Charlotte Gainsbourg28.06.2010 // Berlin – Volksbühne Berlin
Die Erbin der Swinging Sixties.
Wenn es eine Frau gibt, die heute in der Blüte ihres künstlerischen Schaffens steht und alle popkulturellen Träume der sechziger Jahre verkörpert, dann ist es Charlotte Gainsbourg. Ihr Vater Serge Gainsbourg war der größte Songwriter, den Frankreich je hervorbrachte, und ein ebenso veritabler Womanzier. Ihre Mutter Jane Birkin die schönste und verführerischste Schauspielerin der Swinging Sixties.
Der Auftritt in der Berliner Volksbühne, das letzte der beiden Deutschland-Konzerten von Charlotte Gainsbourg, ist eine Rarität. Schließlich scheut die 38-Jährige Liveauftritte seit Jahren. Gainsbourgs Schüchternheit ist keine aufgesetzte Attitüde, sondern Charakterzug. Sie steht dennoch auf der Bühne - aus einem inneren Drang. Ihre Performance fordert keine Anbetung ein, sondern ein Miterleben der Schönheit der Musik. Die fragile Schauspielerin trägt an diesem Abend eine schwarze Lederhose, ein weißes T-Shirt und eine schwarze Weste, an der Fransen hängen, und schwarze Bikerboots. Ihre Haare trägt sie wie ihre Mutter früher. Ansagen bleiben kurz und bündig, mit Ausnahme der herzlichen Vorstellung der fünfköpfigen Band.

Aggressiv-fordernd und sehr präsent starten Gainsbourg und Band mit dem Song "IRM" vom gleichnamigen neuen Album. Das Set besteht zum Großteil aus den Liedern dieser Platte, der zweiten nach Gainsbourgs erstem Album "5.55" aus dem Jahr 2006. Fast alle Lieder des neuen Albums hat Beck Hansen für sie geschrieben und mit "Heaven can wait", den das Volksbühnen-Publikum mit viel Beifall goutiert, einen chartstauglichen Popsong abgeliefert. Die Schauspielerin und Sängerin wagt sich bei dieser Tour auch an die geliebten Stücke ihres Vaters und singt französisch. Der besinnlichste Moment ist dann aber doch das Cover eines anderen: Bob Dylans "Just like a woman", dessen Frau Sara Gainsbourg im Dylan-Biopic "I'm not there" spielte, gelingt ihr grandios und klingt wesentlich sexier als im Original.
Ihr Blick ist während des ganzen Konzerts nach unten gerichtet. In ihrer Musik scheint sie völlig bei sich zu sein. Die Scheinwerfer leuchten nie hell und gleißend - sie schützen, statt bloßzustellen. Gainsbourg ist geborgen in einer Aura des Unwirklichen, des Entrückten, des Traumwandlerischen. Man ist für einen Moment verwundert, wie diese schlanke und fragile Person ihre Rolle in Lars von Triers "Antichrist" spielen konnte. Und im nächsten Moment erscheint es einem völlig normal, weil Gainsbourg eben eine Künstlerin ist, die bereit ist, sehr weit für ihre Kunst zu gehen und sich ihr schutzlos ausliefert.

Das Finale des Konzerts ist dann die Verbeugung vor ihrem Vater, von dessen Repertoire, wie sie mit ihrer mädchenhaften Stimme ins Mikrofon haucht, sie sich (mittlerweile) sehr gern bedient. Der Abend endet mit "Couleur Café": lebensbejahend und gelöst von jeglicher Melancholie. Merci Charlotte, dass du deine Schüchternheit für diesen Abend überwunden hast!
2 Kommentare
spiegeleule am 02.07.2010 um 09:53 UHR
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Tom am 01.07.2010 um 14:21 UHR
Schönes Review! Die Stimmung wohl viel besser eingefangen, als wenn einfach nur die Songs aufgezählt würden samt Instrumentierung.