Jenseits von Millionen Festival 201006.08.2010 // Friedland
Die Himmeldecke über Friedland brach selten auf an diesem ersten Augustwochenende, doch versteckt unter Schirmen, eingenistet in eine Burgnische aber auch während kurzer Perioden gänzlichen Ungeschütztseins wurde das Jenseits von Millionen wieder das kleine erholsame Fest, das es auch in der prallen Sonne des letzten Jahres und auch schon unter dem Namen Mamallapuram gewesen ist.
In der südbrandenburgischen Niederlausitz nahm wie üblich eine angenehm-übersichtliche Anzahl bunter Besucher den Weg vom süß hergerichteten Zeltplatzareal, vorbei am mit einer um eine Stunde verlängerten Öffnungszeit auf die vielen jungen Menschen reagierenden Dorfkonsum hin zur Burg in Beschlag. Dort wiederum warten sowohl die vielen freundlichen Begrüßungen, die dieses Festival stets zu einem großen Familientreffen machen, als auch – es ist 16.30 Uhr am Freitag – die Gewinner des Rote Raupe-Bandcontests Pedro Mountains Mummy auf ihre Festivaleröffnung, die mit etwas rauerem Jungs-Rock ihre Vertonung findet. Auch direkt nach ihnen eine Gruppe aus der Stadt der Millionen. Die noch ziemlich frisch gegründeten The Mouse Folk haben zwar noch keine Verkaufsartikel um sich an den Stand zu stellen, dafür aber schon eine Reihe von Stücken, die mit klassischem Songwriting und hoffnungsvoller Stimme auf ihre Entwicklung gespannt machen. Nachdem es auch mit The Black Atlantic zurückhaltend und sanft weiterging, besteigt der in der Dorfbevölkerung, wie man hört mit einiger Spannung erwartete, junge aus Film & Fernsehen bekannte Robert Stadlober als einer von Zweien und normalerweise Fünfen als Gary die Bühne. Der junge Herr mit Hut – außerdem auch noch Gründer des österreichischen Labels Siluh – scheint so alleine gelassen aber nicht in bester Form und so reihen sich die Stücke recht unterschiedslos aneinander bis zur dezent abgedroschenen Zugabe von „There's a light that never goes out.“ Von den Smiths aus geht es mit der Dämmerung auf zu noch lauterem Regen und mehr Instrumenten. Zuerst Champions, dann Future Fluxus. Zweimal vier sehr junge Herren, zuerst Rock-Vergangenheit, dann Elektro-Zukunft. Es ist anzunehmen, dass vor allem Letztere leider mit dem einen oder anderen unkonventionellen Klang den Herrn Bürgermeister auf die Bühne zwangen, um das sphärisch-elegant geworden wärende Telekaster-Konzert nach nur zwei gespielten Stücken schon um 1 Uhr wieder zu beenden. So sorgen denn die Ruhe bedürftigen Anwohner mit dieser die Veranstalter wie die Band und das Publikum enttäuschenden Auffassung für ein bisschen mehr Stille und ein bisschen weniger Alternative zur sich sonst vollziehenden Eintönigkeit ihres Dorflebens, vermögen es aber nicht, genau wie der Regen, damit den Tag zu verderben.
Um so ausgeschlafener fängt schließlich der nächste Tag mit einem jungen Fräulein namens Sea Of Love an, die getragen von einigen Akustikgitarren-Akkorden den Tag – passend zu ihrem rosafarbenen Rock und den Wolken – mit grauen Liebeslieder beginnt. Sven Van Thom und Martin 'Gotti' Gottschalk, die zusammen unter dem Namen Tiere Streicheln Menschen auftreten und monatlich eine Show im Berliner NBI haben, sorgen danach für einiges Schmunzeln und leicht unterdrücktes Lachen als Reaktion auf humorvolle Bemerkungen über das Leben in der Hauptstadt und die ein wenig mitleidig stimmende Selbstironie der beiden.
