Haldern Pop 201014.08.2010 // Rees Haldern
Einmal im Jahr wird das beschauliche Städtchen am Niederrhein zum Mekka aller Independent Jünger bzw. derer, die es einmal werden wollen. Ein Pflichttermin zuzusagen in jedem Festivalkalender. Dieses Jahr findet bereits die 27. Auflage statt und es machen sich immer noch keinerlei Alterserscheinungen bemerkbar. Ganz im Gegenteil, hier herrscht ein unbeschreiblich jugendlicher Spirit, nicht zuletzt verbreitet durch die allgegenwärtigen „Popblagen“. Getreu dem Motto „Koordination der Kindheit als Schlüssel zum Erfolg“ wird die Halderner Jugend schon früh mit in die Festivalgestaltung einbezogen, nirgends lockern mehr spielende Knirpse den Backstagebereich auf. Die Festivalmacher von morgen sozusagen. Das hier sind nicht nur leere Worte, sondern eine Investition in die Zukunft, im besten Sinne des Wortes. Ehrlich. Konsequent.
Nicht nur deshalb wird das Haldern Pop von vielen Künstlern und Medienvertretern europaweit geschätzt und als einzigartig angesehen, unabhängig von dem seit Jahren ungebrochenen Zuschaueransturm, der regelmäßig für ein Monate im voraus ausverkauftes Ticketkontingent sorgt. Haldern eben.
tag 1 // donnerstag
Der Donnerstag ist traditionell dem „Spiegeltent“ vorbehalten, die Hauptbühne öffnet erst an den beiden verbleibenden Tagen. Dies zum Leidwesen vieler Besucher, die sich erwartungsvoll teilweise mehrere Stunden in die Schlange vor dem Zelt einreihen müssen, um dann letztlich doch nicht mehr eingelassen zu werden.. Same procedure as every year. Der Ruf danach die Mainstage bereits am Donnerstag zu öffnen, um diesem Problem entgegenzuwirken wird des Öfteren laut. Zu Recht. Handlungsbedarf besteht hier auf jeden Fall. Wer es dennoch erst einmal ins Zelt hinein geschafft hat, sieht unter anderem Cymbals Eat Guitars mit ihrer schweißtreibenden Retro- Rockshow, die Erinnerungen an alte 90er Indiehelden wie Pavement oder Built To Spill wach werden lässt. Die zauberhaften Beach House entführen in psychedelische Traumwelten und als abschließendes Highlight des ersten Tages rufen Stornoway zu nächtlicher Stunde mit ihren beseelenden Akustik Folk Balladen in perfektem Oxford Englisch mehr als nur eine Gänsehaut bei den Zuschauern hervor.
Es wäre keine Überraschung den ein oder anderen Künstler im nächsten Jahr auf der Hauptbühne wieder zu sehen, denn nicht selten schon hat ein Auftritt im Spiegelzelt als Karrieresprungbrett fungiert. Mumford & Sons mögen hier als gutes Beispiel dienen, aber dazu später mehr. Den meisten Zuschauern bleibt an diesem Abend allerdings nur die Großbildleinwand vor dem Zelt. „Rudelgucken“ mal in etwas anderem Kontext. Gute Nacht.
tag 2 // freitag
Bevor das Gelände am frühen Nachmittag öffnet, bleibt Zeit für den obligatorischen Spaziergang durch das idyllische Haldern, bei dem man einen Blick in die erst im letzten Jahr eröffnete Haldern Pop Bar zu werfen kann. Wer mag kann bei dieser Gelegenheit noch dem Auftritt von Robert Stadlobers Selbstverwirklichungsprojekt Gary lauschen. Kein Weg führt generell an einem Bad im, direkt am Alten Reitplatz gelegenen, See vorbei. Wer seinen Badesausflug in weiser Voraussicht jedoch bis Samstag aufgeschoben hat, bekommt vielleicht die Gelegenheit, Zeuge eines exklusiven Akustiksets vom The National am Ufer zu werden, welches diese dem WDR geben.
