BootBooHook 201021.08.2010 // Hannover – Kulturzentrum Faust
Mitfahrgelegenheit von Hamburg nach Hannover.
„Du fährst also auf ein Festival? Was wird denn da für Musik gespielt?“
„Viel Indie- und ein bisschen Elektro- Musik.“
„Indie? Was ist das, Indie?“
Diese Frage. Was ist jetzt eigentlich Indie? Indie ist... mit Gitarre und so. Indie ist... ein Gefühl eben! Wie erklärt man das jetzt einem fünfzigjährigen Symphoniker?
Und dann:
„Indie- das ist das BootBooHook!“
Das BootBooHook ist aber auch:
Hundekämpfe vorm Eingang zum Zeltplatz. Endlich wieder Gemeinschaftsduschen. Eine ganze Brücke lang Fahrradklingeln betätigen, und jede klingt so vollkommen anders. Zwei Tage Sonne, während es in ganz Deutschland regnet. Fernkonzerte, die sich auch vom Camping- Platz noch wunderschön anhören, wie zum Beispiel bei Francesco Wilking, der auch solo und nicht nur mit Tele einen guten Ton angibt.

Das BootBooHook schmeckt:
Nach dem berühmten Faxe- Bier, das nach der Hälfte buchstäblich der Knüller ist, es sei denn, man hat es in vier Sekunden gestürzt und kann mindestens zwei Mal am Stück „BootBooHook“ rülpsen, ohne zwischendurch Luft zu holen. Aber: 1 Liter für einen Euro, da freut sich der geizige Festival- Fan natürlich. Und gerade mal einen zwei- minütigen Fußmarsch braucht es bis zur nächsten „Trinkhalle“, denn idealerweise findet das BootBooHook auch dieses Jahr mitten in Hannover statt, direkt zwischen Limmerstraße und Weddingufer. Zentraler geht nicht.
Nach Wasser mit Red- Bull- Geschmack, denn wenn man zu verdursten droht, bietet einem die Dame am Info- Stand schon mal ihr eigenes Wasser an, auch wenn sie nachher selber nichts mehr hat. Eine tiefe Verbeugung vor einem durchweg gut gelaunten und überaus großartigen Personal, das auch dann noch ruhig bleibt, wenn ein paar Obdachlose im Festival- Gelände strullen möchten und dafür noch minutenlang gegen die Absperrung anrennen.
Nach Papadam, Bratwurst und kolumbischem Kaffee, wenn auch überteuert, aber davon abgesehen eine fantastische Abwechslung. Gegessen wird in einem wunderbaren Freiluftgarten zur Live- Übertragung der Bundesliga und fantastischer Begleitmusik bis spät in die Nacht hinein. Wer hier noch meckert, gehört einfach niedergepogt. Verzeihung.

Das BootBooHook riecht:
Nach Crêpes. Nach Algen in der Ihme, es war eben ein heißer Sommer. Offensichtlich riecht es auch nach Käse, denn schon gegen Mittag fressen sich die ersten Ratten durch die Zeltböden. In Scharen flüchten die Zelte mit ihren Besitzern vom scheinidyllischen Ufer bergauf- und die Bäume hängen weihnachtlich voller Beutel, die mit Essen bepackt vor den Tieren gerettet werden. Einige kostet das sogar das komplette Friska Viljor - Konzert.
Das Bootboohook fühlt sich an:
Wie eine verlassene Bank beim Getränke- Stand, von der aus man sich wunderbar über stupid- aufgesetzte Ansagen des überflüssigsten Musikers Deutschland aufregen kann, der leider Gottes durch das Festival führt und das Publikum auch noch mit seiner eigenen Band plagt.
Bei hundreds fühlt es sich leider nach gar nichts an. Mein heimlicher, ewiger Favorit hat sich mit dem Auftritt wirklich keinen Gefallen getan, es herrscht unterirdischer Sound, mit dem sich eben so gar kein Gefühl mehr transportieren ließ, und ungewohnte Nervosität, die man noch sympathisch finden konnte.
Es fühlt sich aber auch nicht nach Menschenschweiß an, denn das BootBooHook ist überspitzt gesagt leergeräumt. Manche Menschen sind gar nicht erst angereist, weil der Camping- Platz als ausverkauft verrufen war. Das ist Unsinn, die Zelte stehen licht, und wirklich gut fühlt sich das in den beiden Hallen an, die Angst des vergeblichen Anstehens erfüllt sich nur in wenigen Fällen, für manchen auch gar nicht. Bei Norman Palm, den viele seit dem BootBooHook tief in ihr Herz eingeschlossen haben, darf man gar zu zweit in der ersten Reihe tanzen, weil sich das Konzert über niemand nach vorn traut.

