Beach House25.02.2010 // Berlin – Roter Salon
Heute Abend könnte man zum melancholischsten Menschen auf der Welt werden.
Das dritte Album der aus Baltimore stammenden Beach House erscheint morgen und alles, was es ausmacht, ist die eigene Erinnerung. „Teen Dream“ ist Nostalgie, unerheblich ob Sehnsucht zu einer wirklich erlebten oder nur vorgestellten Zeit, die tiefer wirkt, als jeder nächste erst noch kommende Moment. Der Beginn des Konzertes um 23 Uhr wird so zum Aufstoßen der Tore, welche die eigene Vergangenheit bis dahin sicher verwahrten. Victoria Legrandes Stimme wird zum kindlichen Bedürfnis unter großen Brücken nach dem Wiederhallen des Echos zu rufen, nur dass das, was die bleiernen Synthesizer-Flächen ihr zurückwerfen, Erinnerungen an die erste vergangene Liebe sind.
«Don't forget the nights when it all felt right, are you not the same as you used to be?» (Used to be)
Und es nicht nur die schmerzliche Erinnerung an eine schöne Zeit, sondern vielmehr noch die Erkenntnis, dass diese Erlebnisse vergangen und damit auch unwiederbringlich verloren sind, die da abprallt von der düster-traumhaften Fläche, welche die schwer Ring besetzten Finger auf ihrem Klavier erzeugen. Es hat zu jeder Zeit den Charakter eines verschwommen Abbildes, dieser dunklen Stimme zuzuhören, welche ihre Höhepunkte mit Tonhöhe deklariert, die meiste Zeit ihre Wörter jedoch so tief in der Kehle erzeugt, dass sie einem tonlos erscheinen.
«Any way you run, you run before us» (Zebra)
So sind die langsam geschlagenen Piano-Akkorde, so zurückhaltend gespielt wie die stets begleitend gepickte E-Gitarre von Alex Scally, dem zweiten Kernmitglied von Beach House, und das distinguiert, nur ganz selten selber Höhepunkte setzende Rhythmus-Schlagzeug, in ihrer Repetition, in ihrer charakteristischen intensiv wie minimalen Intention auf das Thema der Vergangenheit übertragen, in der Lage die schönsten Bilder zu erzeugen. Die flüsternd-gedämpfte Resonanz der Akkorde wird im Schwermut des Augenblicks, wenn man die Augen schließt, weil die vielen Köpfen vor einem im ausverkauften Roten Salon ohnehin die Bühne verdecken, zu einem flachen Stein, der die Wasseroberfläche fünfmal unerwidert liebkost, bevor er eingelassen wird in das flüssige ihn gänzlich umschließende Reich, in das er geworfen wurde.
«Tear a moment from the days that carry us on forever […] Love's like a pantheon, it carries on forever.» (10 mile stereo)
Oder noch anders ist Victoria Legrande's Hauchen aus Norway der kalte Atem auf einer Fensterscheibe, in die sie anstelle davon ein letztes Mal zum Abschied zu winken, ihre Liebe mit taugenässten Fingern malt, bevor ihr Zug abfährt und Oslo für immer verlässt. Die Vergangenheit – man muss es sagen und Beach House sagen es auf ihrem umwerfenden Album Teen Dream, so sehr wie es sich im eigenen Kopf, während des grandiosen Konzertes im Roten Salon zeigt: Die Vergangenheit hat auch etwas an sich, dass nicht traurig ist, wenn man an die vielen nur noch gewesenen Momente zurückdenkt: Die Fähigkeit, anders als alles Andere, die größte Schönheit zu bewahren.
«I'll take care of you / If you ask me, too» (take care)





















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