Zurück auf dem Festivalgelände wird das bis zuletzt streng gehütete Geheimnis um das einzig verbliebene „?“ im Zeitplan gelüftet. Zur Überraschung der meisten Besucher entpuppt sich dieses als Philipp Poisel. Mit seinem gefälligem Singer/Songwriter Deutschpop läutet er den frühen Abend ein und zeigt, dass er auch die größeren Bühnen nicht zu scheuen braucht. Manch einer hätte da sicherlich dennoch mehr erwartet bei all der Geheimniskrämerei. Spaß gemacht hat er trotzdem, der Philipp.
Bis dann Mumford & Sons am späten Abend selbst die Hauptbühne in Beschlag nehmen, beschließen sie kurzerhand Laura Marling bei ihrer Appearance im Spiegelzelt zu unterstützen. Geholfen hat es leider wenig, denn ihren Auftritt kann man leider getrost als fade und sehr langatmig beschreiben. Damals bei Noah & The Whale klang das alles irgendwie interessanter. Ganz anders die Mumfords selbst. Als heimliche Headliner der Herzen beweisen sie vor einer überwältigenden Kulisse am Freitagabend mehr als eindrucksvoll, dass ihr kometenhafter Aufstieg im letzten Jahr kein Zufall gewesen ist. Ohne Frage das Glanzlicht des diesjährigen Haldern Pop, bei dem das Publikum gar nicht mehr aufhören will in den Mitsing Melodien von „Little Lion Man“ und Konsorten zu schwelgen. Sehr schön.
Nach diesem derart berauschenden Erlebnis haben es Beirut erwartungsgemäß schwer, das noch zu toppen. Und so kommt es wie es kommen muss, der Auftritt geht ein wenig unter, was wohl auch dem etwas unkonzentrierten Auftreten des Protagonisten geschuldet ist.
tag 3 // samstag
Der Samstag fängt nicht nur witterungstechnisch bestens an. Die jungen Wilden vom Young Rebel Set machen als Opener auf der Mainstage einen kurzen, aber eindrucksvollen Zwischenstop auf ihrem Weg zum parallel stattfindenden, nur wenige Kilometer entfernten, Olgas Rock Festival. Ihr Country Rock mit amtlicher Punk Attitüde lässt im wahrsten Sinne des Wortes die Sonne aufgehen. Portugal.The Man verzichten demgegenüber ja bekanntlich auf jegliche Country Elemente und rocken in straighter Stoner Manier durch psychedelische Klangwelten, als gäbe es kein Morgen mehr. Gibt es ja auch nicht. Zumindest nicht in diesem Theater. Der Alte Reitplatz vor der Mainstage ist mittlerweile mehr als nur gut gefüllt.
Everything Everything treten derweilen im hitzegeladenen Spiegelzelt den schlüssigen Beweis an, dass nicht jeder Hype zwangsläufig unberechtigt sein muss und brennen ein Feuerwerk an vertrackten, nennen wir es mal, Indie- Soul, Kompositionen ab, deren Falsetto Gesangsausbrüche, das Spiegelzelt in seinen Grundfesten erschüttert. In puncto Originalität kann ihnen an diesem Wochenende kaum jemand das Wasser reichen. Auch nicht ihre Landsleute von Post War Years, die mit ihrem soul lastigen Post-Punk tags zuvor schon das Spiegelzelt aus den Angeln heben konnten. Die Multiinstrumentalisten von Fanfarlo mühen sich zwischenzeitlich auf der großen Bühne ohne dass vielleicht der ganz große Funke überspringt. Hier wäre weniger vielleicht etwas mehr gewesen, das Spiegelzelt hätte den Londonern wohl die angemessenere Bühne geboten.
