 16 Uhr Amiina – am stärksten wohl immer noch bekannt für ihre Arbeit als Streichquartett von Sigur Rós auf den Alben () und Takk... – aufspielen, scheint immer noch ein Großteil der Leute sich auf der Anreise oder noch auf der Arbeit zu befinden und so hat das Publikum viel Platz den vier Damen (mit einem Herrn am Laptop) zu lauschen. Schließt man die Augen, befindet man sich auf einer Frühlingswiese in Island, öffnet man sie wieder, muss man schmunzeln über die friedvolle Kunstfertigkeit mit der die verschiedenen singenden Sägen gespielt werden.
Mit einer ähnlich geringen Zahl von Ansagen an das Publikum kommen auch Laura-Mary Carter und Steven Ansell aus, wenn auch die latente Schüchternheit Amiinas bei den Blood Red Shoes kaum der Grund dafür sein dürfte. Ein oberflächlicher Blick verrät zumindest, dass die beiden aus Brighton ihre Bühnenshow nach wie vor eher distanziert und trocken halten, was dem deutlich gewachsenen Publikum vor der Mainstage auch so gefällt. Während der gleichen Zeit auf dem Hangar 4 geben die zum Mädchen-Duo geschrumpften finnischen Le Corps Mince de Françoise die ersten Disco-Klänge des noch frühen Abends zum Besten. Leider drehte man ihnen im – angekündigten – letzten Lied vorzeitig die Lautstärke weg, wohlgemerkt, ohne gleichzeitig auch die Monitore leiser zu stellen. Unhöflicher kann man Bands kaum behandeln, auch wenn es im guten Willen um die Einhaltung des Zeitplanes geschah... Am gleichen Ort stellen wenige Zeit später die Kölner MIT ihr heute erschienenes zweites Album Nanonotes mit einigem Kraftwerk-Einschlag vor. Man wünscht ihnen für das nächste Mal eine Spielzeit im Dunkeln.
Nach dem kurzen Abhaken von Adam Green auf der Mainstage, von dem ja das Gerücht geht, er sei bei jedem seiner Konzerte sturzbetrunken, was sich tatsächlich aber kaum einschätzen lässt, eine kurze Pause bis zum Auftritt von LCD Soundsystem, die nach dem Moldy Peaches-Gründer dran sind. In der Zwischenzeit verpasst: Macauly Culkin, der mit Green, dessen Urgroßmutter übrigens Felice Bauer, also die erste Verlobte von Franz Kafka, ist, Wind Of Change von den Scorpions intonierte.
20.30 Uhr beginnt ganz pünktlich James Murphy mit einiger Unterstützung und stellt mit seinem eine Stunde währenden Auftritt den ersten wirklichen Höhepunkt dar. Zugelegt hat der Kopf von DFA Records nicht nur ein wenig im Umfang, sondern auch spürbar stimmlich im Vergleich zu den beiden älteren Alben. Es ist eine Freude zuzuschauen, wie – es gibt kein besseres Wort dafür – cool er sich in seiner Musik bewegt, beliebig Snares zum Wohle des Beats anhaltend, dann wieder in sein unglaublich schönes Mikro kreischend. Sehr dankbar aufgenommene Titel vom selbstbetitelten Debüt dabei genauso souverän in das Set einbauend wie aktuelle Stücke.
Von Robyn danach noch die letzten Lieder zu erhaschen, erweist sich leider als nur schwer machbar. Es füllt sich. Die daraus folgend eingeschlagene Gegenrichtung zur 3. Bühne, dem Hangar 5 bringt einen aber direkt zu den Franzosen Herman Dune, wo es 5 Minuten vor Auftritt noch reichlich Platz gibt. Die ersten, die City Slang auf dem Festival zum 20. Geburtstag beglückwünschen, sind fast bizarr anmutend entspannt und schaffen sich eine kleine Höhle im Hangar 5 während draußen die Editors mit ihrem erst einmal letzten Auftritt donnernd die Mainstage für heute bereits beschließen.