„Raketenstartgehaufsganzefreundchen“ gibt es im wieder musikalischen Anschluss bzw. die etwas spacig dreinblickenden Fnessnej aus Darmstadt. Who Knew aus Island machen der Anekdote ihres ungeheizten Proberaumes, der die Notwendigkeit des Sich-Selbst-Aufwärmens mit sich brachte, einige Ehren und liefern ein ziemlich motiviertes und bei den Temperaturen beachtlich schwitziges Set ab: Ungestüm und mit sichtlich viel Freude an der eigenen Sache. Diese sollte man sicherlich auch A Heart Is An Airport nicht absprechen, auch wenn es mit ihren Stücken noch einmal deutlich melancholischer und getragener zugeht. Vielleicht stellt die Zeitplanänderung, die sie und nicht Alarma Man nach den isländischen Energiebündeln hat auftreten lassen, deshalb trotz des liebenswerten Songwritings einen kleinen Bruch im Tag dar. Die auf Sinnbus derzeit ihr zweites Album veröffentlichenden Schweden schließen mit ihrer Geschwindigkeit und Lautstärke jedenfalls wieder an die nächstfolgenden Bands bis zum Abendhöhepunkt an. Bevor dieser mit den altbekannten, aber scheuen Sometree erreicht sein wird, steht noch das Duell zwischen Jagoda und *U*N*S aus – welches das letztere Triumvirat aus Petula, ein wenig Siva und Kate Mosh mit reinster Aggression angestrichen in NDW-Kolorationen und dazu passendem Fehlfarben-Cover zum Abschluss allerdings recht eindeutig für sich entscheidet – sowie der Auftritt der australischen Dukes Of Windsor aus, deren Musik im brandenburgischen Dörflein schon etwas bizarr anmutet: Wie irre sich drehende und aufregendes Licht werfende Disco-Kugeln, ausgesetzt in der Pampa, wo sie niemand bemerkt. Wahrscheinlich zumindest ist anzunehmen, dass den Herren bei anderen Auftritten mehr Aufmerksamkeit zukommt als heute. Das ist selbstverständlich anders bei Sometree, die gleich mehrere Generationen des Publikums mit ihrem intensiven wie durchdachten Noise-Rock begleitet haben dürften. Sie lassen nicht den Regen ausklingen, jedoch die dieses Mal störungslose Nacht des friedlichen Festivals.
Wer sich noch einmal erinnern will oder noch Dinge zu entdecken hat, sei zum Schluss noch einmal auf das offizielle Festival-Mixtape aufmerksam gemacht.
3 Kommentare
sven am 15.08.2010 um 18:39 UHR
lieber thom kastning (deine auslegung war richtig, aber was ist denn gegen die gepflogenheit der vornamenbenutzung einzuwenden?),
vielen dank für deinen kommentar, wenn auch ich natürlich nicht allen deinen erwiderungen zustimmen kann.
wobei ich dir zustimmen muss, ist die etwas unglückliche formulierung, die man so verstehen kann, dass es euch anzulasten wäre, dass das telekaster-konzert abgebrochen worden ist. das war keineswegs meine absicht und ich wusste sowohl von der durchgängigen verzögerung als auch von der auflage, dass die musik ab um 1 uhr abgestellt sein sollte. andererseits seid ihr natürlich die lauteste band am abend gewesen, was kein vorwurf, sondern einfach ein fakt ist, der meine (naheliegende?) überleitung provozierte. meine kritik richtet sich dann auch viel eher wie es, glaube ich, auch ganz gut erkennbar ist, dagegen, dass für zwanzig minuten verlängerung die kulanz bei den anwohnern leider fehlte.
daraus ergibt sich dann auch schon die hälfte meiner wie du sagst 'herablassenden' haltung gegenüber friedland. ich würde eher das wort 'enttäuscht' wählen, die gründe dafür gehören hier, denke ich, allerdings nicht her.