Frightend Rabbit mit ihrem pathos- geschwängerten Breitwand Schottenrock reißen das Publikum vom ersten Song an mit. Spätestens seit diesem Nachmittag müssen sich die ängstlichen Hasen nicht mehr vor mangelndem Zuspruch für ihre bevorstehende Clubtour im Spätherbst fürchten. Das sympathische Quintett aus Glasgow hätte man gern vielleicht etwas später am Abend gesehen.
The Low Anthem sorgen für einen Höhepunkt im Spiegelzelt mit einem unbeschreiblich rootig- intimen Blues Folk Set, das in tosendem Beifall endet, während von der Hauptbühne die lärmenden Gitarren der Blood Red Shoes herüberschallen. Unterschiedlicher geht’s kaum, aber so bekommt wenigstens auch die Riege der Post- Pubertierenden mal was auf die Ohren. Villagers, a.k.a. Conor O’Brien, dem bereits die Wertschätzung zu Teil geworden ist, das diesjährige Cover der Festivalzeitschrift zu zieren, bedankt sich mit ganz großem Songwriting in bester Elliott Smith Tradition. Davon wird in Zukunft noch zu reden sein.
Das dänische Kammerorchester Efterklang demonstriert kurz danach auf der Hauptbühne ihre Interpretation von Popmusik und lässt eine staunende, sprachlose Menschenmenge zurück. Schwer in Worte zu kleiden das Ganze. Bisher kann der Samstag alle Erwartungen mehr als erfüllen, trotzdem ist die Spannung fast greifbar und der Abend geprägt von dem schier unendlichen Warten auf den weit nach Mitternacht angesetzten Höhepunkt des Festivals.
The Tallest Man On Earth stellt sich dann schließlich der Herausforderung das beinahe vollzählig erschienene Auditorium auf den bevorstehenden Auftritt von The National einzustimmen. Es zeigt sich, dass manchmal eben ein Mann und seine Gitarre einfach genug sein können. Vor allem, wenn es sich dabei um einen Mann wie den charmanten kleinen Schweden mit seiner Bühnenpräsenz und solch warmen eindringlichen Folkperlen handelt
An dieser Stelle sei noch kurz auf Yeasayer hingewiesen, deren Auftritt ähnlich polarisiert, wie ihr letzthin erschienenes zweites Album. Hier muss jeder selbst seine persönliche Wertung finden, letztlich wäre man jedoch gut und gerne ohne dieses Vergnügen ausgekommen.
Um weit nach halb eins in der Nacht hat das Warten dann endlich sein Ende und das Brooklyn Quintett betritt die Bühne. Nach fahrigem Auftakt, der von erheblichen Soundproblemen überschattet ist, zeigt sich nicht nur die Band um Frontmann Matt Berninger deutlich genervt. In den hinteren Reihen summiert sich die Zahl der Abwanderungswilligen. Ein Fehler, denn die Band steigert sich von Stück zu Stück uns spielt ein knapp 90 minütiges, deutlich von dem aktuellen High Violet Album geprägtes, Set. Klassiker wie „Abel“ oder „Fake Empire“ dürfen dennoch nicht fehlen und versöhnen augenblicklich für den anfänglichen Missmut. Alles in allem ein absolut würdiger Headliner
2 Uhr am Sonntag Morgen, das 27. Haldern Pop neigt sich dem Ende zu. Wer immer noch nicht genug hat, kann sich jetzt noch von der Whale Watching Tour in den wohlverdienten Schlaf wiegen lassen. Der letzte macht das Licht aus.
Es war wie immer ein Fest. Auf Wiedersehen in 2011.
Ein Kommentar
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rockt.tv am 19.08.2010 um 15:12 UHR
Frightened Rabbit und The Low Anthem waren für mich die stärksten Programmpunkte (von allen, die ich gesehen habe). Bei den "Nationals" habe ich mich den Abwanderungswilligen angeschlossen und den Abend lieber im Biergarten ausklingen lassen. Insegesamt: Schee war's. So richtig gestört haben mich nur die Vollidioten, die sich im schönen See mit Shampoo und Duschgel vergnügt haben.