Fever Ray darf für sich den Titel des mit Abstand exzentrischsten Sets beanspruchen. Wenn man an karge Wortlosigkeit sogar gewöhnt war, so hat man doch nur selten so viel Nebel gesehen, dass die Künstler dahinter fast verschwanden, die wiederum auch noch verkleidet und maskiert waren und eine etwas furchteinflößende Voodoo-Performance hingelegt haben. Auch wenn Karin Dreyer Anderson mit The Knife und ihrem Soloprojekt eine recht einzigartige Klangfarbe entwickelt hat, die einigen Ruhm rechtfertigt, sind während dieses sehr ambitionierten Konzertes sicher auch viele Leute eher aus Faulheit geblieben, einige andere, so hört man, auch gar nicht in den Sektor des Hangar 5 mehr vorgestoßen, der aus Sicherheitsgründen gesperrt wurde.
Eine ganz ähnliche Situation auch bei Caribou: Schon bis ca. 25 Minuten vor Konzertbeginn muss man die vom Bereich der Mainstage trennende Schleuse überwunden haben, danach ist es voll. Das Konzert, von scheinbar überall temperamentvoll tuschelnden Spanierinnen einmal abgesehen, wird nach „Leave House“ als Einstieg souverän grandios. Dan Snaith entzückt nach der eben erlebten Kühle mit simpler Freundlichkeit und man wünscht dem promovierten Mathematiker, dass er mit Swim noch genug Erfolg haben wird um sich ganz auf sein nicht-akademisches Treiben zu konzentrieren.
Von der anderen Seite des Geländes, auf der die Techno-Punks Atari Teenage Riot gerade eine ihrer Reunion-Shows absolviert haben und wo für den Abend noch 2MandyDJS sowie Fatboy Slim angestanden hätten, kommt die Nachricht ganz langsam herüber. Um 2.30 Uhr wird das Festival vorzeitig abgebrochen:
„Der Abbruch war eine überaus harte Entscheidung, die manche für übervorsichtig halten mögen. Im Kontext aktueller Sicherheitsdebatten wurde sie jedoch bewusst und im Sinne größtmöglicher Sicherheit für unsere Festivalbesucher getroffen. Das war und ist für uns die absolute Priorität. Wir sind froh, dass nach jetzigem Kenntnisstand auf Grund der getroffenen Maßnahmen niemand zu Schaden gekommen ist.“ (quelle)
Man muss es so hinnehmen. Dass sich die Vorfälle von Duisburg nicht wiederholen, sollte auch mit Nachdruck Priorität besitzen, aber man hätte das Sicherheitskonzept vorher stärker kommunizieren müssen; man hätte deutlicher sagen müssen, dass man um manche Acts sehen zu können, lange Wartezeiten in Kauf nehmen muss oder sie möglicherweise gar nicht sieht. Schleusen zu konstruieren, an denen eine Haarnadelgefahr entsteht, wo keine gewesen wäre, erscheint nicht sinnvoll. Sicherheitsleute (und später Polizisten), die still für sich zählen und irgendwann dicht machen, machen keinen fairen Eindruck. Man hätte Durchsagen geben können und man hätte nicht zwei Headliner hintereinander im Hangar spielen lassen dürfen, während die Mainstage dicht ist.
Weiterhin verdienen die Organisatoren zwar absolute Anerkennung für ihre – sicherlich kaum zu unterschätzende – Leistung mit der Polizei einen Kompromiss für den nächsten Tag auszuhandeln und in diesem – Musik bis 23.30 Uhr – die meisten der bekannten Bands unterzubringen. Was das für ein Kompromiss aber sein soll, müsste einmal jemand erklären. Nur bis 23.30 Uhr Musik zu machen, hätte am ersten Tag die Bedingungen kaum verbessert, 20 000 Leute, die mit einem Mal das Gelände verlassen wollen, wären ein wirkliches Problem gewesen: Dass es zu diesem am Samstag nicht gekommen ist, ist wohl vor allem einigen Festivalbesuchern zu danken, die auf ihren zweiten Tag in Tempelhof verzichtet haben. Der nächste Tag mit nun umso mehr Überschneidungen jedenfalls, lief ohne weitere Zwischenfälle ab.
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