(Pop Up 201008.05.2010 // Leipzig – Werk II
Ein weiteres Klassentreffen ist vorüber gegangen, das neunte inzwischen, auch erst später Dazugekommene haben sich inzwischen eingefunden im Bekanntenkreis. Wie sangen doch Tocotronic 1995 über die Aktivitäten bei solchen Zusammentreffen "Es gibt Bier als Pausenbrot." Zwischen den Pausen gab es im Werk 2 außerdem vier große Podiumsdiskussionen, eine mit Ständen vollbesetzte Messehalle und nicht zuletzt viele abendliche Konzerte beim diesjährigen "Treffen für die unabhängige Musikszene und -wirtschaft" in Leipzig.
So beginnt der Freitag ganz gemütlich im Werk, sinnbildlich dazu die Podiumsdiskussion zur Gentrifizierung, die auch nicht wirklich das Problem brennender Autos behandelt; es wäre allerdings auch ein wenig vermessen sich die Banlieue nach Leipzig zu holen. Leider sind sich dort die Gesprächsteilnehmer alle ein wenig zu einig, so ist bis auf die Erinnerung an den schönen Neologismus der "Bionaden-Bourgeoisie" gar wenig zu holen. Anerkannt sei aber immerhin die angenehme Aufteilung des Werk 2, sodass der Messelautstärkepegel nicht ins Diskussionszelt eindringen kann und man sowohl auf den Showcase-Konzerten wie vor der samstäglichen Lesebühnen nicht vom großen restlichen Treiben gestört wird.
Der Abend beginnt in einer der schönsten Konzerthäuser Deutschlands, dem alten Lichtspieltheater UT Connewitz, dass allein durch sein beeidruckendes Interieur zu bezaubern weiß. Am Flügel tut desgleichen der Berliner Nils Frahm mit seiner bei Peter Broderick veröffentlichten Wintermusik: Sehr langen Klavierstücken mit melancholisch-assoziativem Charakter, die, durch das Ambiente betont, dazu auffordern sich in der Dunkelheit des Raumes zu verlieren, jeder in seinen eigenen Gedanken. Darauf folgen die äußerst edel erscheinenden vier Herren der Whale Watching Tour, deren Touranfang noch durch den kaum auszusprechenden Vulkan verhindert wurde, die nun aber mit Streicherunterstützung großartige Pop-Stücke präsentieren. Violine, Piano und mehrere Laptops bilden die Grundstützen äußerst selbstständiger Stücke. Zum Abschluss gerade noch die Zugabe der Halle 5 erwischt. Tänzerschweiß und "keine Melodien" bei Jeans Team. Danach wie auch in der nächsten Nacht das vollgestopfte Ilses Erika.
Spät beginnt der nächste Tag, das schöne Wetter lockt ein wenig von der Messe weg, das volle und erwartungsreiche Abendprogramm liest sich als Imperativ des Entspannens im Leipziger Mai, sodass die Zeit bis 19 Uhr, wenn die Hamburger von Audiolith den Goldenen Bauzaun – vergeben für den schönsten Messestand – gewinnen, geradezu verfliegt.
Um kurz nach Acht bewegt sich dann die Videoleinwand hinter Arms and Sleepers und läutet mit diversen Zeitrafferausschnitten sowie Godard den zweiten Abend im UT Connewitz ein. Leider scheinen sich die sphärischen Klangschichten, anders als am Abend zuvor, ein wenig im Raum zu verlieren. Mohnas fragile Kindheitserinnerungen indessen funktionieren mit Freundesunterstützung fast ausnahmslos auch auf großer Bühne und so leitet die charmant-schüchterne Sängerin von Me Succeeds das Programm für den Höhepunkt The Devine Comedy ein. Da von Neil Hannon zu erwarten war, dass er die ihm geltende Vorfreude im Publikum möglichst groß gestalten will, reicht die Zeit für einen Spurt in die Halle 2, wo die Jungspunde von Beat! Beat! Beat! gerade bei ihrem persönlichen Höhepunkt angekommen sind und ihn mit vielen Gitarren gegen die Hallenwänd dröhnen lassen. Wieder zurück, ist auch bald "the complete banker", wie er sich selbst und einen Titel auf seinem zehnten Album betitelt, erschienen. Charmant wie witzig schraubt er seinen Klavierhocker hoch und schöpft aus dem riesigen Repertoire klassisch-stilvoller Popsongs, die sich im Laufe seiner Karriere angesammelt haben. Schlussendlich ist es wiederum die Halle 2, welche die verspätete und darum letzte Band des Festivals beherbergt. Wolf Parade liefern ein gewohnt energetisches Set, das die Boxen unangenehmerweise um einige Dezibel überfordert. Gerade weil das Quartett um die Sänger von Sunset Rubdown und Handsome Furs größtenteils auf den Zuhörern unbekannte Lieder des Ende Juni erscheinenden "Expo 86" zurückgreift, trägt das Konzert leider über weite Strecken den Charakter eines aggressiv Tinitus implantierenden Ungetüms, sodass der Slogan unter dem die diesjährige (Pop Up stand "Wir tanzen Mechanik" ganz zum Schluss noch überraschende Konnotationen dazubekommt. Im Gesamteindruck der Konzerte aber, wiegt diese Enttäuschung trotz allem nicht zu schwer.
Der Ausklang wurde schon verraten. Nächstes Jahr Jubiläum! Eigentlich gefällt es uns ja ganz gut.
2 Kommentare
sven am 18.05.2010 um 17:02 UHR
stimmt. "the bells" wurde stattdessen bei diesem zuerst eingespielt (http://www.nilsfrahm.de).
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mp3 am 15.05.2010 um 14:21 UHR
nils frahm hat wintermusik bei peter broderick veröffentlicht? neee.... erased tapes und sonic pieces heißen die labels.