Das BootBooHook stellt Rekorde auf:
Neuer Rekord im verzweifelten Bemühen um Publikumsbeteiligung: Anajo mit 5 Minuten, der Länge eines kompletten Liedes. Das heißt „Mädchenmusik“ und wird zurecht mit Schweigen quittiert. Das neue Album dürfte die Band wenig voranbringen.
Neuer Rekord an Magenverstimmungen:
Der Bass bei Urlaub in Polen, deren Auftritt sich wie so oft mit einem einzigen Wort beschreiben lässt: Gestört. Das ist nicht negativ gemeint, und auch nicht wirklich positiv. Es ist so, wie das Wort ist. Ge-stö-rrrrrt. Besser vielleicht: Intensiviertes Klangerlebnis.
Hellsongs halten gleich einen Doppelrekord:
Das schönste Schweden- Deutsch der Welt. And the award goes to: Kalle Karlsson.
Kostprobe?
„Wir sind doch alle tolle Leckerschmecker, ha!?“
„Dieses Lied ist... Henda, ich liebe dich, aber jetzt ist RUHE!“
Und der zweite Rekord: Enthusiastischster Einsatz am Tambourin von Siri Bergnéhr. Auffallend ist außerdem, dass in ihrer Stimme eine Qualität liegt, die einige Songs wesentlich schöner klingen lässt, als es die frühere Sänge Harriet Ohlsson konnte- und im Umkehrschluss.
Und mit dieser Qualität hätten sie fast den Moment des Festivals zementiert. Denn bei „We’re Not Gonna Take It“ singt schlicht der komplette Saal mit, von hinten bis vorn. Da geht man doch aber kaputt dran, ihr Verrückten! Unglaublich. Je öfter ich mich an diesen Auftritt erinnere, desto besser wird er.
Am bessersten. Und noch besserster.
Das Festival findet seinen Höhepunkt aber nicht, wie man vermuten könnte, in den hochgefeierten Hot Chip, die nämlich tatsächlich einen eher blassen Eindruck hinterlassen und die man sich lieber doch auf Platte anhört.
Nein, es sind, und das ist für mich nun besonders überraschend, weil ich ihre Qualität bisher verkannte: The Notwist.
Man kann da jetzt nach Gründen suchen. Das Licht. Die Menschen, die sich auf der Bühne komplett selbst vergessen. Consequence. On Planet Off. Man kann sich aber auch einfach gedanklich noch mal da hinstellen, und einfach nur: Nichts denken. Zum heulen schön, und Punkt. Ab jetzt wird den alten Herren hinterhergereist.

Das BootBooHook empfiehlt sich als wunderschön gelegenes Festival mit ordentlicher Musik und bezauberndem Umfeld. Man drückt die Daumen für ein noch stärkeres Line- Up im nächsten Jahr. Vielleicht sind dann auch alle Minderjährigen alt genug, um Abends noch Bratze sehen zu dürfen.
3 Kommentare
Timm am 31.08.2010 um 13:31 UHR
Ach naja, vielleicht kann man sie ja auch alle in einen Sack werfen, aber B. Begemann ist an sich der Rede nicht wert.
Michi am 01.09.2010 um 18:24 UHR
geil, beschreibung klingt haargenau wie mein gefühl beim phono pop dies jahr.
dort war übrigens auch ein sehr überflüssiger muskier headliner, über den man sich wunderbar aufregen konnte.
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tom am 30.08.2010 um 14:02 UHR
der überflüssigste musiker deutschlands? dirk darmstaedter?