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The XX27.08.2010 // München – Tonhalle

Früher war alles besser. Dieser Satz passt auf viele junge Nostalgie- und Retro-Kapellen, die fasziniert sind vom Gestern, von der vermeintlichen Authentizität vergangener Pop-Jahrzehnte. Auch The XX haben viel Zeit mit der Plattensammlung ihrer Eltern verbracht. Doch sind sie nicht bei der Kopie, der Kopie, der Kopie geblieben, sondern haben aus den Herzstücken ihrer Lieblingsplatten einen musikalischen Werkzeugkasten kreiert, der es ihnen ermöglicht das große Dunkle in ihren Köpfen und Herzen in Worte und Musik der Jetzt-Zeit zu fassen. Und das bekommt man auch am Freitagabend in München zu greifen: Die XX wirken wie alte, verlorene Seelen, die aus Versehen in jungen Teenagerkörpern gelandet sind.

In der Münchner Tonhalle geht das Licht an, ein großes X erscheint, Jamie Smith gibt mit einem Trommelfeuer den Startschuss. Die Besucher freuen sich, dass die Stunde Wartezeit zwischen der Vorband, die nach Soundcheck und Dings klang, endlich vorüber ist. Im Gedonner huscht schließlich der Rest des Trios auf die Bühne. Die bunten Strahler erinnern entfernt an Suchscheinwerfer, die auch dringend benötigt werden, denn Romy Croft verschwindet dank ihrer düsteren Gesamtkostümierung beinahe im Dunkel der Bühne: Sie trägt eine schwarze Jacke, eine schwarze Hose und sehr schwarze Haare hängen ihr bis zur Nasenspitze. Beim Singen bleibt ihr Blick auf dem Boden verhaftet. Macht aber nix, denn ihre Stimme ist so schlicht, klar, schön und präsent, dass sie die große, schwitzende Tonhallen-Gemeinde kurzfristig andächtig verstummen lässt. Genauso ergreifend legt uns die Stimme von Oliver Sim die Hand aufs Herz und auf den Oberschenkel. Er ist übrigens der einzige der Band, der tanzt. Und man schaut ihm gern dabei zu und sieht seine Konturen im Gegenlicht verschwimmen und ihn zur Shilouette werden, wenn der Sternenhimmel aus Glühbirnen angeschaltet wird.

The XX verballern ohne Hallo zu sagen oder anders groß Worte zu verlieren (Ausnahme: „Dankeschön!“) erst einmal die Hits ihres Debutalbums. Und fast vergisst der Besucher, dass er gerade ein Konzert besucht, denn die Songs klingen live genauso perfekt wie auf Platte. Wir hören keine Variation, sehen kein Lachen, fühlen wie Jugend irgendwie mit angezogener Handbremse musiziert. Beim Refrain von Crystalized singt die Tonhalle so beherzt „go slow, gohohoho slow“ mit, als hätte sie so eben das geheime XX-Mantra entlarvt. Und so spaltet sich die Besucherschaft in zwei Lager. Die einen nehmen an diesem Konzertabend das Gefühl mit ins Bett, dass The XX live das enorme Potential ihres kleinen aber beachtlichen Ouevres nicht ausschöpfen. Die anderen vermuten Methode: Die Beschränkung auf das Wesentliche, auf die Skizze eines Songs, um ihn nicht zum Gassenhauer abzuwracken.

Das X auf der Bühne erscheint nach einer Stunde nicht mehr wie ein Rätsel, sondern wie des Rätsels Lösung. So wie Band samt Musik live daherkommen, funktionieren sie wie emotionale Rohlinge, die beliebig vom Publikum bespielt werden können: In der Tonhalle wird an diesem Freitagabend in beseelter Koexistenz gleichzeitig geshoegazed, geraved, geknutscht, gejubelt, geschwiegen und auch geweint, als Oliver in der Zugabe singt: If you love me, tell me where u gonna go.

Dann als alles vorbei ist, erzählen uns The XX noch, dass sie nun gehen werden, um erst mal nicht mehr wiederzukommen. For a long time, so Oliver. Zwei Jahre auf Tour seien genug. Und der Besucher ahnt, dass The XX nicht wie ursprünglich angenommen in ihrer eigenen Verlorenheit zuhause sind, sondern so schnell wie möglich dorthin zurück wollen, wo sie hergekommen sind. Auf die Frage: Willst du mit mir gehen? Hätte jeder nach diesem Abend wohl bei „Die Antwort ist ja“ ein XX gemalt.

27.08.2010 // carolin
 

2 Kommentare

Juju am 28.08.2010 um 23:56 UHR

Ich fand die Vorband ja echt cool.
Aber naja...Geschmäcker sind wohl verschieden.

chuck am 29.08.2010 um 11:03 UHR

der soundbrei hat mount kimbie leider ziemlich zermatscht, aber sie hatten für einen electronic-act eine gelungene live-umsetzung, welche sich (im gegensatz zu the xx) angenehm von platte unterschieden hat.
da waren die the xx eher die nach unten starrenden stars. aber schön war's!

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