was sea of love betrifft, hoffe ich, dass sie sich nicht beleidigt fühlt wegen des wortes fräulein, ich jedenfalls benutze es ganz ohne negative konnotation. dafür dass du die verbindung nicht verstehst, kann ich allerdings wahrscheinlich nichts, denn "grey" lautet der titel ihres debüts... genauso verstehe ich nicht, warum ich selbstironie nicht als komik durch mitleid verstehen darf...
damit wäre ich beim letzten deiner punkte angelangt: den einzelnen bandbeschreibungen. gerade hier ist man als autor einer festivalzusammenfassung leider fast unvermeidlich angriffbar. es ist nun einmal nicht möglich, in zwei sätzen eine band treffend zu charakterisieren, die man nur für ein paar lieder auf einem festival gesehen hat. hinzu kommen individuelle punkte wie, dass es während eures auftrittes immer wieder stark geregnet hat und ich von der treppe zugehört, euch aber nicht gesehen habe, oder dass ihr eine recherche über euch nicht besonders leicht gestaltet...
normalerweise würde man sicher nicht jede aufgetretene band bei einem festivalbericht erwähnen, dann hätten in meinem text dieses mal aber nur vier gefehlt, zu denen ihr auch gezählt hättet. ich empfand eine solche auslassung aber als noch unglücklicher als die lösung wenigstens ein paar worte zu jedem künstler oder jeder gruppe zu schreiben – da die meisten gagenlos gespielt haben erschien es mir nett, zumindest alle zu erwähnen –, wenn sie auch einfach nicht immer treffend sein konnten.
wie gesagt, für den missverständlichen ausdruck telekaster betreffend entschuldige ich mich, ansonsten hoffe ich aber auf dein verständnis bei den einzelnen punkten und möchte außerdem tatsächlich nicht, dass man mir fehlendes engagement unterstellt – mit anderen auffassungen, wie solche artikel zu schreiben sind, kann ich dagegen sehr gut leben.
freundliche grüße
sven
Thom Kastning am 16.08.2010 um 12:21 UHR
Hallo Sven -
Entschuldigung angenommen! Danke für Deine Ehrlichkeit und die Einsichten in Deine Arbeitsweise.
Den Vorwurf des fehlenden Engagements habe ich Dir nicht gemacht, es ging mir darum, etwas mehr Sorgfalt aufzubringen, wenn man etwas öffentlich publiziert. In diesem Punkt werden wir unterschiedlicher Auffassung bleiben und damit kannst Du ja, wie erwähnt, sehr gut leben. Ick ooch.
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Viele Grüße,
Thom
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Thom Kastning am 15.08.2010 um 16:36 UHR
Lieber Sven (Lüder - wenn ich das Impressum richtig auslege),
abgesehen von mir nicht ersichtlichen Zusammenhängen, zum Beispiel die Verbindung von pinken Röcken und "grauen" Liebesliedern, Ungereimtheiten wie mitleidig stimmende Selbstironie und der Verwendung des Wortes Fräulein gefällt mir auch der herablassende, im Artikel ständig wiederkehrende Unterton bezüglich "Pampa", Dorfbevölkerung und Eintönigkeit nicht.
Außerdem sind ich und mein Bandkollege Falko im Festivalzusammenhang wohl kaum als "sehr jung" zu bezeichnen. Das schmeichelt, ist aber so wenig wahr, wie "Elektro-Zukunft" und die Unterstellung, daß Future Fluxus den regulären Ablauf des Telekasterkonzerts verhindert hätten. Der Zeitplan hat sich von Beginn an um eine halbe Stunde verzögert, die Auflagen besagten, daß um 1 Uhr alle Konzerte beendet sein mußten. Die Hoffnung auf 20 Minuten Karenzzeit hatte sich leider nicht bestätigt, wie ich nachher von den Veranstaltern erfahren habe. Es tut mir sehr leid für Telekaster, ein Konzertabbruch ist sicherlich eines der blödesten Dinge, die einer Band passieren können.
Mit der Bitte um etwas mehr Mühe beim ansonsten bewundernswerten Engagement von roteraupe.de,
Thom Kastning